Ein schwieriges Jubiläum. Das Südostdeutsche Kulturwerk 1951–2021

Florian Kührer-Wielach


Das IKGS sei ein „Solitär in der Wissenschaftslandschaft“, wurde der damalige Kulturstaatminister Bernd Neumann zitiert, als in München 2011 das 60-jährige Jubiläum des Südostdeutschen Kulturwerks (SOKW) und der 10. Jahrestag der Gründung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) gefeiert wurde. Der den Kulturstaatminister zitierende Festredner und spätere kommissarische Direktor des IKGS, Konrad Gündisch, fügte dem Diktum vorsorglich ein Fragezeichen hinzu – und dieses Fragezeichen soll für die kommenden Überlegungen in den Mittelpunkt rücken.1Alice Buzdugan: Singuläre Stellung in der Kultur- und Wissenschaftslandschaft, https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/11455-singulaere-stellung-in-der-kultur_-und.html, 3.5.2020; 60 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk – 10 Jahre IKGS in München, https://kulturportal-west-ost.eu/korrespondenzen/bucher-und-medien-48, 3.5.2020; George Guțu: Traditionsverpflichtet und zukunftsorientiert, https://adz.ro/kultur/artikel-kultur/artikel/traditionsverpflichtet-und-zukunftsorientiert, 3.5.2020.

Nächstes Jahr, 2021, steht erneut ein Jubiläum an – eben 70 Jahre SOKW und 20 Jahre IKGS. In diesem Jahrzehnt, das zwischen dem letzten und dem kommenden runden Jahrestag liegt, ist viel passiert: Innerhalb des Hauses hat sich ein Generationenwechsel vollzogen; gleichzeitig wurde die Forschung zu den totalitären und autoritären Regimen und Gesellschaften noch stärker vorangetrieben. Es rückten dabei Fragen nach personellen und ideologischen Kontinuitäten in den Mittelpunkt. Die Reihen der Zeitzeugen lichten sich, die Ereignisse des „kurzen 20. Jahrhunderts“ unterliegen einer Historisierung.

Dass im SOKW seit seiner Gründung teilweise bis in die 1980er-Jahre mitunter tief in den Nationalsozialismus verstrickte Akteure2Tatsächlich fanden sich in dieser Phase kaum Frauen im engeren Umfeld des SOKW. wirkten, war schon vor den letzten runden Jahrestagen kein Geheimnis mehr. Eine tiefergehende, systematische Auseinandersetzung mit der eigenen institutionellen Vergangenheit setzte jedoch erst in der jüngsten Zeit ein. Mit einem Blick auf das Gesamtthema des „1. Virtuellen Österreichischen Zeitgeschichtetages 2020“ – „Nach den Jubiläen“ – muss sich das IKGS und sein Team fragen: Was gibt es da eigentlich zu feiern nächstes Jahr?

Um diese Frage zu beantworten, werde ich im Folgenden fünf Zugänge vorstellen, die mir sinnvoll scheinen, die Entwicklung des SOKW, insbesondere mittels einiger Fragen zu seiner Handlungsmacht sowie des Publikationsprogramms, darzustellen und somit besser analysieren zu können. In einem zweiten Schritt stelle ich Überlegungen an, wie eine Aufarbeitungs-Programmatik, freilich auch jenseits von Jahrestagen, aussehen kann und wo der allgemeine Mehrwert für die Zeitgeschichtsforschung und den speziellen Förderbereich für deutsche bzw. sogenannte altösterreichische Kultur und Geschichte außerhalb Deutschlands, aber auch Österreichs, liegt.

Der Fokus liegt dabei auf den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des Kulturwerks im Jahr 1951.

1. Dispositiv

Ab der Gründungsphase zeichnet das SOKW eine Gemengelage von Grassroots-Interessen und Governance aus: Schon die Gründungssituation – vielleicht besser: der Gründungsmythos –, das Treffen in der Wohnung von Fritz Valjavec,3Johann Adam Stupp: Das Südostdeutsche Kulturwerk in München (1951–2012) und die Südostdeutschen Vierteljahresblätter. Sersheim 2016, S. 6. macht deutlich, dass hier konkrete Interessen „von unten“ vorhanden waren, eine Einrichtung zu schaffen, die sich den Belangen einer bestimmten Gruppe, eben der sogenannten Südostdeutschen, widmet. Andererseits greift der Staat früh regulierend ein, z. B. bei der Regelung, dass sich die „Forschungsstelle“ analog zu ähnlichen Einrichtungen „Kulturwerk“ nennen muss.4Krista Zach: Von der Forschungsstelle zum Institut, In: 50 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk. Südostdeutsche Vierteljahresblätter. 1951–2001. München 2001, S. 5–10, hier: S. 6.

Der Blick auf die Dramatis Personae der Gründergeneration zeigt aber auch, wie sich diese Dichotomie zwischen „Bottom-up“ und „Top-down“ im informellen Raum auflöst: So bekleidete beispielsweise Dr. Franz Hamm, 25 Jahre lang Vorsitzender des Kulturwerks, nicht nur eine Vielzahl von Ämtern im landsmannschaftlichen Bereich, sondern fungierte 15 Jahre lang als Referent im Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte in Bonn.5Johann Böhm: Junge Deutsche auf dem Territorium Jugoslawiens und ihre Karrieren in der NS-Zeit. In: Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa, 29./30. Jg. (2017–2018), https://halbjahresschrift.de/junge-deutsche-jugoslawien/, 15.07.2020.

In einer weiterführenden Untersuchung wird es nötig sein, die verschiedenen Interessenslagen der einzelnen Akteure, aber auch den lenkenden Einfluss des politischen Dispositivs zu analysieren. Welchen Nutzen hatten die verschiedenen Akteure von der Existenz des Kulturwerks über das nominelle Ziel hinaus, „südostdeutsche“ Kultur in der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland bekannt zu machen? Fungierte das SOKW als politische Plattform für bestimmte Akteure, möglicherweise auch als Einkommensquelle, weil sich für manche Personen nach 1945 sonst kaum Möglichkeiten des Geldverdienens fanden? Kann die Einrichtung der Kulturwerke auch als eine Art Ventil gedeutet werden, die eine staatlich eingehegte, aber durchaus geforderte und geförderte Integration bedeutete?

2. Diskurs

In der Auseinandersetzung mit den Protokollen des Vereins, dem medialen Echo in den landmannschaftlichen Periodika und vor allem mit dem Publikationsprogramm des SOKW wird die hybride Funktion des SOKW deutlich, die sich in den verschiedenen Diskursen niederschlug, die von ihm ausgingen. Es können drei Bereiche identifiziert werden, die sich, wie auch das Wirken des ehrenamtlichen wie angestellten Personals zeigt, kaum voneinander trennen lassen:

– Wissenschaft: Der ursprüngliche Name einer „Forschungsstelle“ verweist deutlich auf den wissenschaftlichen Anspruch, den die Akteure für die Aktivitäten des SOKW erhoben.

– Kulturvermittlung: Der Kulturwerk-Begriff stellt demgegenüber die kulturelle Vermittlungsarbeit heraus, die die Einrichtung leisten sollte. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Literatur.

– Politik: Insbesondere in den Südostdeutschen Vierteljahresblättern, der „Hauspublikation“ des SOKW, wird der Anspruch deutlich, dass die Einrichtung auch als politische Berichterstatterin und Kommentatorin wahrgenommen werden wollte. Neben der Vertriebenenpolitik wurde auch zunehmend der Kalte Krieg thematisiert.

Von Bedeutung wird in einer weiterführenden Analyse sein, diese drei Diskursstränge auf ihren Impakt zu prüfen: Wie wurden die wissenschaftlichen Publikationen rezipiert; an wen wandten sie sich? Welche Rolle wurde der Einrichtung in ihrer Tätigkeit als Förderin und Organisatorin von Vernissagen, Kulturpreisen und literarischen Publikationen beigemessen? Wie selbstreferentiell war dieses System?

Insbesondere die deutlich politisch gefärbten Äußerungen im Rahmen der SOKW-Publikationstätigkeiten und Veranstaltungen werden jedoch nur im größeren institutionellen Kontext zu beurteilten sein: Wie viele Wechselwirkungen gab es zwischen den Landmannschaften, deren Dachorganisationen und den Kulturwerken? Neben Personennetzwerken ist dabei auch die Analyse von diskursiven Zusammenhängen von Bedeutung.

3. Generationalität

Um die Arbeit des SOKW und in der Folge die des IKGS als einen langfristen Prozess zu begreifen, als eine Entwicklung zu fassen, muss ein Zusammenhang zwischen den großen geopolitischen Zäsuren und dem Personal im und um das Kulturwerk hergestellt werden. Programmatik und agency der Einrichtung stehen in direktem Zusammenhang mit dem Erlebnis- und Erfahrungshorizont seiner Akteure.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass zwei der relevantesten Persönlichkeiten im engsten Umfeld des SOKW nicht zur typischen Kohorte gehören, die ab 1940 „Heim-ins-Reich“ geholt bzw. ab 1944 geflüchtet oder ab 1945 Vertrieben wurden: Sowohl Fritz Valjavec als auch Heinrich Zillich verließen bereits in der Zwischenkriegszeit ihre Herkunftsregionen bzw. die nach 1918 neu entstandenen staatlichen Kontexte, um in Österreich bzw. Deutschland zu studieren und sich langfristig niederzulassen. Anhand ihrer Biografien wird deutlich, dass entsprechende Analysen weit vor der Gründung des SOKW anzusetzen sind: Das erste SOKW-Personal war in der Regel in (süd-)östlichen Gebieten der Donaumonarchie sozialisiert worden, während ihr „ideologischer Weg“ dann über eine „großdeutsche“ Einstellung hin zu einer gewissen – teils großen – Nähe zum Nationalsozialismus führte. Als besonders schwierig stellte sich in Vorstudien heraus, die situative Spannweite zwischen Überzeugung, Opportunismus und Zwangslagen zu beurteilen.6David Feest, Florian Kührer-Wielach (Hgg.): Verräter und Überzeugungstäter. Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte, Band XXVI, 2019. Die endogen produzierten biografischen Texte zu früheren Akteuren des SOKW zeigen in diesem Zusammenhang eine Tendenz zur Ellipse und Milde, wie beispielsweise in der Festgabe zum 50-jährigen Jubiläum des SOKW deutlich wird.750 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk. Südostdeutsche Vierteljahresblätter. 1951–2001. München 2001.

Aus einer völlig anderen Lebenswelt kam eine zweite Generation von SOKW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern – teils vor 1989, teils danach: Sie waren Aussiedlerinnen und Aussiedler aus Rumänien, hatten Teile ihres Lebens, so auch ihre Karrieren, im Kontext des kommunistischen Regimes verbracht und gestalten müssen. Dieser Erfahrungshorizont, der sich deutlich von jenem der ersten Generation unterschied, brachte einerseits neue Perspektiven und freilich auch neues Hintergrundwissen ein. Wie ein solches in ein wissenschaftliches Programm transferiert werden konnte, zeigen in den späten 2000er-Jahren begonnene Projekte, die sich der Aufarbeitung von einschlägigen, also gruppen- und milieubezogenen Geheimdienstakten der Securitate widmeten.

Von größter Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die konsequente Öffnung des literaturwissenschaftlichen Forschungs- und Publikationsprogrammes für deutsch-jüdische, insbesondere für aus der Bukowina stammende Schriftstellerinnen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Diese programmatische Erweiterung fußt letztlich wiederum auf dem persönlichen Erfahrungshorizont, der von den Aussiedlerinnen und Aussiedlern aus dem kommunistischen Rumänien eingebracht wurde.

In den letzten fünf Jahren erfolgte ein erneuter Generationenwechsel, dessen deutlichstes Merkmal ist, dass die Akteurinnen und Akteure zum größten Teil nicht mehr einer „südostdeutschen“ Gruppe zuzurechnen sind.8www.ikgs.de/team, 15.07.2020.

Bei einer Beurteilung des Faktors Generationalität, der jedoch für die jüngste Zeit aus naheliegenden Gründen weder im Haus noch zu diesem Zeitpunkt sinnvoll erscheint, bleibt es wichtig, kein künstliches und apodiktisches Generationenparadigma zu generieren: Die Akteurinnen und Akteure des SOKW wiesen trotz einer gewissen gemeinsamen Herkunft und Sozialisierung zu keinem Zeitpunkt eine monolithische Einstellung oder einen durchgehend kollektiven Erfahrungshorizont auf. Dass sich Generationen und ihre Prägungen zuweilen stark überlappen, belegt die Tatsache, dass Heinrich Zillich bis wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1988 in die Redaktion bzw. die Herausgabe der Südostdeutschen Vierteljahresblätter involviert war, eine thematische Öffnung aber bereits seit den 1970er-Jahren zu beobachten ist.

4. Heterogenität

Bei aller am Ende vorzunehmenden Verallgemeinerung erfordert die Analyse des SOKW-Programmes und seiner agency, insbesondere wenn der Fokus auf der NS-Zeit bzw. ideologischen Kontinuitäten liegt, eine auf das Individuum heruntergebrochene Prüfung der Quellen.

Der völlig legitime Fokus auf jene, sich vermutlich auch in der Mehrheit befindlichen Akteure, die zu einem hohen Grad in den Nationalsozialismus involviert waren, droht jene außer Acht zu lassen, die sich vor 1945 (und auch danach) abweichend, zumal kritisch positioniert haben. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang vor allem stark im kirchlichen Milieu verankerte Personen wie beispielsweise Adalbert Karl Gauss, der noch 1939 versucht hatte, sich mit einer Vierteljahresschrift gegen die Einflüsse des Nationalsozialismus bei den Donauschwaben zu stellen.9Stefan P. Teppert: Karl Adalbert Gauss, https://kulturportal-west-ost.eu/biographien/gauss-adalbert-karl-3, 15.07.2020.

Andererseits zeigen Biografien wie jene Valjavec‘ oder Hamms, der sich nach 1945 stark in kirchlichen Zusammenhängen engagierte, dass die Zuordnungen „völkisch“, „großdeutsch“, „rechtskonservativ“, „bürgerlich“, „klerikal“ etc., nicht nur diachron, sondern auch in einer gewissen Gleichzeitigkeit miteinander und aufeinander bezogen valid bleiben können oder in bestimmten Fällen kaum voneinander zu trennen sind.

Vom „südostdeutschen“ Paradigma überdeckt wird teils die Bedeutung der konkreten ethnoregional-konfessionellen Herkunft: Wie aus einem in Archivdokumenten bzw. der Korrespondenz zu einem internen Konflikt aus den frühen 1980er-Jahren hervorgeht, war es im SOKW über die Jahrzehnte seiner Existenz hinweg ein wichtiges Thema, dass das Arbeits- und Publikationsprogramm eine Ausgewogenheit zwischen den einzelnen Gruppen, insbesondere zwischen den beiden dominanten, Siebenbürger Sachsen und den Donauschwaben, aufwies.10Archiv des SOKW, IKGS München, unerschlossen.

Aus Korrespondenzen und Egodokumenten – wie z. B. Heinrich Zillichs Tagebüchern11Nachlass Heinrich Zillichs, IKGS München, unerschlossen. – lassen sich bi- und multilaterale Koalitionen wie Konflikte herauslesen, die mit den Topoi Herkunft und Ideologie in Zusammenhang stehen können, aber keinesfalls müssen. Die jeweilige soziale, wirtschaftliche und mentale Integrationssituation in den Nachkriegskontext spielt eine kaum zu unterschätzende Rolle, hatte sie doch konkrete Auswirkungen auf die Karriere unter demokratischen Bedingungen: Für einen größeren Teil der Umsiedler, Flüchtlinge und Aussiedler im Kultur- und Wissenschaftsbereich dürfte es sich mit dem Neubeginn in Deutschland oder Österreich eher um einen sozialen und wirtschaftlichen Abstieg gehandelt haben; ein kleinerer Teil schaffte es, an den Status vor dem Krieg bzw. im Krieg anzuschließen. Konkret nachvollziehbar ist in dieser Hinsicht z. B. die persönliche Verbitterung Heinrich Zillichs ab dem Jahr 1945. Aus seinen Tagebüchern lässt sich parallel dazu eine rasche innere Re-Radikalisierung ableiten. Offen oder verdeckt ausgetragene Konflikte mit „erfolgreicher“ integrierten Personen aus dem „ostdeutschen“ Vertriebenen- und Aussiedlermilieu, aber auch in darüber hinausgehenden Schriftstellerkreisen, erscheinen aus dieser Sicht evident.

In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, wie sich die psychosoziale Selbstverortung auf die Publizistik des SOKW niederschlägt und welche diskursiven Strategien angewendet wurden, um eine kollektive und individuelle Involvierung in den Nationalsozialismus zu be- oder zu umschreiben. Es lässt sich in den Diskursen ein passiv-aggressiver Grundton feststellen, insbesondere, wenn die NS-Zeit thematisiert wird. (Was selten genug passiert.)

5. Netzwerke

Die paradigmatische Bedeutung des relativ kleinen SOKW ist besser zu beurteilen, wenn es als ein Knoten in einem multiplen Netzwerk betrachtet wird. Dieses wäre auf mehreren Ebenen zu analysieren.

Besonders wichtig erscheint der lokale Kontext: Schon allein der führend von Valjavec aufgebaute Cluster aus Südosteuropa-Institutionen in München führt zu der Frage, welche denn die spezielle Funktion des SOKW in diesem Konstrukt war.12Jüngst dazu: Robert Pech: Zwischen Nähe und Distanz. Fritz Valjavec und die Südost-Forschung im Nationalsozialismus. In: Nordost-Archiv XXVI (2017), S. 30–56. Die Dokumente im Nachlass Zillichs wiederum belegen, dass rund um den Starnberger See einschlägige schriftstellerische Kontakte gepflegt wurden, lebten doch andere, ideologisch ähnlich aufgestellte Zeitgenossen wie Waldemar Bonsels gleichsam in Rufweite.

Ebenso von Bedeutung ist eine „zivilgesellschaftliche“ Komponente: die Verbindungen in die und die Überschneidungen mit den in der Bundesrepublik Deutschland tätigen Landsmannschaften und Kulturwerken, die sich in gemeinsamen kulturellen Aktivitäten, aber auch in politischen Kampagnen äußerten.

Während es für diese Bereiche immerhin eine Reihe von Vorstudien gibt, die entweder das SOKW und ihr Personal explizit einbeziehen oder zumindest einige Möglichkeiten für die Parallelisierung eröffnen, ist die trans- und internationale Ebene noch weitgehend unerforscht: Einerseits haben gerade die Südostdeutschen Vierteljahresblätter immer wieder über die „Landsleute“ aus Übersee berichtet, sodass ein gewisses globales „auslandsdeutsches“ Zusammengehörigkeitsgefühl gefördert wurde, dessen Grundlagen mitunter in der staatlichen wie nichtstaatlichen Propagandatätigkeit der Zwischenkriegszeit zu suchen sind.

Andererseits wurden zunehmend die Beziehungen zu den in den ehemaligen Herkunftsgebieten verbliebenen bzw. manchmal sogar zurückgekehrten deutschen Gruppen thematisiert und allmählich auch verwissenschaftlicht. Eventuelle konkrete und mitunter vielleicht bedeutende Verbindungen zum SOKW ließen sich jedoch erst feststellen, wenn weitere Dokumente, beispielsweise Überwachungsakten, auf diese Frage hin ausgewertet würden.

Noch weniger erforscht sind die Aktivitäten und Verbindungen nach Österreich. Zwar sind diese im personellen wie im programmatischen Bereich gut belegt – wie beispielsweise entlang gemeinsamer Ausstellungen und Publikationsförderungen. Mit der kurzlebigen Kultur- und Forschungsstelle der Österreicher aus dem Donau-, Sudeten- und Karpatenraum und seiner Zeitschrift Österreichische Begegnungen schien in den 1960-Jahren sogar eine österreichische Variante von Vertriebenen-Kulturwerk und Vertriebenen-Kulturzeitschrift zu existieren. Die Kontakte zu den Vertriebenenakteuren und Institutionen sind also nachweisbar, aber in ihrer Dynamik und Wechselwirkung mit der bundesdeutschen Szene kaum erforscht.

Überlegungen zur Aufarbeitung – mit und ohne Jubiläum

Welche vorläufigen Schlüsse lassen sich aus Programmatik, Personal und agency des SOKW in Bezug auf die NS-Zeit ziehen; welche Fragen müssen aufgeworfen werden?

Die Gründung des Kulturwerks fällt für die sogenannten Volksdeutschen in der Bundesrepublik in eine Phase der Liminalität: Ein Zurück wurde immer unwahrscheinlicher; die mentale, wirtschaftliche und kulturelle Integration in die sich ebenfalls im radikalen Wandel eines Wiederaufbaus befindliche Nachkriegsgesellschaft vollzog sich gleichsam unter Vorbehalt.

Aus einer Sicht der langen Dauer lässt sich eine stärkere Verwissenschaftlichung des Kulturwerks beobachten, wie auf institutioneller Ebene vor allem die Gründung des IKGS sowie die stufenweise Auflösung des SOKW zeigen. Eng verbunden mit dieser Entwicklung, die erneut von einem Zusammenspiel von äußeren und inneren Faktoren vorangetrieben und/oder gebremst wurde, sind die bisherigen Bemühungen um eine Auseinandersetzung der NS-Vergangenheit des SOKW und der gesamten Szene. Zu berücksichtigen sind dabei folgende Faktoren:

– Die Einordnung des Vertreibungsgeschehens nach 1945 im Verhältnis zur Shoa, das zwischen Verschweigen und Aufwiegen oszillierte.

– Die Beschäftigung mit der Situation in Rumänien und Ungarn, wo auch nach 1945 jeweils ein relativ großer Teil der deutschen Minderheitengruppen bleiben konnte, überlagerte die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Opfer-Diskurse und Täter-Diskurse schienen sich teilweise gleichsam aufzuheben.

– Die bisherigen Aufarbeitungsbestrebungen erweisen sich als durchaus verdienstvoll, wurden jedoch im endogenen Bereich von einer gewisse Milde, im exogenen Bereich hingegen von Wut getrieben.

Überlegungen zu einem Forschungsdesign

– Die Aufarbeitung muss aktiv gestaltet werden, das IKGS eine umfassende Kompetenz für die eigene Geschichte entwickeln.

– Eine gleichsam von innen angestoßene und durchgeführte Aufarbeitung der Institutsvergangenheit bedingt die Einbeziehung externer Forschung, um auch eventuelle unbeabsichtigte blinde Flecken auszuleuchten.

– Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit soll nicht dazu führen, die Entwicklung des SOKW und ihre Erforschung auf dieses Thema zu beschränken.

– Der institutionelle Zuschnitt des SOKW bedingt einen interdisziplinären Zugang, wie er in diesem Panel vorgestellt wurde: Institutionengeschichte, biografische Zugänge, literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven sowie diskursanalytische Ansätze ermöglichen es, ein umfassendes Bild zu bekommen.

– Eine weitgehende Digitalisierung der Bestände, soweit vertretbar, ermöglicht die Einbeziehung der Wissenschaftsgemeinschaft. Neben rechtlichen Aspekten spielt vor allem eine gewisse Digitalisierungs- bzw. Publizitätsethik eine Rolle.

– Eine vorläufige Auswertung von internen und externen Vorstudien zeigt, dass in der Beurteilung von personellen und institutionellen Entwicklungen Ambivalenzen zugelassen werden müssen, um aus der spezifischen Geschichte einer kleinen Kultur- und Forschungseinrichtung verallgemeinerbare Schlüsse zu ziehen.

– Einige Beispiele aus der bisherigen Praxis – wie z. B. die noch nicht abgeschlossene Aufarbeitung der Biografie und des Wirkens Valjavec‘ wie auch der Geschichte der Südosteuropa-Gesellschaft13https://www.sogde.org/suedosteuropa-gesellschaft/zur-geschichte-der-sog/, 15.07.2020. – ermöglichen es, bereits gesammelte Erfahrungen in ein Forschungsdesign einfließen zu lassen.

– Wichtig wird auch der Austausch mit laufenden Projekten wie z. B. jenes am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen zum Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (1949–1969).14www.geschichte-vertriebenenministerium.de, 3.5.2020.

Potenziale und Mehrwert

1. Die relative Überschaubarkeit der Geschichte und des Personals des SOKW ermöglicht eine sehr umfassende und tiefgehende Analyse gleichsam zu „Laborbedingungen“.

2. Die Heterogenität der handelnden Personen spiegelt die großen ideologischen und kulturellen Konflikte einer sich demokratisierenden Gesellschaft wie in einem Brennglas wider; es können Fragen zu Kontinuitäten und Prozessen der Transformation, der Adaption und Integration im Detail untersucht werden.

3. Eine spätere Ausweitung von Untersuchungszeitraum und Fragestellung würde weitere Perspektiven ermöglichen, sodass beispielsweise auch Fragen zum Geschlechterverhältnis, zu Wissenschaftsmanagement und governance, zu trans- und internationalen Beziehungen sowie auch für psychologische Topoi wie Marginalisierung, Verlust und Zukunftsbewältigung bearbeitet werden können. Dazu kommt die bedeutende Frage, welches politische Welt- und Europabild sich hier im Kontext des Kalten Krieges erhält und/oder entwickelt.

4. Einen besonderen Mehrwert stellt die erhöhte Anschlussfähigkeit an die allgemeine Zeitgeschichtsforschung dar, die aus verschiedenen, teils qualitativen, teils atmosphärischen Gründen bislang nur bedingt gegeben war, jedoch dringend nötig wäre.

5. Ein umfassender und in den Kontext des kurzen 20. Jahrhunderts eingebetteter Vergleich der völlig divergierenden Vertriebenenpolitik in Deutschland und Österreich drängt sich in diesem Zusammenhang gleichsam auf.

Was also feiern?

Kulturinstitutionen tendieren wie nahezu alle Kollektive dazu, sich mit einer entsprechenden Narration möglichst große Kontinuität zu verleihen. Im Falle des IKGS erscheint dies, wie in diesem Panel dargelegt, ein durchaus ambivalentes Unterfangen. Das IKGS ist daher gut beraten, im nächsten Jahr seinen 20er zu feiern und die sieben Jahrzehnte seit der Gründung des SOKW, das kurz nach seinem 60er aufgelöst wurde, eher als einen Arbeitsauftrag zu sehen. Es wird dabei eine Frage der Fairness, aber auch der Wissenschaftlichkeit sein, das SOKW nicht nur nach seinem Gründungspersonal zu beurteilen, sondern eine Entwicklung nachzuverfolgen, die letztlich die Gründung des IKGS erst ermöglicht hat.

Das Diktum vom „Solitär in der Wissenschaftslandschaft“ wird sich dann mit gutem Grund, mit neuem Wissen und Gewissen, weiter zitieren lassen.


Bearbeitetes Vortragsmanuskript. Vortrag gehalten im Rahmen des Panels „‘Südostdeutsche‘ Kulturarbeit auf dem Prüfstand. Kontinuitäten, Netzwerke, Forschungspotentiale“ im Rahmen des 1. Virtuellen Österreichischen Zeitgeschichtetags, 18.4.2020.

Tobias Weger (München): Das Südostdeutsche Kulturwerk in München im Kontext der westdeutschen „Vertriebenenkulturarbeit“ nach 1945. (Working Paper)

Enikő Dácz (München): Vom „gottbegnadeten“ Schriftsteller zum Schriftleiter. Heinrich Zillichs literarisches Netzwerk vor und nach 1945. (Working Paper)

Florian Kührer-Wielach (München): Ein schwieriges Jubiläum. Das Südostdeutsche Kulturwerk 1951–2021.

Chair: Linda Erker (Wien)


[1] Alice Buzdugan: Singuläre Stellung in der Kultur- und Wissenschaftslandschaft, https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/11455-singulaere-stellung-in-der-kultur_-und.html, 3.5.2020; 60 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk – 10 Jahre IKGS in München, https://kulturportal-west-ost.eu/korrespondenzen/bucher-und-medien-48, 3.5.2020; George Guțu: Traditionsverpflichtet und zukunftsorientiert, https://adz.ro/kultur/artikel-kultur/artikel/traditionsverpflichtet-und-zukunftsorientiert, 3.5.2020.

[2] Tatsächlich fanden sich in dieser Phase kaum Frauen im engeren Umfeld des SOKW.

[3] Johann Adam Stupp: Das Südostdeutsche Kulturwerk in München (1951–2012) und die Südostdeutschen Vierteljahresblätter. Sersheim 2016, S. 6.

[4] Krista Zach: Von der Forschungsstelle zum Institut, In: 50 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk. Südostdeutsche Vierteljahresblätter. 1951–2001. München 2001, S. 5–10, hier: S. 6.

[5] Johann Böhm: Junge Deutsche auf dem Territorium Jugoslawiens und ihre Karrieren in der NS-Zeit. In: Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa, 29./30. Jg. (2017–2018), https://halbjahresschrift.de/junge-deutsche-jugoslawien/, 15.07.2020.

[6] David Feest, Florian Kührer-Wielach (Hgg.): Verräter und Überzeugungstäter. Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte, Band XXVI, 2019.

[7] 50 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk. Südostdeutsche Vierteljahresblätter. 1951–2001. München 2001.

[8] www.ikgs.de/team, 15.07.2020.

[9] Stefan P. Teppert: Karl Adalbert Gauss, https://kulturportal-west-ost.eu/biographien/gauss-adalbert-karl-3, 15.07.2020.

[10] Archiv des SOKW, IKGS München, unerschlossen.

[11] Nachlass Heinrich Zillichs, IKGS München, unerschlossen.

[12] Jüngst dazu: Robert Pech: Zwischen Nähe und Distanz. Fritz Valjavec und die Südost-Forschung im Nationalsozialismus. In: Nordost-Archiv XXVI (2017), S. 30–56.

[13] https://www.sogde.org/suedosteuropa-gesellschaft/zur-geschichte-der-sog/, 15.07.2020.

[14] www.geschichte-vertriebenenministerium.de, 3.5.2020.

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