Rezension | Stefano Bottoni: Long awaited West. Eastern Europe since 1944

Stefano Bottoni: Long awaited West. Eastern Europe since 1944. Translated by Sean Lambert. Bloomington: Indiana University Press 2017. Paperback, 7 Karten, 292 S.

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Georg Herbstritt


Der ungarische Historiker Stefano Bottoni wagt mit seinem neuen Buch einen längst überfälligen Schritt, den bislang wenige gegangen sind: Er verbindet die Jahrzehnte vor und nach 1989 zu einer fundierten Gesamterzählung.1Zu diesem Ansatz siehe beispielsweise Frank Bösch (Hg.): Geteilte Geschichte. Ost- und Westdeutschland 1970–2000. Göttingen 2015. Damit gelingt es ihm, die Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft in die längerfristige Entwicklung der ostmittel- und südosteuropäischen Länder einzubetten. Räumlich umfasst das Buch die europäischen Länder des sowjetischen Machtbereichs von Polen bis Bulgarien einschließlich Jugoslawiens und Albaniens, ohne die Sowjetunion. Zeitlich erstreckt sich die Untersuchung auf die rund sieben Jahrzehnte von 1944 bis in die unmittelbare Gegenwart.

Methodisch greift das Buch den Ansatz des französischen Historikers Fernand Braudel von der „longue durée“ auf: es arbeitet längerfristige Entwicklungstendenzen in der Geschichte (Ost-)Europas heraus. Im Hinblick auf die Länder Ostmittel- und Südosteuropas erinnert das Buch etwa an die Spätfolgen ihrer Nation-Building-Prozesse oder an ihre traditionell periphere Lage gegenüber den Zentren der industriellen und kapitalistischen Entwicklung. Die gegenwärtigen innereuropäischen Differenzen werden daher nicht auf die aus dem Kalten Krieg überkommene „Ost-West-Dichotomie“ reduziert. Vielmehr – so eine Kernthese des Buches – wird die „kommunistische ‚Abweichung‘“ Ostmittel- und Südosteuropas als ein „verflochtenes Resultat externer (sowjetischer) Aggression und ungelöster interner Widersprüche (wirtschaftliche Unterentwicklung, soziale Ungleichheit, Nationalitätenkonflikte), welche sich seit der Zwischenkriegszeit tief in die kollektive Erinnerung und die sozialen Systeme der osteuropäischen Menschen/Völker eingegraben haben“ (S. 8), angesehen.

Zwei Drittel des Buchumfanges sind dem Zeitraum 1944 bis 1989/91 gewidmet. Darin werden die wichtigsten historischen Etappen von der Etablierung der kommunistischen Herrschaft bis zu ihrem Ende dargestellt. Bemerkenswert ist, wie es dem Autor gelingt, dabei stets alle Länder seiner Untersuchungsregion im Blick zu behalten. Dabei werden allgemeingültige Entwicklungen ebenso wie länderspezifische Besonderheiten deutlich, auch wenn keines der Länder im Detail analysiert werden kann. Zu den interessanten Ergebnissen dieser Herangehensweise gehört etwa die Feststellung, wie stark die westlichen Länder seit Ende der 1970er-Jahre ihre finanzielle Stärke als Hebel nutzten, um Einfluss auf politische Änderungen in den stark verschuldeten sozialistischen Ländern – in Polen und der DDR, in Ungarn und Rumänien – zu nehmen. Und manches davon erinnert an die Schuldenkrisen der vergangenen Jahre. Eine längerfristige Entwicklungstendenz lässt das Buch auch für die ländliche Region erkennen, da es nicht nur die erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt, sondern auch das gegenwärtige „Landgrabbing“ erwähnt, also den massenhaften Aufkauf von Agrarflächen in diesen Ländern durch (internationale) Großinvestoren und Agrarunternehmen, womit die ländlichen Besitz- und Strukturverhältnisse erneut tiefgreifend verändert werden.

Das letzte Drittel des Buches zeichnet kursorisch insbesondere die politische und wirtschaftliche Transformation der jeweiligen Länder nach, geht auf demografische Entwicklungen und die Lage der Roma ein.

Insgesamt wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Ansatz der „longue durée“ in der historischen Darstellung noch stärker zum Tragen gekommen wäre. Das Buch schlägt eine richtige Richtung ein, schöpft die Möglichkeiten dieses Ansatzes aber noch nicht aus.

Die wissenschaftlichen Themenschwerpunkte des Autors und seine persönliche Haltung scheinen in dem Buch deutlich durch, was ihm aber keinesfalls zum Nachteil gereicht. Als ungarischer Rumänienexperte gibt Bottoni diesen beiden Ländern mehr Raum in seiner Studie, als dies vielleicht zu erwarten wäre. Gerade der deutsche Blick auf den „Ostblock“ richtet sich ja zumeist auf das „nördliche Dreieck“ Polen – Tschechoslowakei – DDR, während nun Bottoni die anderen Länder zumindest gleichberechtigt, teilweise sogar vorrangiger in den Blick nimmt. Das 25 Seiten umfassende Literaturverzeichnis weist nicht nur viele wichtige englischsprachige sowie ungarische und rumänische Titel aus, sondern auch italienische, die dem lange Zeit in Italien ansässigen Autor zugänglich sind, jedoch in der hiesigen Forschung praktisch nicht vorkommen.

Da das Buch bis in die Gegenwart reicht, positioniert sich der Autor auch zu aktuellen Entwicklungen und warnt vor heraufziehenden Gefahren. Bei allen Defiziten der postsozialistischen Transformationsphase hebt er zunächst nachdrücklich die positiven Seiten hervor, etwa dass der Umbruch 1989/91 mit Ausnahme Jugoslawiens nicht in Katastrophen endete und dass es trotz der schwach ausgeprägten parlamentarischen Traditionen gelang, parlamentarische Demokratien und Mehrparteiensysteme zu etablieren. Zu den Gewinnern dieser Entwicklung rechnet Bottoni die junge, städtische Generation, während für die in den 1930er- bis 1950er-Jahren Geborenen die postkommunistische Zeit „ein kollektives Drama“ gewesen sei, das sich auch in der deutlich gesunkenen Lebenserwartung ausgedrückt habe.

Die gegenwärtige Tendenz der politischen Eliten in Ostmittel- und Südosteuropa, sich von der (west)europäischen Integration abzuwenden, folgt Bottonis Beobachtung zufolge einem älteren Muster. Er zitiert den ungarischen Denker István Bibó, der schon in den 1940er-Jahren die beiden Verhaltensmuster der politischen Eliten dieser Länder so charakterisierte: einerseits unreflektierte, nachahmende Rezeption ausländischer Modelle, andererseits ethno-protektionistische nationale Egoismen. Zugleich fragt Bottoni aber auch nach Fehlleistungen der westlichen Seite beim Export westlicher Systeme und verweist darauf, dass sich Ostmittel- und Südosteuropa erneut in eine „offen umstrittene Region“ zwischen dem Westen und Russland entwickle.

Das vorliegende Buch ist nicht das erste, das die Zäsur von 1989 überwindet. Doch mehr als andere verbindet es eine verlässliche historische Darstellung mit einem engagierten Beitrag zu einer aktuellen und wichtigen politischen Debatte, und es endet mit der Warnung, dass das Scheitern der gesamteuropäischen Integration die Länder Ostmittel- und Südosteuropas in ein neues Katastrophen-Zeitalter führen könnte.


[1]       Zu diesem Ansatz siehe beispielsweise Frank Bösch (Hg.): Geteilte Geschichte. Ost- und Westdeutschland 1970–2000. Göttingen 2015.

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