Rezension | Milan Řepa: Peasants into Citizens

Milan Řepa (Hg.): Peasants into Citizens. The Politicization of Rural Areas in East Central Europe (1861–1914). Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2020 (Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Ostmitteleuropas 31). 166 S.

Tobias Weger


„Il faut espérer que le jeu se finira bientôt.“ – „Man muss hoffen, dass das Spiel bald zu Ende geht.“ Mit diesem Satz ist eine der berühmtesten Karikaturen aus dem ersten Jahr der Französischen Revolution untertitelt: Ein schwer gebeugter Landbewohner trägt auf seinem Rücken Vertreter des geistlichen und des adeligen Standes, die das gesellschaftlich-politische Leben des Ancien Régime bestimmten. Das Sinnbild verweist sowohl auf die fehlende Partizipation des Dritten Standes als auch auf die drückende soziale Last, die die Landbevölkerung im Frankreich des 18. Jahrhunderts zu erdulden hatte. Vor allem Vertreter der Annales-Schule haben die Geschichte der französischen Landbevölkerung analysiert und sind dabei der Frage nachgegangen, wie aus Bauern im Verlauf des 19. Jahrhunderts schließlich wahlberechtigte und politisch aktive Staatsbürger wurden.

Auf diese frankophone Forschungstradition einer kulturwissenschaftlich gegründeten Politikgeschichte verweist in seiner Einleitung auch der Historiker Milan Řepa (Brünn/Brno), der Herausgeber des hier zu besprechenden Sammelbandes. Das Buch verlagert den Fokus vom westlichen Europa nach Osten und Südosten. Der Betrachtungszeitraum liegt zwischen den 1860er-Jahren und dem Jahr 1914. Den Anfang markierten in allen behandelten Regionen konstitutionelle Reformprozesse, das Endjahr den Beginn des Ersten Weltkriegs und damit das Ende der überwiegend imperialen Ordnung in Zentral- und Südosteuropa. Politisch gehörten die meisten der ausgewählten Untersuchungsregionen zur seit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 dualistisch verfassten Habsburgermonarchie. Ausnahmen bildeten die preußische Provinz Posen (pl. Poznań) und das 1859/61 gegründete Fürstentum beziehungsweise (ab 1881) Königreich Rumänien. Die sieben Texte sind durchgehend in englischer Sprache gehalten, ganz offensichtlich mit dem Anspruch, das versammelte Wissen in kompakter Form einem internationalen Interessentenkreis verfügbar zu machen, beruhen doch die meisten Beiträge auf muttersprachlich verfassten größeren Vorarbeiten der einzelnen Autorinnen und Autoren.

Welche Erkenntnisse bringen die Fallstudien in diesem Band? – Der Osteuropahistoriker Kai Struve (Halle-Wittenberg) behandelt die politische Rolle und Entwicklung der Landbevölkerung am Beispiel des cisleithanischen Kronlands Galizien (pl. Galicja). Da sich im traditionellen, vormodernen Verständnis die Zugehörigkeit zur polnischen Nation auf die Angehörigen der Szlachta – den niederen Adelsstand, etwa zehn Prozent der Bevölkerung umfassend – und der Magnateria – den Hochadel – beschränkte, bot die polnische Nationalbewegung nur ein partielles Identifikationsangebot. Im multikulturellen Galizien überlappten sich soziale, nationale, religiöse und ethnische Konfliktstellungen, wobei nach der Wirtschaftskrise der 1870er-Jahre die Juden zunehmend zur Zielscheibe der übrigen Ethnien wurden. Der Erfolg der Nationalisierung beruhte zum Teil darauf, dass mit der Politisierung konkrete Modernisierungsangebote im Bereich der Landwirtschaft einhergingen.

Mit einem anderen Teilungsgebiet Polens, dem Posener Land, setzt sich Torsten Lorenz (Hamburg) auseinander. Er widmet sich dem Genossenschaftswesen, das einerseits zur gesellschaftlichen Modernisierung beitrug, indem es die Ausbildung einer ruralen Zivilgesellschaft förderte, andererseits aber deren Spaltung entlang nationaler Trennlinien förderte. Die Genossenschaften konnten sich auch hin zu einem dominierenden Instrument entwickeln.

In ein vergleichbares Phänomen im Kontext der Böhmischen Länder führt die japanische Historikerin Yuko Kiryu (Kobe) ein. Sie fokussiert auf die Gründung und den Ausbau von Agrargesellschaften in den 1850er- und 1860er-Jahren. Entgegen bisheriger Forschungen, die von einer überwiegend konservativen Ausrichtung der böhmischen Bauern zu jener Zeit ausgingen, gelingt ihr der Nachweis, dass der national gefärbte Liberalismus als progressive Idee durchaus für jene Bevölkerungsgruppe Attraktivität besaß.

Eine spezielle Landschaft innerhalb der Böhmischen Länder behandelt der Beitrag von Pavel Kladiwa (Mährisch-Ostrau/Ostrava). Die sogenannte Mährische Walachei (tsch. Valašsko) war ein bis ins 19. Jahrhundert abgeschiedener und wenig entwickelter Landstrich. Kladiwa zeigt auf, wie in dieser Region um 1900 bildungspolitische und national mobilisierende Impulse einer von außen zugezogenen, überwiegend dem urbanen Milieu entstammenden, sich aber in ihrer neuen Umgebung inkulturierenden Elite dazu beitrug, Modernisierungsprozesse und das nationale Denken der ländlichen Bevölkerung voranzutreiben.

Seine Kollegin Andrea Pokludová (Mährisch-Ostrau/Ostrava) untersucht in ihrer Mikrostudie zum nordöstlichen Mähren die Rolle von Geistlichen und Lehrern. Im Gegensatz zu landläufigen Vorstellungen von einer retardierenden Wirkung von Kirchenvertretern kann sie nachweisen, dass die Priester ebenso wie die Pädagogen zu Trägern der Modernisierung der Landtechniken und der Geldwirtschaft wurden.

John C. Swanson (Chattanooga, Tennessee) befasst sich in seinem Beitrag mit der deutschsprachigen Bevölkerung Transleithaniens und ihrer Suche nach kollektiver Identität. Anders als zahlreiche ehemalige ethnisch ungarische Leibeigene, die aufgrund des Zensuswahlrechts kein aktives und passives Wahlrecht erwerben konnten, stand den Ungarndeutschen der Weg zur politischen Mitwirkung offen. Swanson fragt nach den unterschiedlichen Deutungsangeboten von „Deutschsein“, wobei den Angehörigen der sprachlichen Gruppe defensive Vorstellungen vor allem aus dem Deutschen Reich vermittelt wurden.

Sorin Radu (Hermannstadt/Sibiu) präsentiert in seinem Aufsatz die Situation im Fürstentum Rumänien, in dem mit der Verfassung von 1866 ein repräsentatives Regierungssystem eingeführt wurde, das jedoch durch die Anwendung eines restriktiven Zensuswahlrechts die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung von der politischen Partizipation ausschloss. Radu zeichnet die zeitgenössischen Diskussionen der politischen Parteien mit, die um eine angestrebte Wahlrechtsreform kreisten.

Alle diese Beiträge sind für sich genommen wertvolle Regionalstudien, die auf umfänglichen Quellenanalysen und der Auswertung der bisherigen Forschungsliteratur beruhen. Leider lässt der Band eine zusammenfassende Darstellung der daraus gewonnenen Erkenntnisse vermissen. Die Einleitung von Milan Řepa liefert eine wertvolle Übersicht zum internationalen Forschungsstand und fasst die nachfolgenden Detailstudien inhaltlich nach ihrer jeweiligen Kernaussage zusammen. Es fehlt jedoch eine klar formulierte übergreifende Fragestellung, die man in einem Abschlussbeitrag noch einmal hätte aufgreifen und für die jeweiligen Regionen vergleichend anwenden können. Auf den Punkt gebracht: Man vermisst beim Lesen eine theoretische Klammer, die diese Einzelstudien zusammenhält.

Eine Frage, die in diesem Kontext etwa hätte erörtert werden können, betrifft den räumlichen Zugriff. Lässt sich aufgrund dieser Befunde tatsächlich von spezifisch „ostmitteleuropäischen“ oder „südosteuropäischen“ Tendenzen sprechen? Periphere Agrarlandschaften mit einer national lange indifferenten Bevölkerung existierten auch in anderen Teilen des Kontinents, denkt man etwa an den wirtschaftlich und sozial abgehängten italienischen Mezzogiorno oder selbst Teile des Vereinigten Königreichs. Auch in Kalabrien und der Basilicata oder in den schottischen Highlands herrschten noch bis lange ins 19. und 20. Jahrhundert hinein feudale Verhältnisse, die nur den Landlords, nicht aber der agrarisch produzierenden Bevölkerung politische Mitspracherechte gewährten. Künftige Forschungsprojekte zur Emanzipation, Mobilisierung und Demokratisierung der bäuerlichen Bevölkerung vor dem Ersten Weltkrieg sollten nicht an der künstlichen Teilung in West- und Osteuropa festhalten, sondern zumindest die heute zu „Westeuropa“ gezählten Kronländer Österreich-Ungarns, etwa Tirol, das Trentino oder Vorarlberg, vergleichend mit berücksichtigen. Die im ausgehenden 19. Jahrhundert neu entstandenen Nationalstaaten wie das Deutsche Reich oder das Königreich Italien bieten sich für komparatistische Studien zu den alt-neuen Nationalstaaten Südosteuropas – etwa Rumänien, Bulgarien, Serbien und Albanien – geradezu an.

Im Sinne einer „neuen Politikgeschichte“ hätte man in einigen Fällen eventuell auch stärker interdisziplinäre Zugänge erwarten können. Gerade aus den Bereichen der Sprach- und Literaturwissenschaft, der Kunstgeschichte sowie der Volkskunde liegen zu vielen der hier behandelten Fragestellungen ebenfalls bereits wertvolle Forschungsergebnisse vor. Im Bereich der kunsthistorischen Befassung mit dem östlichen Europa im 19. Jahrhundert spielte etwa die Schaffung vermeintlicher „Nationalstile“ in der Malerei, der Bildhauerei und der Architektur, die sich in ihrer Formensprache ländlicher Elemente bedienten, eine nicht zu unterschätzende Rolle – ursprünglich von urbanenen Bildungseliten konstruiert, später im Zuge einer Folklorisierung in die breite Bevölkerung zurückgespiegelt und weithin rezipiert.

Diese Einwände sollen jedoch den Wert der hier vorgestellten Beiträge nicht schmälern, sondern sind vielmehr dazu gedacht, künftige Forschungsperspektiven zu weiten. Die Texte in diesem Sammelband gewähren in ihrer Summe gut lesbare und fundierte Einblicke in die von vielen Historikerinnen und Historikern vernachlässigte Welt des ländlichen Raumes und dessen politischer Kultur vor dem Ersten Weltkrieg.

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