Aktuelles Heft 2017–2018



Abstracts

Osteuropas illiberale Revolution. Ihre Ursprünge im langen 20. Jahrhundert und der neue Ost-West-Konflikt

Marc Stegherr

Die Ankündigung Orbáns, dass Ungarn sich in eine illiberale Demokratie wandeln sollte, die dem, was er als „linke“, ultraliberale Verzerrung von Demokratie empfand, entgegentreten sollte, wurde von vielen Intellektuellen und Politikern in Osteuropa positiv aufgenommen. Diese mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 noch populärer gewordenen Ansichten haben jedoch tieferliegende historische, kulturelle und mentale Wurzeln. Diese müssen freigelegt werden, um die größer werdende Kluft zwischen Ost und West, die mittlerweile die Zukunft eines vereinten Europa bedroht, zu überwinden.

Eastern Europe’s Illiberal Revolution. Its Origins in the Long 20th Century and the New East-West Conflict

Marc Stegherr

Orbán has declared that Hungary would create an illiberal democracy opposed to what he perceived as a left wing, ultraliberal deformation of democracy. This position widely shared by intellectuals and politicians in Eastern Europe found followers especially during the refugee crisis of 2015, but it has deeper historical, cultural and mental roots. They need to be considered in order to overcome the deepening rift between East and West, which is already threating the future of a united Europe.


Zivilgesellschaft und Vereinswesen in Südosteuropa

Klaus Roth

Der Beitrag diskutiert die Bedeutung von Zivilgesellschaft und Vereinswesen im heutigen Südosteuropa. Vor dem historischen Hintergrund der zivilgesellschaftlichen Entwicklung im westlichen Europa, die eng mit dem Aufkommen eines Bürgertums seit dem Mittelalter und dessen Streben nach Gemeinwohl verbunden ist, widmet sich der Autor der spezifischen Situation in Südosteuropa und dessen Erbe zweiter imperialer Strukturen. Während in den habsburgischen Gebieten rasch Vereine gegründet wurden, waren Gesellschaften unter osmanischer Herrschaft meist von inoffiziellen Netzwerken, Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen und Klientelismus geprägt. Die auch heute noch nachrangige Bedeutung von Vereinszusammenschlüssen in Südosteuropa erklärt sich aus den Folgen der postkommunistischen Transformation, die zu einem Rückzug ins Privatleben und die Wahrnehmung des Staates als ständigen Feind führte. Aus diesem Grund verschwammen in vielen Gesellschaften Südosteuropas die Grenzen zwischen politischer Klasse, Zivilgesellschaft und Privatleben, wie sich in zahlreichen EU-Berichten widerspiegelt. In seinen abschließenden Überlegungen werden die Massenproteste der rumänischen Bevölkerung gegen die Regierung jedoch als ein optimistisches Beispiel für eine wachsende Zivilgesellschaft genannt.

Civil Society and Associations in Southeastern Europe

Klaus Roth

The article discusses the importance of civil society and associations in present-day Southeastern Europe. Against the historical backdrop of the development of civil society in Western Europe, which is closely related to the emergence of a middle class since the Middle Ages and its pursuit of the common good, the author devotes himself to the specific situation in Southeastern Europe and its legacy of two imperial structures. While associations proliferated in the Habsburg-controlled areas, societies under Ottoman rule were mostly characterized by unofficial networks, kinship and friendship relationships and clientelism. The still subordinate importance of associations in Southeastern Europe can be explained by the consequences of the post-communist transformation, which led to a retreat into private life and the perception of the state as a constant enemy. For this reason, the boundaries between political class, civil society and private life blurred in many societies in Southeastern Europe, as is reflected in numerous EU reports. In his final considerations, however, the mass protests by the Romanian population against the government are cited as an optimistic example of a growing civil society.


Der lange Schatten des Friedensvertrages von Neuilly-sur-Seine mit Bulgarien 1919

Björn Opfer-Klinger

Der Vertrag von Neuilly-sur-Seine vom 27. November 1919 war für die damaligen bulgarischen Eliten das unerwartete Ende der nationalen Vision einer „Vereinigung aller Bulgaren“. In drei Kriegen, dem Ersten und dem Zweiten Balkankrieg 1912/13 und dem Ersten Weltkrieg versuchte die bulgarische Staatsführung das Land zu einer regionalen Hegemonialmacht aufsteigen zu lassen. Die damaligen Kriegs-, Flucht- und Vertreibungserfahrungen lebten und leben bis heute nach, nicht nur in der bulgarischen Gesellschaft. Angesichts des Vertrauens in die Friedensformel des US-Präsidenten Woodrow Wilson einer Neuordnung auf Basis des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ erwarteten die bulgarischen Eliten 1919 unter territorialem Aspekt einen milden Frieden. Ähnlich wie in Deutschland und Ungarn war dann aber der Schock über die letztendlichen Friedensbedingungen gravierend. Der Frieden rief ein tiefes nationales Trauma hervor. Der Vertrag von Neuilly wurde damals als angeblicher „Schand-“ und „Diktatfrieden“ gewertet, was für eine wachsende nationalistische und rechtsgerichtete Szene in Bulgarien auch heute noch gilt. Dies lag und liegt auch an der fehlenden Aufarbeitung seit 1919.

The Long Shadow of the Neuilly-sur-Seine Peace Treaty with Bulgaria in 1919

Björn Opfer-Klinger

The Treaty of Neuilly-sur-Seine of 27 November 1919 was the unexpected end of the national vision of  “unification of all Bulgarians” for the Bulgarian elites of that time. In three wars, the First and Second Balkan Wars in 1912/13 and the First World War, the Bulgarian government tried to turn the country into a regional hegemonic power. The experiences of war, flight and displacement at that time lived and still live on today, not only in Bulgaria’s society. Given the confidence in US President Woodrow Wilson’s peace formula of a reorganization based on the “right of self-determination of peoples”, the Bulgarian elites expected a moderate solution to the conflict from a territorial point of view in 1919. Similar to Germany and Hungary, the shock at the ultimate peace conditions was bitter. The peace treaty caused deep national trauma. The Treaty of Neuilly was seen as an alleged “shame” and “dictated peace” – paroles still used today by a growing nationalist and right-wing scene in Bulgaria today. This was and is also due to the lack of historical research since 1919.


Junge Deutsche auf dem Territorium Jugoslawiens und ihre Karrieren in der NS-Zeit

Johann Böhm

Der Beitrag widmet sich dem politischen Leben der Jugoslawiendeutschen und ihrer führenden Akteure in der Phase des Nationalsozialismus. Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung nach 1918 stellt der Autor die inneren Machtkämpfe zwischen den Konservationen und den radikalen „Erneuerern“ sowie die letztliche Durchsetzung des nationalsozialistischen Lagers dar. In einem weiteren Schritt wird das Wirken der NS-Akteure im südslawischen Raum bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs schlaglichtartig behandelt. Darüber hinaus werden die personellen Kontinuitäten nach 1945 und die damit verbundene Beeinflussung der von Vertriebenen gegründeten Institutionen in der BRD und der von ihnen mitgeprägte, einschlägige Nachkriegsdiskurs thematisiert. Dass eine seriöse Aufarbeitung der Ereignisse ab 1933 unter solchen Umständen kaum möglich war, belegen auch die exemplarischen Biografien führender Akteure der Jugoslawiendeutschen im zweiten Teil der Studie.

Young Germans in Yugoslavia and Their Careers in the Nazi Era

Johann Böhm

The article is devoted to highlighting the political life of Yugoslav Germans and their protagonists in the period of National Socialism. After a brief overview of the developments following 1918, the author outlines the internal power struggles between the conservatives and the radical “innovators” as well as the ultimate victory of the National Socialist camp. In a further step, the work of the Nazi exponents in the South Slavic region until the end of the Second World War is highlighted. In addition, the continuity of personnel after 1945 and the associated influence on the institutions founded by expellees in the Federal Republic of Germany and the relevant post-war discourse that they also influenced are discussed. The exemplary biographies of leading Yugoslav Germans in the second part of the study also prove that an honest re-evaluation of events from 1933 under such circumstances was hardly possible.


Ambivalente Lebensläufe. Securitate-Offiziere zwischen Verklärung und Sachlichkeit (3)

William Totok

Im Mittelpunkt des 3. Teils der Studie „Ambivalente Lebensläufe“ steht die rumänienserbische Securitateoffizierin Vida Nedici, um die sich verschiedene, aus der Gefängnisfolklore entnommene Legenden ranken. Ihre Biografie wird hier mit belegbaren Tatsachen, Ereignissen und Archivdokumenten rekonstriert und ergibt ein schillerndes Bild einer Person, die der Securitate diente und dennoch zu deren Opfer wurde. Teil 1 erschien in der Halbjahresschrift 2016, Heft Nr. 1 und 2, S. 61–82; Teil 2 in Rudolf Gräf, Gabriella-Nóra Tar, Ioana Florea (Hgg.): „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Festschrift für Eginald Schlattner zum 85. Geburtstag. Studia Germanica Napocensia, Bd. 5. Klausenburg: Universitätsverlag 2018, S. 19–46.

Ambivalent CVs. Securitate Officers between Romanticisation and
Objectivity (3)

William Totok

The third part of the “Ambivalent CVs” study focuses on Romanian-Serbian security officer Vida Nedici, around whom various legends from prison folklore have grown up. Her biography is reconstructed here with verifiable facts, events and archival documents, producing a dazzling picture of a person who served the Securitate and nevertheless became its victim. Part 1 appeared in the 2016 Halbjahresschrift, issues No. 1 and 2, pp. 61–82; Part 2 in Rudolf Gräf, Gabriella-Nóra Tar, Ioana Florea (eds.): “Here I stand, I cannot do otherwise.” Commemorative Publication for Eginald Schlattner on his 85th birthday. Studia Germanica Napocensia, Vol. 5. Cluj: Universitätsverlag 2018, pp. 19–46.


Informationen der DDR-Staatssicherheit über die Lage in der ČSSR 1968 (I)

Bernd Florath

Die Dynamik, die Ideen und der Enthusiasmus des Prager Frühlings zogen 1968 auch die Blicke der DDR-Bewohner magnetisch an. Aus Sicht der SED und ihrer Geheimpolizei, dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), galt es zu verhindern, dass der gefährliche Funke von Prag in die DDR übersprang. Das MfS übermittelte der DDR-Führung daher wiederholt Berichte über die Entwicklungen im Nachbarland, wobei es sich unter anderem auf Informationen moskautreuer ČSSR-Geheimdienstmitarbeiter stützte. Diese Berichte offenbaren, was das MfS als sicherheitsrelevant und mitteilenswert erachtete, und zugleich reflektieren sie die transnationalen Verflechtungen der sozialistischen Gesellschaften. In der vorliegenden Nummer werden Berichte aus dem Zeitraum 10. März bis 3. August 1968 ediert. In der nächsten Ausgabe der Halbjahresschrift folgen dann Berichte vom 23. August bis 18. November 1968, also nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen mehrerer verbündeter sozialistischer Länder.

Status Reports of the GDR Ministry for State Security on the Situation in the ČSSR in 1968 (I)

Bernd Florath

The dynamism, ideas and enthusiasm of the Prague Spring also attracted the attention of the inhabitants of the German Democratic Republic like a magnet in 1968. From the point of view of the ruling Socialist Unity Party of Germany and its secret police, the Ministry of State Security (MfS), it was necessary to prevent the dangerous spark from jumping from Prague to the GDR. The MfS therefore repeatedly submitted reports to the GDR leadership on developments in the neighboring country, relying, among other things, on information provided by intelligence officers loyal to Moscow within the Czechoslovak Socialist Republic. These reports reveal what the MfS considered to be security-relevant and worth sharing. At the same time, they reflect the transnational interdependencies of socialist societies. This article lists reports from 10 March to 3 August 1968. In the next number you will find reports from 23 August to 18 November 1968, i.e. after the occupation of Czechoslovakia by troops from several allied socialist countries.