Editorial

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Die Halbjahresschrift (hjs) ist zurück. Rund drei Jahre hat es gedauert, um die Idee, die renommierte Zeitschrift in das Publikationsprogramm des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS) aufzunehmen, zu realisieren. Der Vorschlag dazu stammt vom Gründer und langjährigen Herausgeber der hjs, Dr. Johann Böhm, der die Herausgeberschaft und die Koordination der Redaktion aus Altersgründen abgegeben und die hjs in unsere Hände übergeben hat. Seinem Weitblick und seinem Vertrauen in die Arbeit des IKGS ist es zu verdanken, dass die Aufarbeitung der autoritären Regime in Zentral- und Südosteuropa und insbesondere der Verflechtungen mit den deutschen Bevölkerungsgruppen aus der Region fortgesetzt und intensiviert werden kann.

Die zeithistorische Forschung zu den deutschen Minderheitengruppen wurde vor allem in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung der hjs von Widerständen beeinflusst, wie auch im Vorwort des Gründers in dieser Ausgabe nachzulesen ist. Die Erlebnisgeneration des „Dritten Reiches“ war noch sehr präsent in der „Szene“ und verfolgte ihre eigene Interessen. Gleichzeitig überlagerten und überformten die Teilung Europas und damit verbundene Verwerfungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Blick auf die faschistische bzw. nationalsozialistische Periode. Die Lebenswelten mehrerer Generationen wurden von den kollektiven und individuellen Erfahrungen mit den autoritären Regime vor und nach 1945 und ihren Folgen geprägt. Die persönliche Betroffenheit einerseits und der eingeschränkte Zugang zu Archivquellen andererseits beeinflussten eine systematische, evidenzbasierte Aufarbeitung der politischen Systeme, des Handels ihrer Akteure, ihrer Vorbedingungen und ihrer Folgen im „kurzen 20. Jahrhundert“. Diese im vorwissenschaftliche Bereich zu verortende Disposition führte mitunter zu Konflikten, die auch tief in die Arbeit der hjs einwirkten, was sich zuweilen im Duktus einzelner Beiträge widerspiegelt. Wir möchten dazu einladen, diese Auseinandersetzungen für die Forschung fruchtbar zu machen und sie gänzlich in das Feld der Wissenschaftlichkeit zu verlagern. In diesem Sinne freuen wir uns über Debattenbeiträge.

Was bleibt, was ist neu? Die Redaktion der hjs setzt sich aus alten und neuen Mitgliedern zusammen. Die Leserschaft kann also mit einem Publikationsspektrum rechnen, das darauf baut, langjährige Fäden weiterzuspinnen und gleichzeitig neue Themen zu setzen. Der Titel der Zeitschrift wurde etwas geändert: der „Markenkern“ Halbjahresschrift bleibt erhalten, der Zusatz für Geschichte und Zeitgeschehen in Zentral- und Südosteuropa (bislang: für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik) trägt der Tatsache Rechnung, dass Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Gruppen Südosteuropas mit den teils freiwilligen, großteils erzwungenen Migrationsbewegungen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gleichsam „mitmigriert“ sind. Außerdem lassen sich viele Themen nur in der Zusammenschau mit anderen Regionen Zentraleuropas sinnvoll behandeln: Der vergleichende und auf Verflechtungen gerichtete Blick in die Tschechoslowakei, nach Polen, ins Baltikum etc. wird unseren Forschungshorizont erweitern und aufschlussreiche wie „anschlussfähige“ Ergebnisse generieren.

Die Forschung hat sich im selben Maße globalisiert – „unsere“ Themen werden auf der ganzen Welt bearbeitet und rezipiert. Darum wird die hjs auch Beiträge auf Englisch publizieren. Diese sollen möglichst hürdenfrei zugänglich sein und auf diese Weise leichter Eingang in einen allgemeinen Diskurs finden. Die hjs erscheint darum von nun an hybrid, gleichzeitig als Druck- und Online-Publikation. Es ist dem engagierten Team des IKGS zu verdanken, dass wir sowohl analog als auch digital auf www.halbjahresschrift.de in einem neuen Layout erscheinen können, das zeitgemäßen Ansprüchen gerecht wird, relativ geringe finanzielle Ressourcen in Anspruch nimmt und gleichzeitig Bezüge zur bisherigen optischen Erscheinung der hjs herstellt. Um diese Kontinuität, auf die wir Wert legen, deutlich zu machen und keine Lücken in der Zählung zu generieren, erscheinen diese und die nächste Ausgabe als Doppeljahrgänge (2017/2018 bzw. 2019/2020).

Wir hoffen, dass Sie unsere Bemühungen um die Aufarbeitung der Zeitgeschichte Zentral- und Südosteuropas weiterhin unterstützen und freuen uns auf Ihre Rückmeldungen.

Dr. Florian Kührer-Wielach
Herausgeber

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