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	<title>Rezensionen Archive - Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</title>
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	<title>Rezensionen Archive - Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</title>
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		<title>Andreas Pfützner: Die rumänisch-jüdische Frage Die Entstehung einer europäischen Anomalie 1772-1870</title>
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		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 09:46:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Andreas Pfützner: Die rumänisch-jüdische Frage. Die Entstehung einer europäischen Anomalie (ca. 1772–1870). Böhlau: Wien 2024. 684 S., 3 farbige Abbildungen. Mit der als Dissertation verfassten Studie „Die rumänisch-jüdische Frage: Europäische Perspektiven auf die Entstehung einer Anomalie (ca.1772–1870)“ hat der Historiker und Politikwissenschaftler Andreas Pfützner ein Thema gewählt, das bislang aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit völlig divergierenden [&#8230;]</p>
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<p>Andreas Pfützner: Die rumänisch-jüdische Frage. Die Entstehung einer europäischen Anomalie (ca. 1772–1870). Böhlau: Wien 2024. 684 S., 3 farbige Abbildungen.</p>



<p>Mit der als Dissertation verfassten Studie „Die rumänisch-jüdische Frage: Europäische Perspektiven auf die Entstehung einer Anomalie (ca.1772–1870)“ hat der Historiker und Politikwissenschaftler Andreas Pfützner ein Thema gewählt, das bislang aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit völlig divergierenden Motivationen heraus behandelt wurde: Einerseits vonseiten der jüdischen Emanzipationsbewegung in Europa. Deren Hauptanliegen war es verständlicherweise, die Fehlentwicklungen im Rahmen der rumänischen Nationalstaatswerdung aufzuzeigen und nachzuweisen, dass die jüdische Bevölkerung bereits in den rumänischen Protostaaten, den Fürstentümern Moldau und Walachei, einen originären Beitrag zur Modernisierung des Landes geleistet hatte.  Entsprechend könne sie nicht als „Fremde“ in diesen Gesellschaften gelten. Und andererseits vonseiten der rumänischen Nationalhistoriographie, die mitunter – implizit und explizit – das Gegenteil zu beweisen versuchte. Im jeweiligen Trend der Epoche liegend, zeichnete sie dabei mittels Falschgewichtungen sozialer, gruppenbezogener Prozesse das Bild einer Nation, in dem zumindest in der ersten Reihe lediglich der orthodoxe Rumäne vorkommen durfte. Alle anderen Gruppen seien auszuschließen – insbesondere die Juden, die zum Inbegriff des Fremden, Schädlichen, Zersetzenden stilisiert wurden. </p>



<p>Die rumänisch-jüdische Frage wird insbesondere nach 1830 virulent und gipfelt im Art. 7 der ersten rumänischen Verfassung von 1866, die von der Geschichtsschreibung gerne als besonders modern bezeichnet wird. Dort heißt es, dass nur Fremde <em>christlicher</em>Konfession die Staatsbürgerschaft erhalten könnten. Juden, auch jene, die bereits lange auf dem Staatsgebiet wohnten, wurden also dauerhaft aus dem rumänischen Staatsbürgerverband ausgeschlossen. Zur Anomalie wird diese Entwicklung einerseits durch eine Heterodoxie und anderseits durch eine Paradoxie: Erstens stellte sich der selbst nach nationaler Emanzipation vom osmanischen Imperium strebende Staat mit dieser Regelung gegen den allgemeinen Trend. Man nahm also Rückschläge bei der eigentlich unbedingt angestrebten europäischen Integration in Kauf, um anderen, endogenen Dynamiken der Macht zu folgen. Das Paradoxe an dieser Entwicklung ist zweitens die Tatsache, dass es die liberale – im damaligen Duktus auch ‚linke‘ – Politik war, die aus der leider üblichen Banalität antijüdischer Diskurse und Praktiken erst die antisemitische Gretchenfrage der rumänischen Nation machte.</p>



<p>Die Mehrheit der Juden lebte in der Moldau. Dort wurden sie insbesondere von den alten konservativen Eliten, in deren Umfeld sie oft tätig waren, über viele Jahrzehnte als Modernisierer willkommen geheißen. Um diese alten Eliten zu verdrängen, betrieben die vermeintlich liberalen Kleinbojaren nun massive antijüdische Propaganda. Liberalismus im Rumänien des 19. Jahrhunderts war also nicht, wie wir es erwarten würden, mit der jüdischen Emanzipation verbunden, sondern mit einem radikalen, utilitaristischen Antisemitismus. Während die europäische Epoche der ideologisch motivierten Massenpolitik in der Regel mit den 1880er-Jahren angesetzt wird, belegt die Studie, dass hier schon früher auf eine Massenmobilisierung gesetzt wurde, um über das Vehikel des Judenhasses die Hegemonie im Staat zu erlangen. Wir haben es also mit einem Volkspopulismus&nbsp;<em>avant la lettre</em>&nbsp;zu tun.&nbsp;</p>



<p>In der Studie wird deutlich, warum diese Mechanismen auch über den Rumänien-Diskurs hinaus aktuell und bekannt erscheinen, und es sich in diesem konkreten Fall trotzdem um eine Anomalie der europäischen Geschichte handelt. Dafür taucht der Verfasser tief in die Vorgeschichte des rumänischen Staates ein und rückt die Entwicklung der rumänisch-jüdischen Frage in den Vordergrund. Dies tut er unter Einbeziehung der vorliegenden Literatur, jedoch ohne sich von den jeweiligen Einseitigkeiten der&nbsp;<em>älteren</em>&nbsp;Studien oder den forschungskonjunkturbedingten Fragen und Antworten der&nbsp;<em>neueren</em>&nbsp;Untersuchungen verführen zu lassen. Vielmehr greift die Dissertation auf eine große Menge an rumänischen und internationalen Archivmaterialien zurück. Diese versetzen den Autor in die Lage, seine Argumente eigenständig und überzeugend vorzubringen, und dies in klarer, gut lesbarer und zuweilen sogar unterhaltsamer Wissenschaftsprosa. Die Einbettung in gesamteuropäische Zusammenhänge nimmt dabei speziell jene Leserinnen und Leser bei der Hand, die mit dieser Epoche und diesem Raum nicht so sehr vertraut sind, und ermöglicht in der Folge ein tieferes Eintauchen in die Materie.&nbsp;</p>



<p>Die Studie verweist somit auf drei Phänomene, die von langfristiger Bedeutung sind: 1. Populismus als Mittel, um politische Hegemonie zu erlangen; 2. die allseitige Politisierung von Migration und 3. das Radikalisierungspotential von Transformationsprozessen. Sie bietet die minutiöse Darstellung einer historischen Sonderentwicklung, die schon per se einen relevanten Beitrag zur Geschichte Südosteuropas leistet. Überdies bettet der Autor seine Studie sowohl in großräumliche wie diachrone Zusammenhänge ein und ermöglicht es, durch das Prisma eines regionalen Phänomens ein tieferes Verständnis für die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus zu entwickeln. Das Buch bietet somit eine überzeugende Erklärung für spezifische Entwicklungen in der Region, die ab der Zwischenkriegszeit eine neue Dimension erlangen und in der noch viel zu wenig bekannten Shoa im südöstlichen Europa enden werden. Das Buch wurde zu Recht mit dem Michael-Mitterauer-Förderungspreis und dem Nachwuchspreis des Österreichischen Staatspreises für Geschichtswissenschaften ausgezeichnet. Ihm ist die internationale Aufmerksamkeit zu wünschen, die es zweifellos verdient.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Florian Kühner-Wielach</em></p>
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		<title>Anca Parvulescu, Manuela Boatca: Creolizing the Modern. Transylvania Across Empires</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/anca-parvulescu-manuela-boatca-creolizing-the-modern-transylvania-across-empires/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 09:46:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anca Parvulescu, Manuela Boatcă: Creolizing the Modern. Transylvania across Empires.&#160;Ithaca – London: Cornell University Press 2022. 261 S. Der Roman „Ion“ des 1885 in Siebenbürgen (im damaligen Ungarn) geborenen rumänischen Schriftstellers und Dramatikers Liviu Rebreanu zählt zu den Klassikern der rumänischen Literatur und liegt seit Jahrzehnten in allen Weltsprachen vor. Ins Deutsche übertragen wurde er [&#8230;]</p>
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<p>Anca Parvulescu, Manuela Boatcă: Creolizing the Modern. Transylvania across Empires.&nbsp;Ithaca – London: Cornell University Press 2022. 261 S.</p>



<p>Der Roman „Ion“ des 1885 in Siebenbürgen (im damaligen Ungarn) geborenen rumänischen Schriftstellers und Dramatikers Liviu Rebreanu zählt zu den Klassikern der rumänischen Literatur und liegt seit Jahrzehnten in allen Weltsprachen vor. Ins Deutsche übertragen wurde er in den 1960er-Jahren von Paul Schuster und erschien 1969 auch im Ostberliner Verlag „Volk und Welt“ unter dem Titel „Mitgift“. Dieser Titel betont eines der relevanten Themen des Romans, während der Originaltitel den Hauptprotagonisten ins Zentrum rückt. Ion lebt als armer Bauer in einem fiktiven Dorf Siebenbürgens, das von Rumänen bewohnt wird. Sein ganzes Trachten gilt dem Erwerb von Land, um dem Makel der sozialen Inferiorität zu entkommen. Deshalb erzwingt er die Heirat mit Ana, der Tochter des vermögenden Bauern Baciu, der seine Tochter eher an der Seite des reichen Bauernsohnes George sehen würde. Der rumänische Dorflehrer samt seiner Familie, den heiratswilligen Töchtern, welchen er aber kein Mitgift geben kann, der Dorfpope, dessen Hauptziel im Erbauen einer neuen und großen Kirche liegt und die ungarischen Behörden, die zwar insgesamt das Sagen haben, aber sinnigerweise nicht im Dorf ihrer Ämter walten, sind weitere Protagonisten, die das Schicksal des Dorfes und seiner Bewohner bestimmen. All diese Personen und Kreise bilden den Mikrokosmos des Romans, der in unzähligen Verästelungen, Verweisen und Anspielungen soziale, politische, inner- und interethnische, erotische usw. Spannungen, Wünsche und Begehren, nationalistische und irredentistische Vorgehen und Sehnsüchte, rassistische, antisemitische und sexistisch-chauvinistische Auswüchse, Klischees, Stereotypen und sehr oft brutale Gewalt zeigt. Zum Makrokosmos gehören Verweise auf die entweder negativ oder positiv belegten näheren und ferneren Orte Bistritz (rum. Bistrița), Klausenburg (rum. Cluj-Napoca), Budapest und Bukarest.</p>



<p>Die beiden in Deutschland und den USA lehrenden Wissenschaftlerinnen Anca Parvulescu und Manuela Boatcăunternehmen in ihrer gleichermaßen innovativen wie fesselnden Studie den Versuch, durch eine dichte und vielschichtige Analyse des Romans diesen auf die Landkarte der zuletzt viel beschworenen Studien zu Kolonialismus und „inter-imperiality“ zu setzen. Dabei soll es darum gehen, Siebenbürgens einzigartige Position an der Kreuzung vieler Reiche zu betonen, die Region in die Weltgeschichte, die Weltliteratur und die Weltsystemanalyse einzubetten und den Einfluss globaler Machtkonstellationen, v. a. des Kolonialismus, auf die Region herauszuarbeiten. Wie die Autorinnen betonen, geht es ihnen um eine Überwindung der ethnischen Perspektive und einen Fokus auf Siebenbürgen zwischen Reichen und halbperipheren Bedingungen. Das Ziel ihrer Studie bestehe in einem Perspektivenwechsel, damit die Welt vom osteuropäischen Land aus wahrgenommen wird und nicht (wie gewöhnlich) von den Städten des kapitalistischen Westens her. Mit dem Ausdruck „creolizing“ sei schließlich ein Prozess kultureller, ethnischer, sprachlicher Vermischung und insbesondere die Transformation ungleicher Mächteverhältnisse, die Wechselwirkung zwischen Modernität und Kolonialismus, Enteignung und Unterdrückung gemeint. Als eine weitere Zielsetzung geben die Autorinnen die Brückenbildung zwischen postkolonialer Theorie, dem „decolonial thought“ und „inter-imperiality“ aus.</p>



<p>Das Vorgehen in den sieben Kapiteln der Untersuchung ist dabei immer gleich und entspricht einer Annäherung an die jeweilige Frage von der postkolonialen Theorie her in die Richtung des Untersuchungsgegenstands. Gefragt wird demnach zuerst, was die Soziologie oder Literaturwissenschaft zu unterschiedlichen Problemstellungen in Bezug auf das koloniale Indien, die karibischen Inseln oder Afrika herausgefunden und herausgearbeitet haben. In einem zweiten Schritt wird die Aufmerksamkeit auf Osteuropa und die Habsburgermonarchie gelenkt, um sodann in einigen Unterkapiteln den Roman daraufhin befragen, wie in ihm Fragen nach Landbesitz, Eigentum und dem Bauerntum (Kapitel 1), nach der wirtschaftlichen Integration, der Peripherisierung und antisemitischen Einstellungen (Kapitel 2) oder dem Umgang mit den Sinti und Roma (Kapitel 3) ausgehandelt und beantwortet werden. In den weiteren Kapiteln stehen die Mehrsprachigkeit (Kapitel 4), Nationalismus, Frauenarbeit und Gewalt gegen Frauen (Kapitel 5), Frauenerziehung (Kapitel 6) oder die Stellung der (rumänischen) Kirche in der Welt des Dorfes (Kapitel 7) im Mittelpunkt des Interesses.</p>



<p>Die Autorinnen fassen den Roman letztlich als Produkt und Chronik einer „Zwischen-Imperialität“ auf, erkennbar u.&nbsp;a. daran, dass während er in Rumänien zum Literaturkanon gehört und Schullektüre ist, er weltweit trotz Übersetzungen in die Weltsprachen so gut wie unbekannt geblieben ist. Er ist ein Text „vom Rande“, vom Rande der Weltkultur und der anerkannten Orte für Theorie- und Konzeptbildung. Auch den Autor Rebreanu sehen Parvulescu und Boatcă in einer eigenartigen Zwischenstellung zwischen Budapest und Bukarest, schließlich lebte und wirkte er in beiden Sprachen und beiden Hauptstädten. Dementsprechend erblicken sie auch in Siebenbürgen einen Zwischenort, ein Übergangs- und Migrationsgebiet, in dem im Roman selbst Tiere wie Hunde und Kühe durch ein ethnisches Prisma gedeutet werden. Hybridität, eine Mehrsprachigkeit, die aber gut mit nationalistischer Sprachabwehr und Sprachzwang harmoniert, die Figur des jungen Intellektuellen (der Lehrersohn Titu), der sich die Sprache und Kultur der Herrschernation aneignet, um sich nachher mit umso größerer Inbrunst und unduldsamem Nationalismus der eigenen Sprache und Kultur zu widmen, sind Aspekte, zu welchen die Autorinnen Bezüge herstellen, indem sie von Überlegungen der kolonialen Theorie ausgehen. Doch verknüpfen sie diese auch mit der Wirtschaft, mit Fragen nach der Assimilierung, mit nationaler Identität, Themen wie Liebes- und Zweckheirat, der Mitgift und des Jungfertums, der Frauenemanzipation und -erziehung, um weitere Linien zu gleich gelagerten Erscheinungen und Feststellungen ziehen zu können: sei es in Bezug auf die Karibik oder Afrika oder Indien. Den Roman analysierend betonen die Autorinnen den Mehrheits- und den Minderheitennationalismus genauso wie das konservative und nationalistische Gesellschaftsbild Rebreanus und verweisen mehrfach darauf, dass er selbstverständlich auch andere Frauengestalten hätte entwickeln können als einerseits die Lehrertochter Laura, die in Ermangelung einer Mitgift ihren Körper in den Dienst der „nationalen Reproduktion“ stellt oder Ana, die zwar wegen ihrer Mitgift geheiratet, aber nicht geliebt, sondern vergewaltigt, geschlagen und in den Selbstmord getrieben wird. Denn im damaligen Ungarn wie auch in Siebenbürgen hätten dem Autor auch andere, moderne(re) zeitgenössische Frauen zum Vorbild gereichen können. Doch schildert er moderne Frauentypen in seinem Roman durchweg in negativen Farben und Kontexten.</p>



<p>Den beiden Autorinnen ist eine spannende und anregende Studie geglückt. Dennoch wirft sie die Frage auf, was die Darstellung aus der Verknüpfung der Analyse mit Aspekten der Dekolonisierung, der „inter-imperiality“ usw. gewonnen hat. Oder, von einem anderen Blickwinkel aus gefragt: Weist das Buch Ergebnisse und Erkenntnisse auf, die es ohne diese Verknüpfung nicht hätte? Der Rezensent bekennt seine Ratlosigkeit und Skepsis in dieser Hinsicht. Denn mögen die Verweise auf Virginia Woolf oder Mary Wollstonecraft und deren Schriften, Konzepte oder emanzipatorischen Ansätze noch so interessant sein und mögen die Querbezüge zur Lage von jungen Hindi-Intellektuellen in Indien noch so viele Parallelen zu Titu Herdelean aufweisen, dennoch erscheinen diese Parallelen nicht wirklich paradigmatisch. Dass Anas Jungfräulichkeit ein Pfand in der Hand ihres Vaters darstellt, dass sie aus den Verhandlungen der Männer ausgeschlossen ist, obwohl sie über ihren Kopf hinweg über sie selbst und ihr Leben verhandeln und somit eine Art „Frauenhandel“ treiben: zu solchen Erkenntnissen kann man auch ohne postkoloniale Theorien gelangen. Dass Siebenbürgen (Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts) Teil des weltweiten Kapitalismus war und sich dies im Roman in den ein paar Mal erwähnten Banken und deren Kreditsystem spiegelt, ist ebenfalls weder weltbewegend noch wirklich just auf die nordsiebenbürgische Region im herausragenden Maße zutreffend, in der sich die Romanhandlung abspielt (da wären Klausenburg, Großwardein/Oradea oder Temeswar/Timișoara geeignetere Beispiele gewesen). Dieser Aspekt bzw. dieses Kapitel verdeutlichen wohl am besten, dass die Autorinnen mit ihrem Konzept dem Roman (und der Region) etwas oktroyieren wollen, was aber nicht wirklich passt. Zu selten betreten die Autorinnen jenen Pfad, auf dem sie tatsächlich die Zwischenstellung und Sonderbehandlung Siebenbürgens durch die jeweiligen Hauptstädte hätten herausarbeiten können. In Bezug auf den Gebrauch der Muttersprache in der Öffentlichkeit gelingt ihnen dies: Sie unterstreichen, dass 1784 die Ungarn der Region den Gebrauch und den Vorrang des Deutschen als gegen sie gerichtet wahrgenommen hatten. 100 Jahre später, 1884, nahmen die Rumänen die vorgeschriebene Vorrangstellung des Ungarischen als den Versuch wahr, sie zu zwangsassimilieren und einige Jahrzehnte später beklagten sich schließlich die Siebenbürger Sachsen und die Ungarn über ihre Zwangsrumänisierung und das Verbot des Gebrauchs ihrer Sprache in der Öffentlichkeit. Die konsequente Anwendung solcher Längsschnitte über den Romanstoff hinaus und in Bezug auf die Zwischenkriegszeit und die Zeit nach 1945 hätte die Studie tatsächlich zu einem Meisterwerk werden lassen können. Sie wäre ein wichtiger Beitrag zum Transsilvanismus geworden. So vermisst man aber am Ende nicht nur eine synthetisierende und die Ergebnisse auf eine Metaebene transferierende Zusammenfassung, sondern mitunter auch relevante Fachliteratur (so etwa die Studien Ingrid Schiels über die sächsische Frauenbewegung). Die ungarische Schriftstellerin Mária Berde wird irrtümlich für eine Siebenbürger Sächsin gehalten. Wer gern postkolonial gefärbte und soziologisch angehauchte Literaturdeutungen liest, wird das Buch bestimmt mit Gewinn lesen.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Franz Sz. Horváth</em></p>
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			</item>
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		<title>Adrian-George Matus: The Long 1968 in Hungary and Romania</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/adrian-george-matus-the-long-1968-in-hungary-and-romania/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 09:46:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Adrian-George Matus: The Long 1968 in Hungary and Romania.&#160;De Gruyter: Berlin/Boston 2024. 289&#160;S. Die Erforschung widerständiger Jugendkulturen, abweichenden und nonkonformistischen Verhaltens in den Staaten des ehemaligen Ostblocks hat in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen. Zu den hierbei immer wieder untersuchten Ländern gehören Rumänien und Ungarn, die zwar geografisch benachbart sind, zwischen 1960 und [&#8230;]</p>
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<p>Adrian-George Matus: The Long 1968 in Hungary and Romania.&nbsp;De Gruyter: Berlin/Boston 2024. 289&nbsp;S.</p>



<p>Die Erforschung widerständiger Jugendkulturen, abweichenden und nonkonformistischen Verhaltens in den Staaten des ehemaligen Ostblocks hat in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen. Zu den hierbei immer wieder untersuchten Ländern gehören Rumänien und Ungarn, die zwar geografisch benachbart sind, zwischen 1960 und 1989 jedoch gegensätzliche politisch-ideologische Entwicklungen durchliefen: Während Ungarn eine (trotz aller Repressalien) relativ liberale politische Linie verfolgte, entwickelte sich Rumänien unter dem Präsidenten Nicolae Ceaușescu seit Anfang der 1970er-Jahre in eine immer stärker nationalistisch-neostalinistische Richtung.&nbsp;&nbsp;Andra-Octavia Cioltan-Drăghiciu erforschte in ihrer 2019 erschienenen Dissertation vor diesem historischen Hintergrund das Verhalten der und die Erwartungen an die Jugend Rumäniens in den 1970er- und 1980er-Jahren. Die Zielsetzung ihrer Arbeit bestand darin, zu verstehen, welche Bedingungen, Umstände, kulturellen Prägungen und Vorbilder das Denken und Verhalten jener rumänischen Generationen bestimmten, die damals aufgewachsen waren und nach 1989 die Verantwortung für die Transformation übernahmen.<sup data-fn="a54e4c09-e9ac-4adc-8143-05c12a90dae9" class="fn"><a id="a54e4c09-e9ac-4adc-8143-05c12a90dae9-link" href="#a54e4c09-e9ac-4adc-8143-05c12a90dae9">1</a></sup>&nbsp;In Ungarn gehören die Publikationen des Historikers Bence Csatári über die Entstehung der ungarischen Rockmusik, die Zensur der Popmusik und die Musikpolitik des Ungarischen Rundfunks zu jenen Werken, die den Forschungsstand bestimmen.<sup data-fn="2b79ab4a-9e9e-4ae1-893a-6559d3b6a487" class="fn"><a id="2b79ab4a-9e9e-4ae1-893a-6559d3b6a487-link" href="#2b79ab4a-9e9e-4ae1-893a-6559d3b6a487">2</a></sup>&nbsp;Doch befassten sich mittlerweile auch Soziologen, Literaturwissenschaftler, Ethnologen und Kunsthistoriker mit unterschiedlichen Facetten der ungarischen Jugend-, Sub- und Gegenkultur, mit Phänomenen wie der Tanzhausbewegung Ende der 1960er-Jahre, der Entstehung unterschiedlicher ungarischer Subgenres der Populärkultur, dem Verhältnis „Staat“ und „Kultur“ oder mit der ungarischen Gesellschaftsgeschichte.<sup data-fn="9e6bea57-8547-4305-abac-1dda67deb596" class="fn"><a id="9e6bea57-8547-4305-abac-1dda67deb596-link" href="#9e6bea57-8547-4305-abac-1dda67deb596">3</a></sup>&nbsp;Über die Entstehung ungarischer Rockgruppen Ende der 1960er-Jahre und die Geschichte einzelner Bands existieren schließlich auch einige Publikationen, wie auch über das vielfältige Spektrum des kulturellen Widerstands und die Formen von dessen Aufbewahrung und Musealisierung.<sup data-fn="679975a3-2e07-4762-8836-a4e1a4380d1b" class="fn"><a id="679975a3-2e07-4762-8836-a4e1a4380d1b-link" href="#679975a3-2e07-4762-8836-a4e1a4380d1b">4</a></sup>&nbsp;Somit war der Boden bestens vorbereitet für die nun vorliegende Untersuchung von Adrian Matus, der in seiner 2002 an der Universität Florenz eingereichten Dissertation eine vergleichende Analyse der ungarischen und rumänischen 1968er-Bewegung vornimmt. Damit möchte er einen Beitrag zur internationalen 68er-Forschung liefern, indem er den Blick auf Osteuropa und die dortigen Proteste lenkt, deren Aktivitäten zwar, wie er im Vorwort unterstreicht, vom Einfluss her und zahlenmäßig als schwach anzusehen sind, die den jeweiligen Behörden aber dennoch Sorgen bereiteten. Hierbei berührt seine Untersuchung die Frage, ob und wann abweichendes Verhalten, das Hören bestimmter Musikgenres und das Lesen von bestimmten Autoren bereits als Widerstand oder lediglich als nonkonformistisches Verhalten anzusehen ist. Matus benennt dies als grundsätzliches Problem seiner Studie, ohne dazu dezidiert Stellung zu beziehen.</p>



<p>Die Untersuchung gliedert sich in drei Teile mit je zwei Kapiteln und einer Vielzahl an Unterkapiteln. Im ersten Teil stellt der Autor den generationellen und institutionellen Kontext dar. Dabei geht es um die Prägungen einer Generation, die Anfang bis Mitte der 1940er-Jahre geboren wurde, teils familiäre Holocausterfahrungen hatte, teils ohne Väter, dafür aber mit politischen Zäsuren und dem Erlebnis des Aufstands in Ungarn 1956 aufgewachsen war, dessen Folgen selbst in manchen Städten Rumäniens (Klausenburg/Cluj-Napoca, Temeswar/Timișoara) zu spüren waren. Die 68er-Generation war die erste, die im Zeichen der marxistischen Ideologie, mit sowjetischer Kinder- und Jugendliteratur aufgewachsen und erzogen worden war. Den Institutionen (Schule, Bibliotheken, Jugendorganisationen), die diese Indoktrination durchgeführt haben, gilt Matus‘ Interesse im zweiten Kapitel. Im Gefolge György Péteris fragt Matus im zweiten Teil der Untersuchung, ob der gewöhnlich für undurchlässig gehaltene „Eiserne Vorhang“ nicht doch eher als ein „Nylon Curtain“ angesehen werden sollte. Schließlich gelangten mittels des Äthers durch die Sendungen des von den USA finanzierten „Radio Free Europe“ nicht nur politische Inhalte in den Ostblock, sondern, was für die Jugend viel interessanter war, auch die neue aufregende Musik der 1950er-Jahre, der Rock and Roll. Matus analysiert auch die Versuche ungarischer und rumänischer Jugendlicher, in Briefen Kontakt zu den von ihnen verehrten Moderatoren des Senders aufzunehmen, um sie um das Abspielen bestimmter Songs zu bitten. Auf welche vielfältige Art und Weise die Jugend in Osteuropa versuchte, trotz der existierenden Mangelwirtschaft an die begehrten Aufnahmen ihrer Idole, an selbst gebastelte elektrische Gitarren und Instrumente zu kommen, zeichnet der Autor im zweiten Kapitel dieses Teils nach. An diesen Teil schließt sich das letzte Drittel des Bandes (S. 185–267) an, in dem sich Matus in den Kapiteln fünf und sechs mit ungarischen und rumänischen 68ern auseinandersetzt. Dabei stellt er als jeweilige geistige Inspirationsfiguren den Philosophen György Lukács (1885–1971) und den Religionswissenschaftler Mircea Eliade (1907–1986) vor und leitet aus deren zentraler Stellung ab, warum sich die beiden Jugendbewegungen in je eigene Richtungen entwickelten. Denn während sich in Ungarn Mitte der 1960er-Jahre im Zuge einer langsamen, auch von Westeuropa her genährten marxistischen Renaissance eine maoistische Gruppe entstand (mit den nachmals berühmt gewordenen György Dalos und Miklós Haraszti im Zentrum), entwickelte sich in Rumänien um 1968 herum eher ein Interesse an der „Generation 27“ in der Zwischenkriegszeit. Dazu gehörte neben Eliade auch Emil Cioran (1911–1995), beide drifteten in den 1930er-Jahren in den Dunstkreis der faschistisch-mystischen „Eisernen Garde“ ab, die das rumänische Bauerntum verherrlichte. Im letzten Kapitel stellt Matus nun mehrere esoterische, rumänischen Folk-Rock spielende Musiker und Bands in den Mittelpunkt, die heute wohl nur noch Spezialisten bekannt sind. Während allerdings manche (Dorin Liviu Zaharia, Ceata Melopoică, Marcela Saftiuc) lediglich von der Volks- und Kirchenmusik inspirierte Lieder komponierten, avancierte eine Showveranstaltung um den Dichter Adrian Păunescu (1943–2010) seit Mitte der 1970er-Jahre immer mehr zu einer ultranationalistischen, panegyrischen Staatsveranstaltung. Matus zieht daher auch das folgerichtige Fazit, dass der rumänische Staat die widerständige Gegenkultur entführt, sich angeeignet hatte. Die erwähnte, kleine maoistische Gruppe in Ungarn wurde auch schnell zerschlagen.</p>



<p>Das Verdienst der vorliegenden Untersuchung besteht darin, das Augenmerk auf einige weitgehend unbekannte Phänomene und Erscheinungsformen ungarischer und rumänischer Protestkultur gelenkt zu haben und damit sowohl die Forschungen zur dissidentischen Kultur des Ostblocks als auch zu 1968 mit interessanten Facetten bereichert zu haben. Die gut gegliederte Arbeit beleuchtet sorgsam den historischen Hintergrund dieser Kultur, allerdings ist dieser Hintergrund umfangreicher als der Hauptteil, die Kapitel fünf und sechs. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob nicht die in den Fokus gerückten Gruppen in ihrer Bedeutung überschätzt werden. Matus selbst erkennt an, dass die ungarischen Maoisten, die er im fünften Kapitel ausführlich darstellt, allenfalls aus einigen Dutzend Jugendlichen bestanden. Hieraus eine „Hippiebewegung“ bzw. „-kultur“ abzuleiten, wobei eine scharfe Begriffsdefinition des Hippietums unterbleibt, ist natürlich eine Übertreibung. Dass Matus hierbei die Erinnerungen von György Dalos ignoriert, ist nur ein Mangel der Arbeit, und nicht einmal der offensichtlichste.<sup data-fn="4d26e163-67ba-4a97-8509-22d72974c49e" class="fn"><a id="4d26e163-67ba-4a97-8509-22d72974c49e-link" href="#4d26e163-67ba-4a97-8509-22d72974c49e">5</a></sup>&nbsp;Er lässt nämlich auch die reiche Literatur zur ungarischen Jugend und zur Jugend- sowie Musikkultur in den 1960er-Jahren außer Acht. (Die 1969 gegründete Band „P. Mobil“ wäre gewiss eine Analyse Wert gewesen!). Dies mag vielleicht an mangelnden Ungarischkenntnissen liegen, denn anders lässt sich nicht erklären, warum die meisten ungarischen Namen und alle ungarischen Zitate, die wörtlich wiedergegeben werden, so sehr vor Fehlern strotzen. Der Autor zitiert mehrfach den aus Siebenbürgen stammenden ungarischen Philosophen Miklós Tamás Gáspár (1948–2023), der bis 1978 in Rumänien lebte. Damit bezieht er indirekt auch die ungarische Minderheit Rumäniens in die Untersuchung ein, was positiv ist, doch lässt er sich die Chance entgehen, jenen Kreis junger ungarischer Intellektueller zu analysieren, dessen Teil Tamás war und der als Teil eines zaghaften intellektuellen Protests angesehen werden könnte, den man auf 1968 zurückführen kann. Diese siebenbürgisch-ungarische Intellektuellengeneration, die um 1970 herum anfing, sich publizistisch zu artikulieren, hatte den Glauben an den sozialistischen Staat und dessen Reformierbarkeit längst verloren. Und selbstverständlich wäre eine Deutung der rumäniendeutschen „Aktionsgruppe Banat“ in diesem Kontext ebenfalls fruchtbringend gewesen. Eine Einbeziehung solcher „Randgruppen“ hätte also Matus‘ Untersuchung auf breitere Beine gestellt und den Eindruck verhindert, dass er einigen Splittergruppen über Gebühr Beachtung schenkt. Matus entgeht leider auch die beinahe paranoide Furcht der ungarischen Kádár-Regierung nach 1956 vor nationalen (und erst recht vor nationalistischen) Themen, Aspekten und Bezügen. Erst diese Furcht erklärt jedoch, warum die ungarischen 68er (entgegen einem Teil der rumänischen Generation) keine nationalistische Wende durchmachten, keine esoterisch-mystischen Züge annahmen. Diese dennoch spannend zu lesende Dissertation schöpft somit das Thema nicht endgültig aus und bleibt hinter den Erwartungen zurück.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Franz Sz. Horváth</em></p>


<ol class="wp-block-footnotes"><li id="a54e4c09-e9ac-4adc-8143-05c12a90dae9">Andra-Octavia Cioltan-Drăghiciu: „Gut gekämmt ist halb gestutzt“. Jugendliche im sozialistischen Rumänien. Wien 2019. <a href="#a54e4c09-e9ac-4adc-8143-05c12a90dae9-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 1 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="2b79ab4a-9e9e-4ae1-893a-6559d3b6a487">Benc Csatári: Nekem írod a dalt. A könnyűzenei cenzúra a Kádár-Rendszerben. Budapest 2017; ders., Jampecek a pagodában. A Magyar Rádió könnyűzenei politikája a Kádár-rendszerben. Budapest 2016; ders., Az ész a fontos, nem a haj. A Kádár-rendszer künnyűzenei politikája. Budapest 2015; ders., Azok a régi csibészek. Párbeszéd a rock and rollról. Budapest 2016. <a href="#2b79ab4a-9e9e-4ae1-893a-6559d3b6a487-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 2 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="9e6bea57-8547-4305-abac-1dda67deb596">Ádám Ignácz (Hg.): Populáris zene és államhatalom. Tizenöt tanulmány. Budapest 2017; Tibor Valuch: Magyarország társadalomtörténete a XX. század második felében. Budapest 2005. <a href="#9e6bea57-8547-4305-abac-1dda67deb596-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 3 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="679975a3-2e07-4762-8836-a4e1a4380d1b">Béla Jávorszky – János Sebők: A magyarock története. I-II. Budapest 2006-2006; Ákos Dudich: Pótolhatatlan halhatatlanság! A Vágtázó Halottkémek életereje. Budapest 2011; Péter APor – Lóránt Bódi – Sándor Horváth – Heléne Huhák – Tamás Scheibner (Hgg.): Kulturális ellenállás a Kádár-korszakban. Gyűjtemények története. Budapest 2018. <a href="#679975a3-2e07-4762-8836-a4e1a4380d1b-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 4 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="4d26e163-67ba-4a97-8509-22d72974c49e">György Dalos: Für, gegen und ohne Kommunismus. Erinnerungen. München 2019. <a href="#4d26e163-67ba-4a97-8509-22d72974c49e-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 5 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li></ol><p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/adrian-george-matus-the-long-1968-in-hungary-and-romania/">Adrian-George Matus: The Long 1968 in Hungary and Romania</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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		<title>Ulrich Wien: Die Protokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Rumänien 1919-1944</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/ulrich-wien-die-protokolle-des-landeskonsistoriums-der-evangelischen-landeskirche-in-rumaenien-1919-1944/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 09:46:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://halbjahresschrift.de/?p=927</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Protokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Rumänien 1919–1944. Urkundenbuch der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien Bd. 4/1 – Protokolle 1919–1926, Bd. 4/2 – Protokolle 1928–1932, Bd. 4/3 – Protokolle 1933–1938, Bd. 4/4 – Protokolle 1939–1944, bearbeitet, kritisch ediert und herausgegeben von Ulrich A. Wien und Dirk Schuster unter Mitarbeit von Timo Hagen, Honterus Verlag: [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/ulrich-wien-die-protokolle-des-landeskonsistoriums-der-evangelischen-landeskirche-in-rumaenien-1919-1944/">Ulrich Wien: Die Protokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Rumänien 1919-1944</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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<p>Die Protokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Rumänien 1919–1944. Urkundenbuch der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien Bd. 4/1 – Protokolle 1919–1926, Bd. 4/2 – Protokolle 1928–1932, Bd. 4/3 – Protokolle 1933–1938, Bd. 4/4 – Protokolle 1939–1944, bearbeitet, kritisch ediert und herausgegeben von Ulrich A. Wien und Dirk Schuster unter Mitarbeit von Timo Hagen, Honterus Verlag: Hermannstadt/Sibiu 2021.</p>



<p>Mit dieser vierbändigen Quellenedition erschien ein lang geplantes Werk, das die Sitzungsprotokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Rumänien von 1919–1944 kritisch und mit zwei ausführlichen Einleitungen ediert. Gefördert wurde die Drucklegung mit finanzieller Unterstützung des Departements für interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Regierung Rumäniens durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien sowie einem Zuschuss durch die Potsdam Graduate School und des Landes Kärnten. Die Edition fügt sich bestens ein in eine Reihe bereits vorhandener Quellenbände zur Geschichte der deutschen Minderheit sowie der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien und füllt eine wesentliche Lücke im bibliothekarisch erreichbaren Quellenbestand der Landeskirche. </p>



<p>Die aufwändige Transkription der Originaldokumente, die für die Anfangsjahre noch handschriftlich abgefasst wurden, förderte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Orthografie in den maschinenschriftlich vorliegenden Protokollen wurde an die heutige Schreibweise angepasst und offensichtliche Schreibfehler korrigiert, die originale Seitenzählung in Winkelklammern gesetzt. Wo es notwendig erschien, sind den Verhandlungsprotokollen erklärende Anmerkungen beigefügt, um der heutigen Leserschaft unbekannte Sachverhalte oder Zusammenhänge zu erhellen. Inhaltsverzeichnisse der jeweiligen Sitzungsperioden, die zum Quellenbestand gehören, gewähren einen ersten Überblick über die verhandelten Tagesordnungspunkte und ermöglichen einen schnellen, systematischen Zugriff auf Einzelfragen. </p>



<p>Am Ende von Band 4/2 (1080–1092) findet sich ein Literaturverzeichnis, das in Band 4/4 (2087–2090) ergänzt wurde. Ein Glossar (4/4, 2118f.), ein Abkürzungsverzeichnis (4/4, 2120–2123) sowie Biogramme der in den Protokollen erwähnten Personen (4/4, 2093–2117) erleichtern das Verständnis der Akten und verorten die Akteure. Die ausführlichen Einleitungen in den Teilbänden 4/1 (IX–XCIV) und 4/3 (VIII–LXXX), verfasst von Ulrich A. Wien und mit reichlich Bild- und Kartenmaterial versehen, fokussieren die Geschichte der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, insbesondere die Zwischenkriegs- und Kriegszeit bis 1945. Am Ende des Ersten Weltkriegs stand die „siebenbürgische ,Volkskirche‘“ (4/1, XLV) vor großen binnenkirchlichen Herausforderungen sowie äußeren Erweiterungen im neuen Vielvölkerstaat Rumänien. Die wesentlichen Aspekte und Akteure der fraglichen Jahre werden vorgestellt und kritisch beleuchtet.</p>



<p>Die Verhandlungsprotokolle in Band 4/1 (1919–1926) und 4/2 (1928–1932) dokumentieren das intensive Ringen um eine stabile finanzielle und personelle Basis für Kirche und Schule. Denn die Agrarreform zu Beginn der 1920er-Jahre hatte nicht nur den privaten, sondern auch den korporativen Besitz, mit dem das ausdifferenzierte Schulwesen in Siebenbürgen finanziert wurde, massiv verkleinert. Der Wechselkurs von ungarischer bzw. österreichischer Krone in rumänischen Leu, Kriegsverluste sowie die „inflationsfördernde Wirtschaftspolitik der rumänischen Zentralregierung“ (4/1, L) schädigten die ökonomische Basis der neu angeschlossenen Gebiete. Die erhoffte Selbstverwaltung, die in der Karlsburger Proklamation vom 1.12.1918 ausgesprochen war, wurde nicht verwirklicht, ebenso wenig wie der 1919 ratifizierte Minderheitenschutzvertrag. Stattdessen wurde unter der Regierungspartei der Liberalen die Zentralisierung forciert, die Gesetzgebung und Verwaltung in den angeschlossenen Gebieten den im sog. Altreich angewandten Gesetzen und Normen angeglichen. </p>



<p>Die 1920er-Jahre stellten auch die Weichen für die fatalen Entwicklungen in den 1930er-Jahren, die letztlich die „Selbstnazifizierung“ (4/1, LXXXIX) in Teilen der Bevölkerung und die „Gleichschaltung“ (4/3, LXIII) der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien durch die NS-Volksgruppenführung unter Andreas Schmidt und Bischof Wilhelm Staedel ab 1941 begünstigten. Pointiert zeichnet Wien den Radikalisierungsprozess und die Übernahmestrategien des in der Kirche agierenden NS-Flügels nach, der letztlich die Absetzung von Bischof Viktor Glondys bewirkte und unter Staedel eine „völkisch-nationalkirchliche Umprägung der Landeskirche“ (4/1, LXXVII) intendierte. </p>



<p>In der Einleitung in Band 4/3 vertieft und analysiert Ulrich A. Wien Einzelaspekte der Gleichschaltung und veranschaulicht dies mit vielen Quellenauszügen. Insbesondere geht er auf die Haltung des Pfarrervereins, die Auswirkungen der NS-Aktivitäten auf die Jugendarbeit und die sozialen Formationen (Bruder- und Schwesterschaften, Nachbarschaftswesen) in der Landeskirche, die Diakonie, die Entstehung des Lutherheims in Heltau und die evangelischen Schulanstalten ein. Die Schulen wurden unter Bischof Staedel 1942 der NS-Volksgruppenführung entschädigungslos übergeben. Die Reaktionen von NS-kritischen Gruppen und Personen durch volksmissionarische Bemühungen und die Abwehr von Gleichschaltungsmaßnahmen werden eingestreut. Wien resümiert in Band 4/3: „Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung, Nazifizierung und Selbstnazifizierung vollzogen sich komplementär.“ (4/3, LXI)</p>



<p>Die Protokolle der beiden letzten Bände 4/3 und 4/4 (1933–1944) spiegeln – unterstützt durch die Edition ergänzender, aussagekräftiger Quellen – diese Angriffe auf die Autonomie der Landeskirche und das ab 1936 schrittweise erfolgte, zunächst akzeptierte Eindringen von NS-Protagonisten in die Spitzenpositionen der Landeskirche. Besonders aufschlussreich unter den weiteren Quellen sind der „Kurze Bericht aus der Tätigkeitsperiode des 17. Landeskonsistoriums 1939 bis 31. März 1945“ (4/4, 2068–2086), das „Gesamtabkommen zur Regelung des Verhältnisses der evangelischen Landeskirche Augsburgischen Bekenntnisses zur Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ in Auszügen (4/4, 2051–2054) sowie der „Lehrplan für den Religionsunterricht an deutschen Schulen“ von 1942 (4/4, 2055–2067). Das „Gesamtabkommen“ wurde zuerst als Beilage zu den Kirchlichen Blättern vom 18.8.1942 geliefert, und der Lehrplan erschien als Beilage zu den Kirchlichen Blättern vom 13.10.1942. </p>



<p>Erwartungsgemäß konzentrieren sich die Protokolle des Landeskonsistoriums auf die zu behandelnden Fragen in den 10 siebenbürgischen Kirchenbezirken und das Diasporapfarramt. Aber aufgrund der territorialen Vergrößerungen des Königreichs Rumänien nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich evangelische Minderheitenkirchen und -gemeinden in Bessarabien, im sog. Altreich und der Dobrudscha, im Banat und in der Bukowina der siebenbürgischen Landeskirche angegliedert. Seit 1926/27 unter einer gemeinsamen Kirchenordnung vereint, bildete das Landeskonsistorium in Hermannstadt die Zentralbehörde für die angeschlossenen Kirchenbezirke Bukarest, Czernowitz, Temeswar und Tarutino, den größten unter den neuen Bezirken. Nach Hermannstadt wurden die Bezirkskirchenprotokolle gesandt und die strukturellen Veränderungen im Kirchenbezirk mitgeteilt. Das 1930 gegründete landeskirchliche Hilfswerk für arme Gemeinden unterstützte auch mittellose Gemeinden und Lehrer in den angeschlossenen Kirchenbezirken, und das Landeskonsistorium verhandelte in Schulfragen als Zentralbehörde mit den Regierungsstellen. Mit der Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien, der Bukowina und der Dobrudscha ab 1940, der sog. Aktion „Heim ins Reich“, endete das kurze Intermezzo einer gemeinsamen Geschichte im Königreich Rumänien, und die Landeskirche verlor rund 120.000 Mitglieder für immer.</p>



<p>Die vorliegende Quellenedition erleichtert den Zugang zu den Originalakten um ein Vielfaches und stellt eine Fundgrube für alle historisch Interessierten und Forschenden dar. Die Bände sind u.a. in der siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim sowie in vielen Universitätsbibliotheken in Deutschland zugänglich. Es ist sehr zu wünschen, dass reichlich Gebrauch von diesem profunden Material und den vielen wichtigen Informationen gemacht wird.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Cornelia Schlarb</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/ulrich-wien-die-protokolle-des-landeskonsistoriums-der-evangelischen-landeskirche-in-rumaenien-1919-1944/">Ulrich Wien: Die Protokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche in Rumänien 1919-1944</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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		<title>Wolfgang Höpken: Wissenschaft &#8211; Politik &#8211; Biografie : Die deutsche Südosteuropaforschung und ihre Akteure am Beispiel von Franz Ronneberger (1930er bis 1990er Jahre)</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/wolfgang-hoepken-wissenschaft-politik-biografie-die-deutsche-suedosteuropaforschung-und-ihre-akteure-am-beispiel-von-franz-ronneberger-1930er-bis-1990er-jahre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 09:46:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://halbjahresschrift.de/?p=929</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wolfgang Höpken: Wissenschaft – Politik – Biografie. Die deutsche Südosteuropaforschung und ihre Akteure am Beispiel von Franz Ronneberger (1930er bis 1990er Jahre). Südosteuropäische Arbeiten 163. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg 2020. 889 S. Die von internationalen kritischen Historikerinnen und Historikern seit einem Vierteljahrhundert vorangetriebenen Bemühungen, die Verstrickungen der deutschen Geisteswissenschaften in Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/wolfgang-hoepken-wissenschaft-politik-biografie-die-deutsche-suedosteuropaforschung-und-ihre-akteure-am-beispiel-von-franz-ronneberger-1930er-bis-1990er-jahre/">Wolfgang Höpken: Wissenschaft &#8211; Politik &#8211; Biografie : Die deutsche Südosteuropaforschung und ihre Akteure am Beispiel von Franz Ronneberger (1930er bis 1990er Jahre)</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Wolfgang Höpken: Wissenschaft – Politik – Biografie. Die deutsche Südosteuropaforschung und ihre Akteure am Beispiel von Franz Ronneberger (1930er bis 1990er Jahre). Südosteuropäische Arbeiten 163. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg 2020. 889 S.</p>



<p>Die von internationalen kritischen Historikerinnen und Historikern seit einem Vierteljahrhundert vorangetriebenen Bemühungen, die Verstrickungen der deutschen Geisteswissenschaften in Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus und deren Nachwirkungen aufzudecken und Licht in die belastete Vergangenheit der deutschen geschichts- und kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem östlichen Europa zu bringen, zielten vor allem auf die akademische Befassung mit den Böhmischen Ländern, Polen und Russland in den Jahren 1933–1945 ab.<sup data-fn="6eac222f-fc01-4f17-a5e0-2c85f0407153" class="fn"><a id="6eac222f-fc01-4f17-a5e0-2c85f0407153-link" href="#6eac222f-fc01-4f17-a5e0-2c85f0407153">1</a></sup> Die monumentale Biografie Hermann Aubins von Eduard Mühle hat in dieser Beziehung in der deutschen Historiografie Standards gesetzt.<sup data-fn="bb220dc8-81c7-47d4-9bd0-cbe3bc579aa3" class="fn"><a id="bb220dc8-81c7-47d4-9bd0-cbe3bc579aa3-link" href="#bb220dc8-81c7-47d4-9bd0-cbe3bc579aa3">2</a></sup> Ungeachtet einiger verdienstvoller Ansätze blieb der deutsche Blick nach Südosteuropa während des 20. Jahrhundert vergleichsweise unterbelichtet. Lag es an der proportional geringeren Zahl an entsprechenden Lehrstühlen und außeruniversitären Einrichtungen? Oder an Abhängigkeiten, den akademischen Lehrer-Schüler-Beziehungen in einem verhältnismäßig engen wissenschaftlichen Feld?</p>



<p>Der Leipziger Emeritus Wolfgang Höpken hat ein Werk zu Leben, Werk und Umfeld des Südosteuropaforschers Franz Ronneberger (1913–1999) vorgelegt, das es nicht nur im Umfang mit der genannten Aubin-Biografie Eduard Mühles aufnehmen kann, wenngleich beide untersuchten Protagonisten unterschiedlichen Generationen angehörten und deshalb auch ihre Ausgangslage eine andere war. Als im Januar 1933 Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt wurde, war Ronneberger noch nicht ganz zwanzig Jahre alt und befand sich in der wissenschaftlichen Ausbildung, während der eine Generation ältere Hermann Aubin (1885–1969) bereits ein etablierter und gut vernetzter Universitätsprofessor war. Nur wenige Jahre jünger als Ronneberger war der in München gelandete Südosteuropa-Historiker Fritz Valjavec (1909–1960), der für Ronnebergers Sozialisation eine nicht unwesentliche Rolle spielen sollte.</p>



<p>Aubin stammte aus dem nordböhmischen Reichenberg (tsch. Liberec), Valjavec aus der der ungarischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie. Im Unterschied dazu wurde dem in Thüringen aufgewachsenen Franz Ronneberger kein familiärer Bezug zum östlichen Europa in die Wiege gelegt. Er verlor als Kleinkind seinen als Soldat im Ersten Weltkrieg gefallenen Vater, einen mittelständischen handwerklichen Unternehmer. Franz absolvierte im heimatlichen Thüringen seine Schulausbildung und kam nach dem Abitur (1932) in den Genuss einer Förderung seitens der Studienstiftung des Deutschen Volkes, dank derer er an der Universität Kiel ein juristisches Studium aufnahm. Frühzeitig begeisterte er sich für den Nationalsozialismus, schloss sich noch vor der „Machtergreifung“ dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) an, entwickelte in dessen Milieu ein Interesse für den Südosten Europas und wechselte 1934 an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) nach München, die sich zu jener Zeit zu einem Mittelpunkt der deutschen Südosteuropaforschung zu etablieren begann. Es begann eine für völkisch eingestellte Studierende jener Jahre nicht untypische Doppelkarriere: Ronneberger wurde zum einen wissenschaftlicher Mitarbeiter am Südost-Institut in München, wo er mit Fritz Valjavec und seinem Umfeld zusammentraf. An der Münchner Universität leitete Ronneberger das „Außenamt“ der NS-Studentenschaft. Mit Valjavec versuchte er, auf deutsche Minderheiten in Ungarn und Rumänien ideologisch einzuwirken. Daneben evaluierten beide die Presse in Südosteuropa. Im folgenden Jahr avancierte Ronneberger zum Chef der „Außenstelle Südost“ der Reichsstudentenführung. Mit diesem Aufstieg ging sein formeller Eintritt in die NSDAP einher. Als Leiter der „Deutschen Akademischen Auslandsstelle“ in München überwachte er ausländische Studierende an der LMU. Wissenschaftlich lag er auf der Linie der NSDAP; auf das erste juristische Staatsexamen (1935) folgte die Promotion (1938).</p>



<p>1939 wechselte er nach Wien zu „Reichsstatthalter“ Arthur Seyss-Inquart, mit dessen Hilfe er das „Büro Ronneberger“ etablierte, eine Dienststelle zur Auskundschaftung der ausländischen Presse – ab 1940 unter der Regie des Auswärtigen Amtes. Ronnebergers Spionage-Tätigkeit, die mit zahlreichen Reisen verbunden war, unterstützte ein Netzwerk von Agenten und Helfern. Seine Expertisen dienten als Entscheidungshilfen für NS-Dienststellen und -Parteiorganisationen. Ab dem Frühjahr 1944 fusionierte das „Büro Ronneberger“ mit der Publikationsstelle Wien der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft (SOFG), die von Wilfried Krallert geleitet wurde. Seit 1940 war Ronneberger Lehrbeauftragter an der Hochschule für Welthandel in Wien und habilitierte sich dort 1944 im Fach „Staatswissenschaften“. Er war seit 1942 Mitglied der SS und arbeitete geheimdienstlich für das Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Eine für Januar 1945 geplante Dienstortveränderung nach Berlin kam nicht mehr zustande, stattdessen landete er in der Endphase des Zweiten Weltkriegs im steirischen Benediktinerstift St. Lambrecht, das die Nationalsozialisten beschlagnahmt hatten und in dem nun die Unterlagen der Publikationsstelle Wien deponiert werden sollten. In der Steiermark verhafteten britische Soldaten Ronneberger und internierten ihn anschließend im norddeutschen Gefangenenlager Sandbostel.</p>



<p>Besonders eindrucksvoll dokumentiert Höpken die im Endergebnis erfolgreichen Entlastungsstrategien Ronnebergers in dessen Entnazifizierungsprozess im Jahr 1947. Mit einer gewissen Unverfrorenheit und dank tatkräftiger Unterstützung aus seinem Netzwerk gelang es ihm, seine NSDAP-Mitgliedschaft zu bagatellisieren und sich als redlicher Wissenschaftler ohne größere politische Implikationen zu inszenieren. Lediglich in Österreich musste er auf seinen Lehrauftrag in Wien verzichten, der nach 1945 nicht erneuert wurde.</p>



<p>Damit war Ronnebergers Karriere allerdings nicht beendet – im Gegenteil: Er errang rasch eine einflussreiche Position bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), als Dozent für Staatsrecht und Soziologie an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Bochum. Außerdem dockte er beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen, beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und schließlich bei der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) in München an. Seine zahlreichen Veröffentlichungen ermöglichten ihm 1960 eine zweite, diesmal kumulative Habilitation und damit den Eintritt in die universitäre Wissenschaft. Von der Pädagogischen Hochschule Bielefeld führte ihn sein Weg an die Universität Erlangen-Nürnberg, zuletzt an die Katholische Universität Eichstätt. Auch nach 1945 war Ronneberger bestens vernetzt und als Südosteuropa-Experte ein gefragter Experte, Autor und Referent.</p>



<p>Höpken zeichnet nach, wie sich Ronnebergers Denken vom nationalsozialistischen Wissenschaftsverständnis als einer dem Staat und der Ideologie verpflichteten Disziplin hin zu einem von internationalen Diskursen geprägten Denkschema im Kontext des Kalten Kriegs formierte. Letztlich überwogen dabei strukturell die Kontinuitäten gegenüber Selbstkritik oder Wandel. Ronneberger ist ein Paradebeispiel dafür, wie rasch in der Nachkriegszeit NS-Haltungen an einen neuen gesellschaftspolitischen Kontext adaptiert werden konnten.</p>



<p>Wolfgang Höpkens umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung beruht auf der Auswertung global verteilter Archivbestände und gedruckter Quellen, daneben der Diskursanalyse von Ronnebergers zahlreichen Veröffentlichungen, die wertvolle Einblicke in sein Denken, aber auch in seine Strategien der Selbstlegitimation bieten. Diese Erkenntnisse verknüpft der Autor mit den Erträgen der existierenden Fachliteratur sowie einer Vielzahl an publizistischen Schriften aus dem Umfeld der deutschen Südostforschung von den 1930er-Jahren bis in die Zeit nach dem Ende des Kalten Kriegs. Die Lektüre von Höpkens Werk illustriert auf bedrückende Weise, welche Kontinuitäten in diesem Bereich anzutreffen waren und wie vor 1945 entstandene Netzwerke auch im Kontext der Nachkriegsentwicklung weiterhin trugen. Das gelingt Höpken an seinem Beispiel der Nachweis in besonders überzeugender Weise. Das fast 900 Seiten starke Werk ist das Ergebnis einer nicht zu unterschätzenden Fleißarbeit. Das Ergebnis ist keine leichte Kost, aber ein wissenschaftlich sehr bedeutsamer Beitrag zu einer noch immer ausstehenden gesamtgesellschaftlichen Reflexion unseres Umgangs mit dem östlichen Europa. Biografien von Schlüsselpersönlichkeiten wie Fritz Valjavec stehen hingegen noch immer aus.</p>



<p>Ein detailliertes Personen- und Ortsregister ermöglicht den raschen Zugriff auf Einzelheiten. In der polnischen Sprache würde man das Werk zweifelsohne als „kopalnia wiedzi“, als „Steinbruch des Wissens“, charakterisieren, ein positives Kompliment: Für alle Kolleginnen und Kollegen, die sich mit der Geschichte einzelner Personen oder Institutionen aus dem Umfeld der deutschsprachigen Südosteuropaforschung beschäftigen, ist fortan der Griff zu Höpkens Ronneberger-Biografie unumgänglich.</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Tobias Weger</em></p>


<ol class="wp-block-footnotes"><li id="6eac222f-fc01-4f17-a5e0-2c85f0407153">Immer noch maßgeblich das Werk von Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. London 1988. <a href="#6eac222f-fc01-4f17-a5e0-2c85f0407153-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 1 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="bb220dc8-81c7-47d4-9bd0-cbe3bc579aa3">Eduard Mühle: Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung. Düsseldorf 2005; ders. (Hg.): Briefe des Ostforschers Hermann Aubin aus den Jahren 1910–1968. Marburg 2008. <a href="#bb220dc8-81c7-47d4-9bd0-cbe3bc579aa3-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 2 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/15.1.0/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li></ol><p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/wolfgang-hoepken-wissenschaft-politik-biografie-die-deutsche-suedosteuropaforschung-und-ihre-akteure-am-beispiel-von-franz-ronneberger-1930er-bis-1990er-jahre/">Wolfgang Höpken: Wissenschaft &#8211; Politik &#8211; Biografie : Die deutsche Südosteuropaforschung und ihre Akteure am Beispiel von Franz Ronneberger (1930er bis 1990er Jahre)</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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		<title>Hélène Camarade, Luba Jurgenson, Xavier Galmiche: Samizdat</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/helene-camarade-luba-jurgenson-xavier-galmiche-samizdat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 May 2025 09:46:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hélène Camarade, Xavier Galmiche, Luba Jurgenson (Hgg.): Samizdat. Publications clandestines et autoédition en Europe centrale et orientale (années 1950–1990) [Samisdat. Geheim- und Eigenveröffentlichungen in Zentral- und Osteuropa (1950er- bis 1990er-Jahre)]. Paris: nouveau monde 2023. 320 S., 23 Abbildungen. „Samizdat“ ist ein russisches Akronym, das „selbst Verlegtes“ bezeichnet und damit all jene Publikationsformen, die in den Staaten [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/helene-camarade-luba-jurgenson-xavier-galmiche-samizdat/">Hélène Camarade, Luba Jurgenson, Xavier Galmiche: Samizdat</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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<p>Hélène Camarade, Xavier Galmiche, Luba Jurgenson (Hgg.): Samizdat. Publications clandestines et autoédition en Europe centrale et orientale (années 1950–1990) [Samisdat. Geheim- und Eigenveröffentlichungen in Zentral- und Osteuropa (1950er- bis 1990er-Jahre)]. Paris: nouveau monde 2023. 320 S., 23 Abbildungen.</p>



<p>„Samizdat“ ist ein russisches Akronym, das „selbst Verlegtes“ bezeichnet und damit all jene Publikationsformen, die in den Staaten des ehemaligen Ostblocks zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Wende von 1989/90 jenseits der offiziellen Veröffentlichungspraxis und Zensur gehandhabt worden sind. Dem Phänomen der nicht-konformen Parallelkulturen sowie ihren literarischen, publizistischen und künstlerischen Ausdrucksformen widmet sich dieses handliche Werk in französischer Sprache.</p>



<p>Im Herausgebertrio vereinen sich Fach- und Regionalkompetenzen sowie praktische und theoretische Herangehensweisen: Die Germanistin Hélene Camarade von der Université Bordeaux Montaigne forscht aktuell am Centre Marc Bloch in Berlin und untersucht bereits seit längerer Zeit Dissidenz und Opposition in der DDR. Der Bohemist Xavier Galmiche lehrt als Literaturwissenschaftler an der Sorbonne in Paris, leitet das dortige Centre interdisciplinaire de recherches centre-européennes (CIRCE) [Interdisziplinäres Zentrum für zentraleuropäische Forschungen], übersetzt aber auch selbst (vorwiegend tschechische) Literatur. Seine Pariser Kollegin Luba Jurgenson hat einen Lehrstuhl für russische Literatur inne, ist aber auch selbst als Schriftstellerin zeithistorisch inspirierter Belletristik hervorgetreten.</p>



<p>In ihrer konzisen Einleitung (S. 9–27) verweisen die drei Herausgeber/innen auf die dynamischen Entwicklungen des Samisdat in den einzelnen vom sowjetischen Machtapparat kontrollierten Gesellschaften seit etwa Stalins Tod, zugleich aber auch auf die „relative Geografie“ des „Ostblocks“, in dessen einzelnen Staaten unterschiedliche Chronologien bestimmend waren, die jeweilige kurze Liberalisierungsphasen beinhaltet hätten – etwa 1968 in der Tschechoslowakei, 1980/81 in Polen und während der Perestroika in der UdSSR. Bei allen Schwierigkeiten der Vergleichbarkeit sei es beim Samisdat stets um die Frage der freien Meinungsäußerung in Systemen gegangen, in denen die Freiheit des Ausdrucks staatlicherseits eingeschränkt gewesen sei. Insofern ergebe sich auch ein funktionaler Zusammenhang mit dem Wesen und der Praxis der staatlichen Zensur. In terminologischer Hinsicht habe sich der vom Russischen abgeleitete „Samisdat“ in orthografischen Varianten durchgesetzt, wobei es in einzelnen Sprachen auch Alternativbegriffe gegeben habe. Sprachlich verwandt sind auch die Ausdrücke „Tamizdat“ – gemeint ist die Exilpublizistik außerhalb des sowjetischen Einflussbereichs – und der „Magnetizdat“, die Aufzeichnung unzensierter Texte und Musik auf Tonbändern.</p>



<p>Entsprechend der französischen enzyklopädischen Wissenschaftstradition werden Einzelaspekte in knappen, aber fachlich fundierten Lemmata ausgewiesener Expert/innen aus mehreren Ländern behandelt. Sie kondensieren darin ihre bisherigen Forschungsergebnisse, setzen aber nur sehr sparsam Fußnoten und verweisen auf weiterführende Literatur zur Vertiefung der Spezialbereiche. Informationskästchen zu einigen der Texte ermöglichen das Lokalisieren von Primärquellen in einschlägigen Sammlungen zum Samisdat. Einige Beiträge stammen von den Herausgeber/innen selbst, für die weiteren haben sie 31 Fachkolleg/innen eingeworben.</p>



<p>Der Hauptteil des Buches gliedert sich in zwei Hauptbereiche: Der erste folgt einem geografisch-politischen Ansatz, indem die Grenzen und Möglichkeit des Samisdat innerhalb der UdSSR und ihrer Satellitenstaaten sondiert werden. Die Rezipient/innen des Buches können sich auf diese Weise über die Menschenrechts-Zeitschriften in der Sowjetunion (Cécile Vaissié), über publizierte Gulag-Zeugnisse (Luba Jurgenson), die Bedeutung der ukrainischen Dissidenz (Galia Ackerman), den belorussischen Samisdat (Dzianis Kandakou) sowie über regimekritische Publizistik in Aserbaidschan (Yalchin Mammadov), Armenien (Claire Mouradian), Georgien (Atinati Mamatsashivili) und den baltischen Sowjetrepubliken (Antoine Chalvin und Eric Le Bourhis) informieren. Gerade das Beispiel Armenien illustriert das Zusammenwirken zwischen dem Samisdat und dem von der globalen armenischen Emigration betreuten Tamisdat bei der Verhandlung der nationalen Frage Armeniens mit Nachwirkungen bis in die Gegenwart.</p>



<p>Wie stand es um die Publikationsmöglichkeiten in den Warschauer-Pakt-Staaten bis 1989/90? Dieser Frage geht das Buch am Beispiel Polens (Agnieszka Grudzińska), der Tschechoslowakei (Jan Rubel), der DDR zwischen 1986 und 1989 (Sylvie Le Grand), in Ungarn (András Kányádi), Jugoslawien (Daniel Baric) und Bulgarien (Jakub Mikulecký) nach. Hier fehlt nicht nur Albanien, sondern vor allem Rumänien, dessen quantitativ und qualitativ relevante Minderheitenliteraturen, vor allem in ungarischer und deutscher Sprache, einen eigenen Beitrag wert gewesen wären, zumal diese Literaturen nicht nur im Fokus des rumänischen Geheimdienstes Securitate standen, sondern auch aus dem Ausland „beobachtet“ wurden.</p>



<p>Auf die geografischen Zugänge lassen die Herausgeber/innen im zweiten Hauptteil thematische Querschnitte und soziale Sonderaspekte folgen. Da geht es strukturell um den Tamizdat im Allgemeinen (Yasha Klots), der anhand des Pariser erfolgreichen polnischen Exilverlags „Kultura“ (Maria Delaperrière) eine Exemplifizierung erfährt. Mit dem Magnetizdat in Ostmitteleuropa (Mateusz Chmurski) und in der UdSSR (Marco Biasioli) wird die technische Ergänzung des gedruckten Worts in den 1980er-Jahren thematisiert. Ein Unterkapitel versammelt Reflexionen zu künstlerischen Aspekten. Nach einer Überblicksdarstellung (Xavier Galmiche) werden beispielhaft die jüdische Künstlergruppe „Alef“ aus Leningrad (Boris Czerny), die tschechischen Surrealisten (Jaromír Typlt), der literarische und künstlerische Samisdat in der DDR der 1980er-Jahre (Carola Hähnel-Mesnard) sowie Formen der Aktionskunst in Zentraleuropa (Andrea Bátorová) vorgestellt.</p>



<p>Anschließend geht es um den Samisdat als Ausdrucksform exkludierter gesellschaftlicher Gemeinschaften, aber auch von Subkulturen. Christliche Veröffentlichungen der 1960er- und 1980er-Jahre in der UdSSR (Kathy Rousselet), der christliche Samisdat in der Tschechoslowakei als philosophische Diskursplattform (Petr Kužel) kommen hier ebenso zur Sprache wie die Erörterung ökologischer Probleme in Polen seit Mitte der 1970er-Jahre (Jan Olaszek), musikalische Fanorgane in der Tschechoslowakei (Miroslav Michela), die Genese einer Homosexuellen-Untergrundpresse in Polen (Mathieu Lericq) sowie feministische und lesbische Zeitschriften in der DDR (Hélène Camarade). Den Abschluss bilden zwei Porträts wichtiger Quellensammlungen – der der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen (Susanne Schattenberg und Manuela Putz) sowie der digitalen Sammlungen an der University of Toronto (Ann Komaromi), ergänzt um einen Einschub von Claudia Pieralli zu den Samisdat-Recherchemöglichkeiten an der Universität Florenz.</p>



<p>Eine umfangreiche Bibliografie, Transliterationshilfen und ein Sachregister ermöglichen ergänzende Recherchen sowie einen raschen Zugang zu den präsentierten Inhalten. Bildnachweise, Biogramme der Autor/innen und – sehr verdienstvoll! – der Übersetzer/innen runden den Informationsgehalt ab.</p>



<p>Damit ist ein gut lesbares und übersichtliches Sammelwerk entstanden, das einen fachlich zuverlässigen und durch aktive Forschungen der Autor/innen abgesicherten Einstieg in die Thematik des Samisdat ermöglicht. An einigen Stellen erscheinen die Beiträge allerdings etwas sehr idealistisch, wenn etwa der Samisdat kollektiv als überwiegend „westliches“ Phänomen beschrieben wird. Ob dies tatsächlich für alle regimefernen kirchlichen Veröffentlichungen in der UdSSR oder für alle Verhandlungen nationaler Fragen bei Ukrainern oder Armeniern zutrifft, sei einmal dahingestellt. Wir blicken heute ehrfürchtig auf das bürgerrechtliche Engagement von Persönlichkeiten wie Václav Havel, Adam Michnik, Tadeusz Mazowiecki und vielen anderen zurück, das zurecht als eine Grundlage für die demokratische Entwicklung im östlichen Europa nach 1989 angesehen wird. Dennoch besteht bei der Historiografie des Samisdat eine Falle, in die auch einige der Beiträger/innen der vorliegenden Bandes getappt sind: Es sollte nämlich nicht übersehen werden, dass die antikommunistische Opposition zwischen 1945 und 1990 sich nicht nur in Schriften liberal-demokratischer Akteure artikulierte. Im regimekritischen Untergrund publizierten auch nationalistische und nationalkonservative Autorinnen und Autoren, die nach der Demokratisierung ihrer Länder zu Wegbereitern der neuen, zum Teil auch extremen Rechten wurden. Der polnische Politiker Janusz Korwin-Mikke (geb. 1942) etwa, ein langjähriger Rechtsaußen-Abgeordneter im Sejm und im Europäischen Parlament, war während der Zeit des Kriegsrechts in Polen in den 1980er-Jahren wegen illegaler Publikationstätigkeit inhaftiert worden; in seinen Texten hatte er sowohl das Jaruzelski-Regime als auch die oppositionelle Gewerkschaftsbewegung Solidarność scharf kritisiert. In Rumänien zählten zur publizistisch tätigen Opposition auch Parteigänger der so genannten Legionärsbewegung der 1930er- und 1940er-Jahre. Die Liste ließe sich in allen betroffenen Ländern fortsetzen. Nur wenn man diese Segmente in die Betrachtung des Samisdat mit einbezieht, können aktuelle politische Entwicklungen im östlichen Europa in ihrer zeithistorischen Entwicklung verständlich werden.</p>



<p class="has-text-align-right"><span style="font-family: &quot;Open Sans&quot;, sans-serif; font-size: 11pt; caret-color: rgb(0, 0, 0); text-align: right; white-space: normal;"><em>Tobias Weger</em></span><p class="MsoNormal" align="right" style="margin: 0cm; font-size: medium; font-family: Aptos, sans-serif; caret-color: rgb(0, 0, 0); color: rgb(0, 0, 0); white-space: normal; text-align: right; line-height: 24px;"><span style="font-size: 11pt; line-height: 22px; font-family: &quot;Open Sans&quot;, sans-serif; color: rgb(75, 79, 88); background-image: none; background-position: 0% 0%; background-size: auto; background-repeat: repeat; background-attachment: scroll; background-origin: padding-box; background-clip: border-box;"></span></p></p>
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		<title>Heinrich Stiehler: „Nacht“. Die rumänische Schoah in Geschichte und Literatur </title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/heinrich-stiehler-nacht-die-rumaenische-schoah-in-geschichte-und-literatur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Mar 2024 14:08:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Nacht“. Die rumänische Schoah in Geschichte und Literatur, Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2019, 131 Seiten. Noch immer ist die Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Rumänien bzw. in während des Zweiten Weltkriegs rumänisch besetzten Gebieten überlagert durch die Epoche des „realen Sozialismus“ und durch die vorherrschende Selbstwahrnehmung als „Opfer [&#8230;]</p>
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<p>„Nacht“. Die rumänische Schoah in Geschichte und Literatur, Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2019, 131 Seiten.</p>



<p>Noch immer ist die Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Rumänien bzw. in während des Zweiten Weltkriegs rumänisch besetzten Gebieten überlagert durch die Epoche des „realen Sozialismus“ und durch die vorherrschende Selbstwahrnehmung als „Opfer der Geschichte“. So setzte die historische Rekonstruktion und Aufarbeitung des Holocaust in Rumänien entweder durch im Ausland lebende rumänische Wissenschaftler (z.B. Radu Ioanid am Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.) oder erst auf äußeren politischen Druck hin – im Vorfeld des NATO-Beitritts 2004 – ein.&nbsp;</p>



<p>Bis heute dominieren wissenschaftliche und journalistische Dokumentationen über die Ära des Stalinismus, über das Ceauşescu-Regime oder die Securitate den politischen Buchmarkt Rumäniens. Dagegen wirken die seit den neunziger Jahren vor allem durch Victor Neumann oder Lya Benjamin verfassten Monographien sowie die Veröffentlichungen des auf jüdische Themen spezialisierten Hasefer-Verlages oder des Nationalen Institutes zum Studium des Holocaust in Rumänien (Institutul Naţional pentru Studierea Holocaustului din România, INSHR) zumeist wie einsame Mahnungen. Wie dringlich die breite Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Rumänien ist, zeigt der im April 2020 veröffentlichte Bericht des INSHR über Antisemitismus und Holocaustleugnung. Danach ergänzen sich „analoge“ Formen wie die Schändung von Synagogen, Friedhöfen und Gedenkstätten mit zunehmend „virtuellen“ Formen im Internet und der politischen Öffentlichkeit.&nbsp;</p>



<p>Umso mehr ist das Erscheinen der hier anzuzeigenden Publikation zu begrüßen, wenngleich auch diese Studie nicht in Rumänien, sondern in Österreich verlegt wurde und der Autor ein deutscher, allerdings Rumänien eng verbundener, ist oder vielmehr war. Denn die Freude, diese Studie besprechen und damit vielleicht noch etwas bekannter machen zu dürfen, ist durch den Verlust eines außergewöhnlichen Wissenschaftlers und Autors überschattet.&nbsp;</p>



<p>Heinrich Stiehler, ausgewiesener Kenner der rumänischen Literatur (z.B. als Herausgeber der deutschen Ausgabe der Werke von Panaït Istraţi), verstarb nach langer Krankheit im April 2023. Als eine seiner letzten Publikationen legte er mit der 2019 erschienenen Schrift <em>„Nacht“. Die rumänische Schoah in Geschichte und Literatur</em> eine an Umfang kleine, an Inhalt und Analyse aber bedeutende Studie vor. Darin gelang ihm souverän, auf wenigen einführenden Seiten die wesentlichen historischen Entwicklungslinien, Akteure und Hintergründe der Judenverfolgung und Judenvernichtung im faschistischen Rumänien zwischen 1941 und 1944 zu skizzieren. An die profunde Einführung schließt sich Stiehlers „Stationendrama“ an, wie er es selbst nennt. In vier geographisch basierten Kapiteln stellt er jeweils Duos aus prominenten und weniger bekannten, zumeist jüdischen Schriftstellern aus bzw. über Bukarest (Filip Brunea-Fox, Mihail Sebastian), Iaşi (Curzio Malaparte, Aurel Baranga), Cernowitz/Cernăuţi (Isak Weißglas, Robert Flinker) und Transnistrien (Immanuel Weißglas, Edgar Hilsenrath) vor, die auf Rumänisch, Deutsch oder Italienisch über den Holocaust in Rumänien schrieben.&nbsp;</p>



<p>Ergänzt wird die literarisch zentrierte Darstellung („statt eines Nachwortes“) mit kurzgefassten „Notizen zu den Roma in Transnistrien“ und damit jener Bevölkerungsgruppe, die gemeinhin im Schatten der Holocaustforschung und &#8211; erinnerung steht. Biographische Informationen zu den vorgestellten Autoren beschließen den Band.&nbsp;</p>



<p>Die literarischen Stationen des von H.Stiehler entfalteten historisch-politischen Dramas vermitteln jeweils Auszüge aus dem Werk der einzelnen Autoren, die den Holocaust in und durch Rumänien in unterschiedlichen Perspektiven (als betroffener Augenzeuge und Verfolgter oder als professioneller Berichterstatter und Erzähler) und in unterschiedlichen Formen (als Roman, fiktionale Reportage, Tagebuch) widerspiegeln. An die Exzerpte schließen stets H.Stiehlers politisch-historische Einordnungen sowie literatur- und textkritische Analysen an, die wiederum andere historische und literarische Quellen heranziehen.&nbsp;</p>



<p>So entsteht auf wenigen Zeilen ein Geflecht aus Geschichte, Politik und Kultur Rumäniens, wie es – nicht nur zu diesem Thema – in dieser Dichte und Reflexion bisher wohl kaum geboten wurde. Denn H.Stiehler war beides: ein an der Frankfurter „Kritischen Theorie“ geschulter Geist, ein versierter Romanist mit einem starken Bezug zur französischen Literatur und ein Kenner der Geschichte und Kultur Rumäniens.&nbsp;</p>



<p>Der italienische Romancier Curzio Malaparte (anfangs Mitglied der italienischen faschistischen Partei PNF) erscheint hier in einer Reihe mit rumänischen Autoren, da er als Kriegskorrespondent für den Mailänder <em>Corriere della Sera</em> 1940 bis 1945 von der Ostfront und dem Balkan berichtete. Den nicht durch eigene Augenzeugenschaft beglaubigten Verlauf des antijüdischen und antikommunistischen Pogroms von Iaşi im Juni 1941, verübt durch rumänische und deutsche Soldaten, den rumänischen Geheimdienst und tausende rumänische Zivilisten, verarbeitete er literarisch im seinerzeit erfolgreichen, heute weitgehend vergessenen Roman „Kaputt“ (1944), aus dem H.Stiehler ausführlich zitiert.&nbsp;</p>



<p>Sicher nicht zufällig nennt H.Stiehler seine Monographie in Anlehnung an den Ghettoroman von Edgar Hilsenrath ebenfalls „Nacht“, diesmal in Anführungszeichen. „Nacht“ steht hier wohl als eine Metapher für das Schicksal der mehr als eine viertel Million ermordeter rumänischer Juden oder jüdischer Rumänen während des Faschismus. H.Stiehler bevorzugt den Begriff der „Schoah“ anstelle des seit den späten siebziger Jahren zumeist verwendeten „Holocaust“ (ungefähr: „Brandopfer“ oder „Großbrand“), weil dieser Terminus „eine dem NS-Regimes eigene technische Dimension des Massenmordes“ impliziere, „die für die rumänischen Verhältnisse so nicht zutrifft“. Deshalb erscheint ihm ein Begriff für „Verderben“ oder „Heimsuchung“ angemessener, wie er „Schoah“ darstellt (S. 6f).&nbsp;</p>



<p>Im einführenden Kapitel („Zur Geschichte des rumänischen Antisemitismus<em>“</em>) stellt Stiehler Intellektuelle (z.B. Nicolae Iorga, Mircea Eliade oder Emil Cioran) als Vordenker und zum Teil auch Organisatoren von Konzepten der zunächst ökonomischen wie sozialen Exklusion und später der physischen Vernichtung dar – was aufschlussreiche Parallelen zu deutschen Hochschullehrern und Wissenschaftlern eröffnet, die nicht selten die akademischen Lehrer der jungen rumänischen Elite waren. Gestützt auf seine überzeugende Darstellung resümiert H.Stiehler: „Sieht man vom technologischen Aspekt ab, steht die rumänische Vernichtungspolitik der deutschen in nichts nach“ (S. 23).&nbsp;</p>



<p>Dass er in seiner Argumentation den 2018 erschienenen, neben Ungarn und der Slowakei auch Rumänien behandelnden Band 13 der monumentalen Quellenedition <em>Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945</em> nicht mehr berücksichtigen konnte, ist bedauerlich, zumal dort politische, administrative und literarische Dokumente des Holocaust in Rumänien versammelt sind (u.a. ein Auszug aus dem Tagebuch von Mihail Sebastian zum Pogrom in Bukarest im Januar 1941).&nbsp;</p>



<p>Zu den Verdiensten von H.Stiehlers Monographie zählt – neben den bereits genannten – eine durchgängig kritische und differenzierende Haltung zum Thema und zu Personen, die auch die Widersprüchlichkeit z.B. eines Mihail Sebastian nicht ausblendet, der (wie Mircea Eliade) als Redakteur einer der faschistischen „Eisernen Garde“ nahestehenden Tageszeitung (<em>Cuvântul</em>) tätig war und später als Jude selbst Opfer faschistischer Repression wurde (er erhielt Berufsverbot als Rechtsanwalt).&nbsp;</p>



<p>Im Tableau der vorgestellten Literaten fehlt leider eine literarische Stimme aus dem während des Holocaust zu einem großen Teil ungarisch besetzten Transsylvanien/Siebenbürgen ebenso wie die einer Autorin, obwohl z.B. mit Rose Ausländer (Cernowitz/Cernăuţi) eine solche inzwischen den Weg in den Kanon der rumänischen/deutschsprachigen/jüdischen Literatur gefunden hat. Dass und warum dies bis heute nicht mehr rumänischen jüdischen wie nicht-jüdischen Autorinnen gelungen ist, wäre mehr als eine eigene Studie wert.&nbsp;</p>



<p>Es ist sehr zu wünschen, dass Heinrich Stiehlers „Nacht“ bald ins Rumänische übersetzt wird (dann mit Zitaten aus den rumänischen Originalquellen anstelle indirekter Zitate) und damit einem breiteren Publikum, vor allem aber Schüler/-innen und Studierenden, zugänglich wird. Dies wäre gewiss ganz in seinem Sinne.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Peter Chroust</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/heinrich-stiehler-nacht-die-rumaenische-schoah-in-geschichte-und-literatur/">Heinrich Stiehler: „Nacht“. Die rumänische Schoah in Geschichte und Literatur </a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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		<title>Mădălina Diaconu: Ideengeschichte Rumäniens</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/madalina-diaconu-ideengeschichte-rumaeniens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Mar 2024 14:05:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ideengeschichte Rumäniens, Paderborn u. a.: Verlag Ferdinand Schöningh 2021, 346 Seiten. Die hier zu besprechende Publikation basiert auf einer Vortragsreihe der an der Universität Wien lehrenden Philosophin und Lektorin Mădălina Diaconu.&#160; Zunächst ist zu klären: Was meint „Ideengeschichte“ und was meint „Rumänien“ bzw. „Rumänisch“?&#160; Zum Begriff der „Ideengeschichte“: M. Diaconu definiert Ideengeschichte als Sozialgeschichte, die [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/madalina-diaconu-ideengeschichte-rumaeniens/">Mădălina Diaconu: Ideengeschichte Rumäniens</a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ideengeschichte Rumäniens, Paderborn u. a.: Verlag Ferdinand Schöningh 2021, 346 Seiten.</p>



<p>Die hier zu besprechende Publikation basiert auf einer Vortragsreihe der an der Universität Wien lehrenden Philosophin und Lektorin Mădălina Diaconu.&nbsp;</p>



<p>Zunächst ist zu klären: Was meint „Ideengeschichte“ und was meint „Rumänien“ bzw. „Rumänisch“?&nbsp;</p>



<p>Zum Begriff der „Ideengeschichte“: M. Diaconu definiert Ideengeschichte als <em>Sozialgeschichte</em>, die nicht nur „Texte“ als Primärquellen untersucht, sondern zugleich auch „die Bedingungen, unter denen Theorien entstanden, ebenso wie ihre Zirkulation und Rezeption“ (S. 2). Dabei ergibt sich die Frage, ob „Texte“ im engeren Sinne schriftlicher Dokumente zu verstehen sind oder z.B. im Sinne Derridas („Text ist alles“). Und: soll eine Ideengeschichte ausschließlich philosophische, politische oder literarische Texte umfassen oder auch Werke der bildenden oder darstellenden Kunst? Zu denken wäre hier z.B. an Constantin Brâncuşi mit seinen starken Bezügen zur rumänischen Folklore (z.B. die „Unendliche Säule“ oder der Zaubervogel „Pasărea Măiastră“), aber auch an Architektur, traditionelle und konzertante Musik, die oftmals auf überliefertes „Material“ zurückgreift (z.B. George Enescu in Sonaten, Quartetten und in seinen „Rumänischen Rhapsodien“). Auch das seit den 1920er Jahren an Bedeutung zunehmende Medium des Films ist zu bedenken. In allen genannten Feldern findet sich stets der Widerstreit zwischen „autochthonen“ und „westlich-urbanen“ Konzepten. M. Diaconu beantwortet die Frage nach den „Texten“ indirekt durch die Auswahl der präsentierten Autoren und Theorien. Mit beeindruckender Souveränität entfaltet M. Diaconu ein Panorama aus Philosophen, Literaten, Wissenschaftlern und Politikern. Bildende Künstler wie Constantin Brâncuşi werden dagegen nur am Rande erwähnt.&nbsp;</p>



<p>Das dennoch weitgefasste Spektrum ordnet die Autorin einem Tableau von 12 <em>Problemen </em>zu, „die wiederum in einem spezifischen Kontext generiert wurden und deren Behandlung und Lösung sich nicht auf bloße Theorie beschränken kann“ (S. 2):&nbsp;</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>die (verspätete) Bildung der rumänischen Nation</li>



<li>die Kontroverse um die lediglich „simulierte“ Modernisierung Rumäniens (insbes. zu Titu Maiorescus Theorie der „inhaltlosen Formen“ im Bereich von Bildung, Wissenschaft und Kultur)</li>



<li>Stadt und Land zwischen Ideologie und Politik</li>



<li>Tradition und Moderne in den Transformationen der Zwischenkriegszeit</li>



<li>die Frage des dakisch-lateinischen Ursprungs des rumänischen Volkes (Geschichte und Mythos des „Autochthonen“)</li>



<li>Junge Intellektuelle der Zwischenkriegszeit als Protagonisten einer neuen nationalen Kultur Rumäniens (mit deren Perzeption außerhalb des Landes)</li>



<li>Kulturelle Identitäten zwischen Balkan, orthodoxer Kirche (Osteuropa) und dem „Westen“</li>



<li>Kulturpolitik im „kommunistischen“ Rumänien</li>



<li>Identitätssuche nach dem Zusammenbruch des „kommunistischen“ Regimes 1989</li>



<li>auf dem Weg nach „Europa“ (die Entwicklung nach 2000)</li>



<li>Juden und Roma in Rumänien</li>



<li>Ungarn und Deutsche in Rumänien.</li>
</ol>



<p>Jedes dieser Kapitel spannt einen zeitlichen Bogen vom Beginn der Moderne in Rumänien, d.h. in Siebenbürgen seit dem 18. Jahrhundert, in den Fürstentümern der Walachei und Moldau seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart (2018). Womit zugleich ein weiterer Vorzug dieser Monographie benannt ist. Mit dem weiten historischen Radius verlässt M. Diaconu die häufige Zentrierung auf die immer wieder beschworene und glorifizierte intellektuelle Blüte der Zwischenkriegszeit Rumäniens, die in Wahrheit eher ein Projekt einer kleinen, zumeist (mittel- und west)„europäisch“ orientierten Elite war.&nbsp;</p>



<p>Viele der behandelten Problemfelder weisen über Rumänien hinaus: sei es das Thema des (verspäteten) <em>Nation building</em> (Kap. 1) oder die in Osteuropa bis heute virulente Frage der „Identität“ der eigenen Nation zwischen Ost- und West- bzw. Mitteleuropa (Kap. 4, Kap. 6, Kap. 7). Gleiches gilt für den Dualismus zwischen Tradition und Moderne, versinnbildlicht im Spannungsverhältnis von Stadt und Land. Auch das Thema der nach 1918 in Osteuropa oftmals – durch externe Mächte – willkürlich gezogenen neuen Grenzen und der damit geschaffenen, nicht selten blutig ausgetragenen „Minderheitenfrage“ betrifft bis heute alle osteuropäischen Staaten.&nbsp;</p>



<p>Im 8. Kapitel wiederum findet sich eine erhellende Entmystifizierung der Institution Zensur im „kommunistischen“ Rumänien, die nach ihrer offiziellen Aufhebung im Jahre 1977 dank vorauseilender Selbstzensur offenbar noch effektiver funktionierte als zuvor (S. 171-176). Im 9. und 10. Kapitel liefert M. Diaconu eine Analyse der – nicht nur in Rumänien – unabgeschlossenen Transformation und der damit verbundenen politischen, sozialen und kulturellen Konfliktlinien und Desillusionierung &#8211; und damit zugleich eine auf die meisten anderen osteuropäischen Staaten übertragbare Darstellung. Die beiden letzten Kapitel widmen sich den vier größten Minderheiten. Während Juden und Roma vor allem unter Aspekten der kulturellen Diskriminierung und politisch-sozialen Ausgrenzung besprochen werden, ist für die ungarisch- bzw. deutschsprachige Bevölkerung umgekehrt eine stabile Tendenz zu kultureller (und vielfach politischer) Abgrenzung und Autonomie kennzeichnend, die langfristig mit dem Verlust eines einstmals vielfältigen intellektuellen Lebens einhergeht: einerseits durch eine Politik der kulturellen Zwangs-Homogenisierung gegen Ungarn und Deutsche, andererseits durch die Abwanderung bedeutender Literaten (z.B. Oskar Pastior, Dieter Schlesak oder der „Aktionsgruppe Banat“).&nbsp;</p>



<p>Diese nur kursorische Auflistung mag bereits verdeutlichen, dass eine „Ideengeschichte“ keineswegs ein intellektuelles Glasperlenspiel bedeutet, nämlich dann, wenn Theorien in politische Praxis umschlagen, wie z.B. bei dem Historiker und konservativen Politiker Nicolae Iorga oder bei der faschistischen „Eisernen Garde“ verbundenen Intellektuellen wie Emil Cioran, Mircea Eliade oder Constantin Noica. „Ideengeschichte“ bedeutet im postkommunistischen Rumänien auch, sich neben dem literarisch-kulturellen Leben dem wachsenden Populismus bei gleichzeitig zunehmender Dominanz politischer Parteien oder einzelner Akteure gegenüber der Legislative zu widmen – mitsamt einer gleichzeitigen Distanzierung, Ent-Politisierung oder Rechts-Politisierung der Wahlbevölkerung. Allesamt Kennzeichen einer <em>Postdemokratie</em> (Colin Crouch) – hier allerdings ohne eine vorausgegangene reale Demokratie. Gerade gegenwärtige populistische Bewegungen in Osteuropa leben von der ideologischen Aufladung der genannten realen oder imaginierten Probleme wie der&nbsp; „Identität“ zwischen Ost und West oder einer „gesunden“ eigenen Tradition im Gegensatz zu einer fremden und dekadenten Moderne. Eine Aufladung, die sie rasch zu nationalistischer Radikalisierung treiben lässt, wenn sich die Bürger/-innen Osteuropas stets aufs Neue als Opfer und Benachteiligte der Geschichte empfinden (wollen).&nbsp;</p>



<p>Zur zweiten Definition: Was meint „Rumänien“ bzw. „Rumänisch“? Angesichts der äußerst wechselvollen Geschichte dieses Landes kein leichtes Unterfangen. Zählen doch, je nach historischem Zeitpunkt und politischer Verfasstheit, die Fürstentümer der Walachei und Moldaus, Siebenbürgen/Transsylvanien und das Banat sowie weitere, ebenfalls die territoriale Zugehörigkeit mehrmals wechselnde Regionen wie die Bukowina oder Bessarabien hierzu.&nbsp;</p>



<p>Und was meint in diesem Kontext „Rumänisch“? Sollen hierunter nur Zeugnisse in rumänischer Sprache verstanden werden oder auch Zeugnisse der zahlreichen in Rumänien lebenden Nationalitäten? Und die damit verbundene Frage: Was sind „rumänische“ Autoren? Nur diejenigen, die in Rumänien leben und publizieren, oder auch die zahlreichen freiwilligen oder unfreiwilligen Emigranten, die längst nur noch in anderen Sprachen schreiben (und vielleicht auch denken)?&nbsp;</p>



<p>Die Frage, was unter „Rumänien“ zu verstehen sei, beantwortet M. Diaconu unausgesprochen im Sinne eines unabhängig von politischen Grenzen existierenden sprachlichen und kulturellen Raumes. So bezieht sie (in Kap. 1) die „Siebenbürgische Schule“ (<em>Şcoala Ardeleană</em>) in ihre Darstellung ein, obgleich sich diese intellektuelle Strömung seinerzeit außerhalb der rumänischen Fürstentümer, in der ungarischen Reichshälfte der k.u.k. Monarchie, entfaltete. Etwas anders entscheidet die Autorin bei der Frage, was „rumänische“ Ideengeschichte sei. Hierunter behandelt sie ausführlich auch in Rumänien geborene, aber im Ausland etablierte Autoren, die nur noch in anderen Sprachen publizieren (z.B. Mircea Eliade oder Emil Cioran) und in Rumänien erst nach 1989 rezipiert werden konnten. Andererseits werden ebenso im Ausland wirkende Intellektuelle wie Constantin Brâncuşi nur beiläufig oder Tristan Tzara gar nicht erwähnt (dass rumänischsprachige Autoren z.B. auch der früheren Moldauischen Sowjetrepublik bzw. der heutigen Republik Moldau und anderer Nachbarregionen in einer Ideengeschichte Rumäniens Platz finden müssten, ist der Autorin bewusst).&nbsp;</p>



<p>Damit erscheint auch das Thema des kulturellen Transfers in der Betrachtung – und zwar nicht nur als einseitiger „brain drain“ aus Rumänien. Denn bekanntlich waren die Einflüsse aus den intellektuellen Zentren des 18., 19. und 20. Jahrhunderts (Paris, Wien, Berlin) auf das rumänische intellektuelle und politische Leben überaus bedeutend und vielfältig. Dass bedeutende französische Intellektuelle der 1940er und 1950er Jahre (z.B. Jean-Paul Sartre, Albert Camus) oder die „nouvelles philosophes“ der 1970er Jahre (z.B. Michel Foucault) in Rumänien nur äußerst begrenzt wahrgenommen werden konnten, ist der restriktiven, nur durch kurze „Tauwetterperioden“ unterbrochenen restriktiven rumänischen Kulturpolitik zwischen 1947 und 1989 geschuldet.&nbsp;</p>



<p>Schon durch ihre zumeist im Ausland erworbene universitäre Ausbildung wirkten viele Gelehrte und Politiker als „frankophile“ oder „germanophile“ Vermittler und Akteure in den unterschiedlichen Regionen des rumänischen Sprachgebietes. Diese wechselseitigen kulturellen Transfers stellt M. Diaconu in einer Vielzahl biographischer Skizzen kenntnisreich dar.&nbsp;</p>



<p>Vielleicht bietet die wünschenswerte folgende Auflage die Gelegenheit zu einigen Ergänzungen.&nbsp;</p>



<p>So z.B. zur Rolle der Frauen im rumänischen Geistesleben, die bedauerlicherweise nur gestreift wird (S. 204f). Hier wäre zu wünschen gewesen, mehr aus den historischen Studien von Ştefania Mihăilescu, Mihaela Miroiu und Maria Bucur zu erfahren. Wäre es doch wenig überraschend, wenn unter den Ehefrauen oder Lebensgefährtinnen bedeutender rumänischer Intellektueller noch eine Reihe&nbsp; innovativer Philosophinnen, Schriftstellerinnen, Malerinnen oder Komponistinnen zu entdecken wären.&nbsp;</p>



<p>Trotz der an einigen Stellen vorgetragenen kritischen Anmerkungen bleibt zu resümieren: M. Diaconu erschließt mit ihrer Monographie souverän das intellektuelle Panorama Rumäniens entlang einer Zeitachse vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart und legt die politischen Implikationen und Konsequenzen der darin verhandelten Theorien für die auftretenden Akteure frei. Da es der Autorin gelingt, auch die anspruchsvollsten Themen der Philosophiegeschichte zu vermitteln, wird diese Studie mit Sicherheit zu einem Gewinn für alle Leser/-innen. Mit der „Ideengeschichte Rumäniens“ ist Mădălina Diaconu ein Standardwerk gelungen.&nbsp;</p>



<p>Deshalb ist sehr zu wünschen, dass dieses Werk bald ins Rumänische übersetzt wird und damit einem breiteren Publikum, vor allem Schüler/-innen und Studierenden, zugänglich wird.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Peter Chroust</em></p>
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		<title>Hans-Werner Retterath (Hg.): Auslandsdeutsches Schulwesen des 20. Jahrhunderts zwischen ‚Volkstumsarbeit‘ und Auswärtiger Kulturpolitik   </title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/hans-werner-retterath-hg-auslandsdeutsches-schulwesen-des-20-jahrhunderts-zwischen-volkstumsarbeit-und-auswaertiger-kulturpolitik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Mar 2024 14:01:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auslandsdeutsches Schulwesen des 20. Jahrhunderts zwischen ‚Volkstumsarbeit‘ und Auswärtiger Kulturpolitik, In: Schriftenreihe des Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa 24. Münster, New York: Waxmann Verlag 2021. 190 S., 10 s/w-Abbildungen.  Der muttersprachliche Unterricht für Angehörige von Minderheiten war in der Geschichte häufig ein Konfliktstoff in spannungsgeladenen gesellschaftlichen Konstellationen zwischen Minorität und Majorität, häufig sogar [&#8230;]</p>
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<p>Auslandsdeutsches Schulwesen des 20. Jahrhunderts zwischen ‚Volkstumsarbeit‘ und Auswärtiger Kulturpolitik, In: Schriftenreihe des Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa 24. Münster, New York: Waxmann Verlag 2021. 190 S., 10 s/w-Abbildungen. </p>



<p>Der muttersprachliche Unterricht für Angehörige von Minderheiten war in der Geschichte häufig ein Konfliktstoff in spannungsgeladenen gesellschaftlichen Konstellationen zwischen Minorität und Majorität, häufig sogar noch wirkmächtiger als die Frage der ungehinderten Religionsausübung. Die Geschichte Europas im 19./20. Jahrhundert liefert dafür – nicht nur im Osten des Kontinents – eine Vielzahl von Beispielen. Konfliktsituationen ergaben sich nicht nur in restaurativen Systemen wie dem Deutschen Kaiserreich ab 1871 oder in den autoritären Regimes des 20. Jahrhunderts. Auch progressiv verfasste Staaten wie die Französische Dritte Republik hatten manche Schwierigkeiten damit, sprachlichen Minderheiten muttersprachlichen Unterricht zu gewähren, glaubte man doch im politischen Machtzentrun in Paris, dies würde der Einheit der Nation und der republikanischen Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger zuwiderlaufen.&nbsp;</p>



<p>Schulische Institutionen für die Angehörigen deutscher Minderheiten im östlichen Europa im 19./20. Jahrhundert sind in den Geschichts- und Kulturwissenschaften bereits häufig thematisiert worden. Davon zeugen auch die Fallstudien, die Hans-Werner Retterath als Erträge zweier Tagungen am IVDE in Freiburg im Breisgau in diesem Band zusammengefasst hat. Auch das institutionelle Netzwerk, das sich zwischen den Schulen und der Patronage „reichsdeutscher“ und österreichischer Schulbehörden in Form einer Vielzahl von nationalen und konfessionellen Verbänden herausbildete, kann als gut erforscht gelten, einschließlich mancher veränderter Gewichtungen, die sich nach der Machtergreifung der NSDAP im Deutschen Reich ergaben.&nbsp;</p>



<p>Drei Aufsätze des Sammelbandes führen an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Mit der Entwicklung des Staatlichen Lehrerseminars mit deutscher Unterrichtssprache im damals noch zum Russländischen Reich gehörenden Lodsch (pl. Łódź) befasst sich die Germanistin Krystyna Radziszewska. Eine Vorläuferinstitution hatten deutsche Protestanten in den 1860er-Jahren errichtet, die unter zaristische Obhut kam und bis zur Schließung in der Zweiten Polnischen Republik im Jahr 1932 als Konsequenz einer Reform des polnischen Schulwesens fortbestand. Eindrucksvoll zeigt die Autorin die sich nach den politischen Kontexten wandelnde Innen- und Außenperspektive auf diese Bildungseinrichtung: Während etwa in der Zwischenkriegszeit die Schulakten auf ein einvernehmliches Verhältnis von Deutschen und Polen und die dem Staat gegenüber bezeugte Loyalität von Dozenten und Absolventen schließen lassen, vermittelte die Presse der Weimarer Republik ein Szenario der ständigen Gefährdung und Bedrohtheit.&nbsp;</p>



<p>Die Kongruenz von sprachlicher und konfessioneller Identität machte nicht selten protestantische Persönlichkeiten zu Initiatoren deutscher Schulen. Die Historikerin Isabel Röskau-Rydel demonstriert dies am Beispiel der Zöcklerschen Anstalten in Stanislau (ukr. Івано-Франківськ, pl. Stanisławów). Das Ehepaar Theodor und Lillie Zöckler errichtete in der ostgalizischen, damals noch habsburgischen Stadt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert einen Komplex unterschiedlicher Bildungseinrichtungen – vor dem Ersten Weltkrieg ein Kinderheim mit Volksschule –, dann in der polnischen Zwischenkriegszeit unter anderem ein evangelisches Gymnasium und soziale Ausbildungsstätten. Diese angesehenen Schulen, zu deren Absolventen in den 1920er-Jahren zahlreiche Kinder mit jüdischem Hintergrund zählten, bestanden bis zur Okkupation Polens im September 1939 und der Angliederung Ostgaliziens an die UdSSR.&nbsp;</p>



<p>Eine faktische Einflussnahme seitens des Deutschen Reiches lässt sich erst im Beitrag des ungarischen Ethnologen Máté Dávid Tamaska erkennen. In Budapest war 1908 auf Anregung eines Pastors eine Schule für „reichsdeutsche“ Kinder errichtet worden, die aber auch nicht-deutschen Kindern offenstand, zeitgenössisch modernen didaktisch-pädagogischen Prinzipien verpflichtet war und vom Deutschen Reich aus finanziell gefördert wurde. Im Gegensatz dazu stand ein auf Betreiben der NSDAP und ungarischer Dienststellen errichteter Neubau einer repräsentativen „Reichsschule“ in der ungarischen Hauptstadt, die ab 1938 konzipiert und Zug um Zug realisiert wurde. So konstituierten sich in Budapest zwei konkurrierende Erinnerungsorte: an eine in das städtische Milieu gut integrierte, aufgeschlossene, und an eine von außen oktroyierte, von der NS-Ideologie beherrschte Schule.&nbsp;</p>



<p>Aus dem urbanen Milieu Budapests führt der nächste Aufsatz in eine überwiegend kleinstädtische oder dörflich-rurale Region. Die deutschen Schulen im slowakischen Landesteil der Tschechoslowakischen Republik und ihre Rolle und Wahrnehmung thematisiert der Historiker Mirek Němec in seinem Beitrag. Bis zur Infiltration und Mobilisierung der deutschen Bevölkerung in der Slowakei durch sudetendeutsche Volkstumsaktivisten ab den späten 1920er-Jahren galt das mehrsprachig angelegte slowakische Minderheitenschulwesen, das auf Integration und damit auch soziale Partizipation ausgerichtet war, als fortschrittlich und wurde auch von den Angehörigen der deutschen Minderheit selbst so gesehen.&nbsp;</p>



<p>Der Bildungshistoriker Stefan Johann Schatz untersucht schließlich die deutsche Schulpolitik im südmährischen Oberlandratsbezirk Iglau (tsch. Jihlava) in der Zeit des so genannten Protektorats Böhmen und Mähren zwischen 1939 und 1945. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen „Germanisierungspolitik“ dokumentiert er die Beschlagnahme bestehender tschechischer Schulen, die Planung und Gründung neuer deutscher Schulen in einem historisch gemischtsprachigen Gebiet. Ungeachtet dieser wichtigen Befunde wirft die Platzierung dieses Beitrags in einem Sammelband zum „auslandsdeutschen Schulwesen“ erneut die Frage nach dessen Konzeption. Völkerrechtlich war das vom Deutschen Reich annektierte und angegliederte „Protektorat Böhmen und Mähren“ trotz seiner Marionettenregierung in Prag kein „Ausland“, sondern ein besetztes Territorium, das in der politischen Praxis von Berlin aus wie ein Kolonialland behandelt wurde. Insofern ist der – inhaltlich nicht zu beanstandende – Aufsatz von Schatz eher ein Beitrag zur deutschen Kriegsführung als zur auslandsdeutschen Schulpolitik.&nbsp;</p>



<p>Was hält diese zweifelsohne verdienstvollen Einzelbeiträge zusammen? In seiner konzeptionellen Einleitung formuliert der Herausgeber Hans-Werner Retterath die These einer deutschen „Politik des Ethnomanagements“ oder „Volkstumskampfes“, mit der die Formierung intellektueller Eliten innerhalb der deutschen Minderheiten bezweckt worden sei (S. 9). Er konstruiert darüber hinaus eine „knapp 500 Jahre“ zurückreichende Tradition deutscher Auslandsschulen (S. 9). Spätestens an dieser Stelle kommen gewisse Zweifel auf: Fühlte sich ein deutschsprachiger Schüler der Renaissance- oder Barockzeit in den schwedischen beziehungsweise russischen Ostseeprovinzen, in der polnisch-litauischen Rzeczypospolita oder im östlichen Habsburgerreich wirklich als „Vorposten“ einer „deutschen Kulturnation“, deren Fortbestand ausgerechnet an seinem Standort „bedroht“ gewesen sein sollte? An dieser Stelle ist Hans-Werner Retterath offensichtlich etwas der Versuchung und argumentativen Falle erlegen, eine lange Kontinuitätslinie aufzuzeigen zu wollen. Dieser Hypothese hängt allerdings auch der zweite Autor des Bandes, der Historiker Christian Kuchler, an, der sich der Deutschen Schule in Belgrad ab 1945 widmet. Implizit scheint sie auch bei dem Historiker Dominik Herzer auf, der als geografische Vergleichsgröße zur Lage im östlichen Europa die deutschen Schulen in Spanien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einführt. Dabei gelingt ihm eine überzeugende Systematisierung und definitorische Schärfe der verwendeten Begrifflichkeiten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Tatsächlich darf die kritische Befassung mit der deutschen Volkstumspolitik des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reichs, die katastrophale Folgen nach sich zog, wie wir heute im Rückblick wissen, darf nicht zu einer historiografischen Unschärfe führen. Dies betrifft sowohl die Ebene der Akteure, auf der in manchen Aufsätzen in diesem Band die Protagonisten aus dem Deutschen Reich de facto nur eine untergeordnete oder keine Rolle gespielt haben, als auch die der Empfänger bzw. Nutznießer der Schulen. Das Beispiel Stanislau zeigt anschaulich, dass nicht in jedem Fall ausschließlich Angehörige „deutscher Minderheiten“ nach dem ethnischen Verständnis von Volkstumsideologen die deutschen Schulen im Ausland frequentierten. Dieser Umstand ließe sich noch anhand sehr vieler anderer deutscher Schulen im Ausland belegen. 1901 etwa gründete die Witwe eines deutschen Brauereibesitzers eine Deutsche Evangelische Schule in der rumänischen Schwarzmeer-Hafenstadt Konstanza (rum. Constanța). Da es unter den deutschen evangelischen Kindern in der Dobrudscha keine ausreichende Nachfrage nach weiterführenden Schulen gab und die Förderung seitens der Gustav-Adolf-Stiftung nur sehr dürftig ausfiel, wurden von Anfang an auch zahlende rumänische, jüdische, türkische und armenische Schüler aufgenommen. Die Vermittlung solider deutscher Sprachkenntnisse war in diesem Fall kein Instrument, um politische Eliten der deutschen Minderheit auszubilden. Die andersethnischen Schüler beziehungsweise deren Eltern wollten durch den Anschluss an einen seinerzeit dominanten zentraleuropäischen Sprachraum soziale Aufstiegsmöglichkeiten erhöhen. Das lässt an die Gegenwart denken: Das Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt (rum. Sibiu) oder die Lenauschule in Temeswar (rum. Timișoara) mit ihrem überwiegend deutschsprachigen Lehrplan werden heute mehrheitlich von rumänischen Schüler/innen besucht, die dadurch ihre deutschen Sprachkenntnisse perfektionieren. Auch waren bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die „deutschen Minderheiten“ keineswegs homogene „Gruppen“, die sich ausschließlich ethnisch oder sprachlich definierten. Gerade die protestantischen Schulinitiativen lassen die Relevanz konfessioneller Faktoren aufscheinen; darüber hinaus dürften in vielen Fällen auch soziale Identitäten eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben.&nbsp;</p>



<p>Von diesen prinzipiellen Einwänden einmal abgesehen bieten die einzelnen Fallstudien in dem rezensierten Band eine in jedem Fall erkenntnisfördernde Lektüre. Sie zeigen gleichzeitig, dass es sich trotz der vorhandenen Literatur lohnt, zur Schulgeschichte in all ihren Verflechtungen weiter zu forschen.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-right"><em>Tobias Weger</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://halbjahresschrift.de/hans-werner-retterath-hg-auslandsdeutsches-schulwesen-des-20-jahrhunderts-zwischen-volkstumsarbeit-und-auswaertiger-kulturpolitik/">Hans-Werner Retterath (Hg.): Auslandsdeutsches Schulwesen des 20. Jahrhunderts zwischen ‚Volkstumsarbeit‘ und Auswärtiger Kulturpolitik   </a> erschien zuerst auf <a href="https://halbjahresschrift.de">Halbjahresschrift für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa</a>.</p>
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		<item>
		<title>Rezension &#124; Karl-Reinhart Trauner: Konfessionalität und Nationalität</title>
		<link>https://halbjahresschrift.de/rezension-karl-reinhart-trauner-konfessionalitat-und-nationalitat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[IKGS-Admin_2]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Nov 2021 15:53:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ausgabe 2019–2020]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Karl-Reinhart Trauner: Konfessionalität und Nationalität. Die evangelische Pfarrgemeinde Marburg/Maribor im 19. und 20. Jahrhundert. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2019. 544 S., eine Karte, zahlreiche Tabellen, 8 Abb. Karl W. Schwarz Der Verfasser studierte Theologie und Geschichte und beendete beide Studienrichtungen mit einer Promotion, wobei jener zum Dr. theol. eine umfangreiche Dissertation über die Los-von-Rom-Bewegung zugrunde [&#8230;]</p>
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<p><strong>Karl-Reinhart Trauner: Konfessionalität und Nationalität<em>.</em> Die evangelische Pfarrgemeinde Marburg/Maribor im 19. und 20. Jahrhundert.</strong> Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2019. 544 S., eine Karte, zahlreiche Tabellen, 8 Abb.</p>



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<p>Karl W. Schwarz</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>Der Verfasser studierte Theologie und Geschichte und beendete beide Studienrichtungen mit einer Promotion, wobei jener zum Dr. theol. eine umfangreiche Dissertation über die Los-von-Rom-Bewegung zugrunde lag (Szentendre 1999, ²2006). Darin definierte der Verfasser diese als eine „gesellschaftspolitische und kirchliche Strömung in der ausgehenden Habsburgermonarchie“ und bezifferte ihr Ausmaß im gesamten „Cisleithanien“ auf etwa 75.000 Personen, die sich von Rom abwendeten und sich der Evangelischen Kirche A.&nbsp;u.&nbsp;H.&nbsp;B. anschlossen, hauptsächlich in Nordböhmen und in der Steiermark – mit Auswirkungen auf die Untersteiermark (sl. Spodnja Štajerska). In diesem Zusammenhang stieß Trauner auf die evangelische Pfarrgemeinde in Marburg an der Drau (sl. Maribor), die er als typische Los-von-Rom-Gemeinde identifizierte.</p>



<p>In dem rezenten Buch, das 2015 als Habilitationsschrift an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien für das Fach Kirchengeschichte angenommen wurde, liefert der Verfasser eine Mikrostudie zum Thema „Konfessionalität und Nationalität“, wobei er die spannungsreiche „Konfliktgeschichte“ im Mikrokosmos einer evangelischen Pfarrgemeinde im Grenzgebiet als Beispiel nimmt, um „die politische, kulturelle und wirtschaftliche, vor allem aber kirchliche Entwicklung“ (S.&nbsp;17) im größeren Kontext darzulegen und Südostmitteleuropa insgesamt in den Blick zu nehmen. Das ist ein gewagtes Unterfangen, denn allein die Konfessionsstatistik zeigt schon eklatante Unterschiede zwischen Marburg und dem 1918 gebildeten Staat der Südslawen, wo die etwa 240.000 Protestanten eine krasse Minderheit waren – gegenüber sechs Millionen orthodoxen Serben, fünf Millionen Katholiken unter Kroaten und Slowenen, Magyaren und Donauschwaben, 1,4 Millionen Muslimen und 60.000 Juden. In Marburg wies die letzte Volkszählung der Habsburgermonarchie (S.&nbsp;427) bei knapp 28.000 Einwohnern überwiegend deutscher Nationalität (23.000) nur Katholiken und 1.200 Protestanten aus. Muslime fehlten vollständig, Orthodoxe und Juden waren nur marginal vertreten, obwohl sich in der Stadt die älteste Synagoge Sloweniens befindet.</p>



<p>Das Buch ist chronologisch in acht Abschnitte gegliedert. Es klärt zunächst methodische und metatheoretische Fragen, benennt die Schlüsselbegriffe „Nationalität“, „Konfession und Konfessionalität“ und erörtert die Topografien „Untersteiermark“ und „Südostmitteleuropa“. Sodann thematisiert es in einem zweiten Abschnitt die „Entstehung der Pfarrgemeinde Marburg unter den Vorzeichen des Liberalismus“ – ursprünglich als Doppelgemeinde mit Pettau (sl. Ptuj) – und charakterisiert den Protestantismus als „Konfession der bürgerlichen Moderne“ (S. 84). Als „Agglomerationsverstärker“ begegnet hier der Ausbau der Südbahn, weil in Marburg eine Werkstätte eingerichtet wurde, die zum größten „Industrieunternehmen“ anwuchs und eine verstärkte Zuwanderung (S.&nbsp;45) zur Folge hatte.</p>



<p>Der dritte Abschnitt behandelt „Nationalismus und Los-von-Rom-Bewegung“ an der Wende vom 19. zum 20.&nbsp;Jahrhundert. Damit knüpft der Verfasser an seine Dissertation und einige frühere regionalbezogene Arbeiten in deren Umfeld (Graz, Salzburg, Innsbruck) an. Der vierte Abschnitt handelt von der „politischen Transformation“ nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, der „Auflösungserscheinungen der kirchlichen Strukturen“ (S.&nbsp;196) und unter erschwerten Bedingungen einen „erzwungenen Neuanfang“ (S.&nbsp;210) zur Folge hatte. Dann folgen die Entwicklungslinien der Pfarrgemeinde „im Sog des Nationalsozialismus“ (S.&nbsp;245), wobei der amtsführende Pfarrer Johann Baron, der zugleich Sprecher des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes war, die „Volksdeutsche Sendung“ im deutschen Südosten (S.&nbsp;256) personifizierte.</p>



<p>Der sechste Abschnitt hat die Zeit des „kommunistischen Jugoslawien“ (S.&nbsp;318) zum Inhalt – mit einer „Homogenisierung“ (S.&nbsp;320) des wiederhergestellten Landes und dem Zusammenbruch der „deutschen Volksgruppenkirche“ (S.&nbsp;333). Trauner erörtert die Religionsgesetzgebung (S.&nbsp;326), die antikirchliche Tendenzen aufweist und eine weitgehende Säkularisierung beförderte sowie massive Verfolgungen der muslimischen Glaubensgemeinschaft als „Feinde des gesellschaftlichen Fortschritts“ und der römisch-katholischen Kirche als „Handlangerin des Faschismus“ (S.&nbsp;330) ermöglichte. Eine „Kontinuität der Pfarrgemeinde“ (S.&nbsp;332), trotz massiver politischer Eingriffe, die von der Schließung der Christuskirche bis zur „Nationalisierung“ der kirchlichen Gebäude reichte, lag in dem „stetigen Zuzug aus dem Übermurgebiet“ (sl. Prekmurje) (S.&nbsp;333), der die ehemals „deutsche Kirchengemeinde“ umwandelte. Eine Erhebung ergab 1951 eine Mitgliederzahl von 206, die sich bis 1954 auf 401 in 174 Familien vergrößerte (S.&nbsp;338). Die Volkszählung 1953 wies für Slowenien eine Gesamtzahl von 21.500 Evangelischen mit großer Mehrheit im Übermurgebiet aus, darunter 237 mit deutscher Muttersprache. Die den Evangelischen weggenommene Kirche wurde für den orthodoxen Gottesdienst bestimmt, die Kirchen in den Filialgemeinden weitgehend zerstört. Ein Neubeginn, datiert auf das Jahr 1953 (S.&nbsp;345), verflachte bald, obwohl konzeptionell der Versuch einer „historischen Anbindung“ (S.&nbsp;348) an die Tradition von Primus Truber im 16.&nbsp;Jahrhundert unternommen wurde und 1962 die Pfarrgemeinde als Gastgeberin einer „Europäischen Konferenz der lutherischen Minderheitenkirchen“ am Bachergebirge (sl. Pohorje) fungierte und der wissenschaftliche Austausch der Truber-Forschung, repräsentiert durch Mirko Rupel und Oskar Sakrausky, aufgenommen wurde. Rupels verdienstvolle Truber-Biografie wurde von dem aus Pettau stammenden Grazer Historiker Balduin Saria ins Deutsche übersetzt und bearbeitet (S.&nbsp;358). Die Feststellung vom schleichenden Niedergang der Gemeinde Ende der 1960er- und 1970er-Jahre mündet in Überlegungen, sogar die Kirche abzutragen, beziehungsweise in die groteske Umwidmung derselben in eine „Tischlerwerkstätte“ (S.&nbsp;362).</p>



<p>„Republik Slowenien“ (S.&nbsp;363) lautet die Überschrift des siebten Abschnittes, der mit Juni 1991 einsetzt und den seitherigen „Demokratisierungs- und Selbstfindungsprozess“ schildert, in dem die evangelische Pfarrgemeinde „ihren konstruktiven Platz“ zu finden hatte. Slowenien suchte den Anschluss an Mitteleuropa, um den „babylonischen Verhältnissen auf dem Balkan zu entrinnen“ (S.&nbsp;365). Dazu diente auch die Erinnerung an Truber, dessen Lebenslauf einen beachtlichen mitteleuropäischen Aktionsrahmen aufweist und der deshalb gelegentlich als Vorzeige-Europäer apostrophiert wurde (Ministerpräsident Peterle) und auf einer slowenischen Euro-Münze Platz fand. Seine Wiederentdeckung 1951 bezog sich allerdings ausschließlich auf seine kulturgeschichtliche Bedeutung; seine Bedeutung als <em>homo religiosus</em> rückte erst nach der gesellschaftlichen Wende ins allgemeine Bewusstsein.</p>



<p>Auf drei Säulen basiere die politische Kultur Sloweniens (S.&nbsp;376): dem „katholischen Block“, der als „der festgefügteste und bestorganisierte Teilbereich der slowenischen Gesellschaft“ (ebd.) vorgestellt wird, dem sozialistischen und dem liberalen Lager. Die Evangelische Kirche A.&nbsp;B. hat heute einen Mitgliederanteil von 0,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung und umfasst rund 15.000 Mitglieder (S.&nbsp;382) in vierzehn Pfarrgemeinden, deren Schwerpunkt im Übermurgebiet (zehn Gemeinden) mit dem Zentrum in Olsnitz (sl. Murska Sobota, ung. Muraszombat) liegt; dazu kommen noch drei Gemeinden mit sehr geringen Mitgliederzahlen in Laibach (sl. Ljubljana), Marburg und Abstall (sl. Apače) (S.&nbsp;385).</p>



<p>Vor diesem eindrucksvollen Panorama möchte ich an einzelnen Punkten mit dem Verfasser ins Gespräch kommen und einige Anmerkungen machen. Dass Trauner erst mit der Gründung der Pfarrgemeinde 1862 – im Zeichen des Liberalismus – einsetzt und auf das Reformationszeitalter nicht Bezug nimmt, hängt mit der Diskontinuität zusammen, denn mit der Gegenreformation der Habsburger ging das reformatorische Erbe unter, gerade auch das theologische Schrifttum eines Primus Truber, Georg Dalmatin, Adam Bohorič, das ebenso wie Trubers slowenische Kirchenordnung in den Flammen der Gegenreformation verbrannte; einzig die Dalmatinbibel (Wittenberg 1584) konnte überdauern und wurde vom katholischen Klerus benutzt. Truber wird in dem rezenten Buch aber wiederholt erwähnt, einmal im Zusammenhang mit seinem 400-Jahr-Jubiläum im Jahr 1908, bei dem der slowenische Schriftsteller Ivan Cankar seine antiklerikalen Vorbehalte artikulierte und dem liberalen Aufbruch das Wort gab (S.&nbsp;54), aber auch nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie, als die Luthergasse in Trubarjeva ulica umbenannt wurde (S.&nbsp;350) und nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Truber-Jubiläum zu einer verstärkten Beschäftigung mit dem Reformator führte – schließlich in den 1960er-Jahren, als mit Truber der Versuch einer Integration unternommen wurde.</p>



<p>Eine zweite Anmerkung sei zur Schulpolitik im 19.&nbsp;Jahrhundert erlaubt, die den nationalen Konflikt in voller Schärfe zeigte, insbesondere am „Fall Cilli“, der zu einer „Haupt- und Staatsaktion“, ja zur Frage deutscher Selbstbehauptung hochstilisiert wurde (S.&nbsp;57) und eine spektakuläre Regierungskrise auslöste. Die Schulfrage wurde zu einem der am heftigsten umkämpften Themen im Nationalitätenkonflikt (S.&nbsp;58), ja steigerte sich seit den 1890er-Jahren zu einem richtiggehenden „Volkstumskampf“ (S.&nbsp;58). Der „Fall Cilli“ gärte auch nach der Sprachenverordnung des Grafen Kasimir Badeni 1897, die zum Auslöser der Los-von-Rom-Bewegung wurde. Deren Umfang wurde in der Literatur unterschiedlich beziffert (Trauner nennt die Zahl 76.000) – je nachdem, wie lang sie gefasst wurde; manche Autoren zählen die 1920er-Jahre (Übertritte aus Gründen des konfessionellen Eherechts) und die 1930er-Jahre (katholischer Ständestaat) dazu und kommen zu anderen Ergebnissen. Marburg wurde zu einer typischen und führenden „Los-von-Rom-Gemeinde“ (S.&nbsp;106).</p>



<p>Auch unter den Slowenen registriert Trauner eine Los-von-Rom-Bewegung, etwa angeregt durch den schon erwähnten Literaten Ivan Cankar oder den Bürgermeister von Laibach, Ivan Tavčar, der in seiner Zeitung <em>Slovenski Narod</em> permanent die katholische Kirche angriff, insbesondere Fürstbischof Anton B. Jeglič, und zum Boykott der katholischen Messe aufrief und das Schlagwort „Los von Rom!“ aufgriff: Es sei von nun an das Losungswort der wahrhaft „slovenischen Partei“ (S.&nbsp;116). Insgesamt fasste die Los von-Rom-Bewegung unter den Slowenen aber kaum Fuß. Dort herrschte das Vorurteil: Protestantismus sei zwar eine „ganz hübsche Religion“, „aber das ist nicht für uns, das ist nur für die Deutschen“ (S.&nbsp;116).</p>



<p>Der wichtigste Adept des Führers der Alldeutschen, Georg Ritter von Schönerer, war der aus dem Westfälischen stammende junge Pastor Ludwig Mahnert. Er war, vom Evangelischen Bund zur Förderung deutsch-protestantischer Interessen angeworben, nach Österreich gekommen, um dort Missionsarbeit für die deutsch-evangelische Sache zu betreiben – für die deutsche Leitkultur, die er als „Katalysator des Fortschritts“ begriff. „Deutschevangelisch“ war er „ohne Bindestrich“, wie er sich zu bezeichnen pflegte. Seine Begegnung mit Schönerer empfand er als „Ritterschlag zur Arbeit und zum Kampfe“. Das Pathos seiner Sprache gerann ihm zur Literatur. Sein Roman <em>Die Hungerglocke</em> handelt von der Los-von-Rom-Bewegung in der Untersteiermark und erlebte zahlreiche Auflagen. Der Schriftsteller Rudolf Hans Bartschhat in seinem Landschaftsroman <em>Das deutsche Leid</em> (Leipzig 1912) dem lebens- und kampfesfrohen Wirken Mahnerts ein literarisches Denkmal gesetzt.</p>



<p>Mahnert musste 1919 aus Marburg weichen. In einer scharfen Predigt beim Begräbnis eines Leutnants der Schutzwehr, der nach der Entwaffnung erschossen wurde, bezeichnete er dies als „feigen Mord“ und gelobte, dass niemals die Slowenen das deutsche Element in der alten „deutschen Markburg“ unterkriegen sollten (S.&nbsp;204f.). Es gebe einen Meister, der über allen „irdischen Meister[n]/Maister[n]“ stünde. Er wurde daraufhin verhaftet, nach zweiwöchiger Haft nach Intervention beim slowenischen Justizministerium auf freien Fuß gesetzt und konnte nach Österreich entweichen. Wenige Tage später, am 27. Januar 1919, folgte der so genannte Marburger Bluttag, als die Bevölkerung für den Verbleib Marburgs bei Österreich demonstrierte und von den Truppen des Generals Rudolf Maister beschossen wurde.</p>



<p>Die Auflösung der Habsburgermonarchie führte zur Abspaltung der Pfarrgemeinden von der Evangelischen Kirche A.&nbsp;u.&nbsp;H.&nbsp;B. in Österreich und zur Sammlung eines evangelischen Seniorates in Slowenien, an dessen Spitze ab 1925 Johann Baron in Marburg stand. Der Protestantismus im neuen SHS-Staat, der einmal als der „österreichischste“ aller Nachfolgestaaten der Donaumonarchie bezeichnet wurde, hatte sich völlig neu zu ordnen. Nach langwierigen Vorarbeiten konnte 1930 ein Protestantengesetz promulgiert und auf dessen Grundlage eine Deutsche Evangelische Kirche konstituiert werden. Sie wurde von dem Donauschwaben Philipp Popp geleitet und hatte ihren Schwerpunkt in den donauschwäbischen Gemeinden in der Batschka. Dort bestand neben der deutschen Kirche auch eine kleine slowakisch-lutherische (mit 50.000 Mitgliedern) und eine magyarisch-reformierte Kirche (mit 65.000 Mitgliedern), so dass der Protestantismus im SHS-Staat mit 240.000 Mitgliedern in drei Kirchen gegliedert war; zur Deutschen Kirche gehörte aber auch ein slowenisches Seniorat im Prekmurje und ein lutherisches Seniorat unter den Magyaren in der Batschka.</p>



<p>Neben dem Bischof, der in Zagreb seinen Sitz hatte und gute Beziehungen zum Königshaus und zum Staat pflegte (auch den Titel eines staatlichen Senators trug), wirkte aber nach außen hin der Altösterreicher Gerhard May, der in der Ökumene und im westlichen Ausland bewanderte Pfarrer von Cilli. Er hatte im Jahre 1934 ein Buch mit dem scheinbar vielsagenden Titel <em>Die volksdeutsche Sendung der Kirche </em>veröffentlicht, das die schwierige Diasporasituation im Jugoslawien der Zwischenkriegszeit widerspiegelt, aber durch seinen aus Gründen der politischen Konjunktur gewählten Titel zu Schlussfolgerungen verleitet, die über die „doppelte Diaspora“ in Jugoslawien hinausweisen. May verfolgte nämlich auch das Ziel, das „binnendeutsch“ ausgerichtete Problembewusstsein der deutschen theologischen Wissenschaft zu korrigieren und die schwierige Diasporalage des „außendeutschen“ Protestantismus gegenüber fremden Konfessionen, einem fremden Volk und einem fremden Staat in Erinnerung zu rufen.</p>



<p>Der 6. April 1941 veränderte die Situation der evangelischen Kirchengemeinden in Marburg, Cilli und Laibach. Die Untersteiermark wurde wieder mit der Steiermark, die Oberkrain mit Kärnten vereinigt. Pfarrer Baron empfing alsSprecher der deutschen Minderheit Hitler in Marburg: Dort wurde der Auftrag formuliert, dieses Land wieder deutsch zu machen. Auch Baron und May waren als Funktionäre des Schwäbisch-deutschen Kulturbundes daran beteiligt. May lehnte zwar eine hauptamtliche politische Tätigkeit ab, er übernahm gleichwohl das Kulturreferat und veröffentlichte 1943 eine Einführung in die Stadtgeschichte, welche die 1941 erfolgte Revision des Grenzverlaufs legitimierte. Noch vor dem Ende des Krieges wurde Gerhard May 1944 nach Wien berufen, aber nicht in eine akademische Funktion, sondern als Bischof der Evangelischen Kirche. Seine volksdeutsche Prägung und seine politischen Ambitionen ließ er zurück und wandelte sich „vom volksdeutschen Vordenker in Slowenien zum bischöflichen Wegweiser der Evangelischen Kirche in Österreich“, als der er seiner Kirche „politische Abstinenz“ (S.&nbsp;358) verordnete.</p>



<p>Das Buch, dessen roter Faden im Titel aufscheint und das das Spannungsgefüge „Konfessionalität und Nationalität“ im Fokus einer evangelischen Pfarrgemeinde darstellt, ist aus mehreren Gründen faszinierend: Es ist die Schilderung der Entwicklungslinien quer durch die Zeiten, verbunden mit milieugeschichtlichen Exkursen, angereichert mit einem wachen Interesse an demografischen Grundlagen – zu ersehen an der sozialwissenschaftlichen Akribie, mit der Trauner die kirchlichen Jahresberichte, Matrikeln und Volkszählungsergebnisse auswertet und im Anhang dokumentiert. Besonders reizvoll sind Vergleiche mit ähnlichen plurikulturellen Konstellationen in Görz (it. Gorizia), Teschen (tsch. Tĕšín, pl. Cieszyn) oder Triest (it. Trieste, sl. Trst) (S.&nbsp;55). Gelegentlich wird ein Vergleich mit Siebenbürgen oder mit dem Sudeten- und Beskidendeutschtum beziehungsweise mit der Bukowina hergestellt, seltener mit den evangelischen Gemeinden in der Batschka oder im Banat, wo bekanntlich eine reichere Multikonfessionalität vorherrschte und plurikulturelle und -ethnische Bedingungen gegeben waren.</p>



<p>Das Buch liefert wertvolle historiografische Impulse und bereichert die einschlägige Forschung durch methodische Weitungen und sozialwissenschaftliche Ergänzungen, berücksichtigt demografische Perspektiven, die bislang zu kurz gekommen sind; es ist, um es auf den Punkt zu bringen, ein Gewinn für die Kirchen- und Kulturgeschichte des apostrophierten mitteleuropäischen Raumes.</p>
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