War der „reale Sozialismus“ modern? – Kritische Nachfragen

Anton Sterbling

In den Jahren 1989/1990, als sich im östlichen Europa der Niedergang der kommunistischen Herrschaft und in den meisten Fällen auch bereits ein demokratischer Aufbruch abzeichnete, brachte dies die deutsche Soziologie in die bedenkliche Situation, zu diesem Zeitpunkt auf dem Gebiet der soziologischen Osteuropaforschung so etwas wie einen „blinden Fleck“, eine jahrelange weitgehende Vernachlässigung dieser Region und ihrer Probleme in der Forschung und Lehre, einräumen zu müssen.1Anton Sterbling: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften. Hamburg 1993, insb. S. 23f. In der deutschen Soziologie fanden sich damals nur wenige, die sich – teils aus biografischen, teils aus anderen Gründen2Auf dem Deutschen Soziologentag 1990 in Frankfurt a. M. wurde von Prof. Dr. Bálint Balla und von mir eine Arbeitsgruppe, aus der die spätere Sektion „Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hervorging, initiiert. Von Anfang an zu den Mitgliedern des Sprecherrates dieser Arbeitsgruppe und Sektion gehörte der aus Prag stammende Prof. Dr. Ilja Srubar, der später auch zeitweilig Sektionssprecher war. Aus dieser Sektion ist übrigens die heutige Sektion „Europasoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hervorgegangen. – kontinuierlich und intensiver mit dem östlichen Europa oder mit einzelnen ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Gesellschaften beschäftigten. Zu den auffälligsten und danach auch vielfach zitierten Publikationen, die im Rahmen der deutschsprachigen Soziologie in der ersten Welle nach dem Umbruch im östlichen Europa erschienen, zählte Ilja Srubars Aufsatz Wie modern war der Sozialismus?,3Ilja Srubar: War der Sozialismus modern? Versuch einer strukturellen Bestimmung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 43 (1991), S. 415–432. der ohne Zweifel den „Nerv“ der damals aktuellen Zeitfragen um eine soziologisch passende Einschätzung des gerade untergegangenen „realen Sozialismus“ und seiner Nachwirkungen traf. Es handelte sich um einen gleichermaßen sachkundigen, analytisch eindringlichen wie theoretisch gründlich reflektierten Beitrag, den es sich daher auch nach dreißig Jahren nochmals kritisch und mit Aussicht auf entsprechenden Erkenntnisgewinn zu lesen lohnt.

In meinem Beitrag soll es demnach zunächst um eine auf das Wesentliche konzentrierte Rekonstruktion der drei Überlegungsschritte des Aufsatzes, bei eher zurückhaltenden interpretativen oder kritischen Stellungnahmen, mit einigen ergänzenden Kommentaren wie auch Ausblicken auf später vertiefte Diskussionen gehen. Dabei sind die „Typik westlicher Modernisierung“, die zentralen strukturellen Merkmale und spezifischen „Integrationsmechanismen“ realsozialistischer Gesellschaften und schließlich die Fragen nach deren modernen und nichtmodernen Seiten und den Auswirkungen dieser strukturellen Gegebenheiten auf die Folgezeit zu behandeln. An den dritten Gedankenschritt anschließend, soll sodann aufgezeigt werden, inwiefern meine eigenen, etwa zur gleichen Zeit entwickelten und vorgestellten Gedanken zur Strukturanalyse ost- und südosteuropäischer Gesellschaften4Anton Sterbling: Eliten, Strukturwandel und Machtfragen in Südosteuropa. In: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung 38 (1989) H. 7/8, S. 395–413; Anton Sterbling: Modernisierung und soziologisches Denken. Analysen und Betrachtungen. Hamburg 1991; Anton Sterbling: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften. Hamburg 1991. dazu anschlussfähig und damit kompatibel erscheinen. Schließlich soll eine weitere Möglichkeit kurz umrissen werden, Ilja Srubars Überlegungen in den in seinem Aufsatz bereits angedeuteten, aber hier nicht näher ausgearbeiteten theoretischen Bezugsrahmen von „System“ und „Lebenswelt“ einzuordnen,5Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt a. M. 1981; Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt a. M. 1985; Ilja Srubar: Phänomenologie und soziologische Theorie. Aufsätze zur pragmatischen Lebenswelttheorie. Wiesbaden 2007. wie dies nicht nur in der theoretischen Diskussion, sondern auch in späteren Untersuchungen zu ost- und südosteuropäischen Gesellschaften erfolgte.6Klaus Roth (Hg.): Sozialismus: Realität und Illusionen. Ethnologische Aspekte der sozialistischen Alltagskultur. Wien 2005; Klaus Roth (Hg.): Arbeitswelt – Lebenswelt. Facetten einer spannungsreichen Beziehung im östlichen Europa. Berlin 2006; Anton Sterbling: „System“ und „Lebenswelten“ im Sozialismus. Das Beispiel des multiethnischen Banats. In: Anton Sterbling: Entwicklungsverläufe, Lebenswelten und Migrationsprozesse. Studien zu ländlichen Fragen Südosteuropas. Aachen 2010, S. 109–133.

Grundgedanken und Überlegungsschritte

In den einführenden Überlegungen verweist Srubar zunächst zu Recht auf den bereits 1922 von William F. Ogburn mit vielfältiger Resonanz in die soziologische Diskussion eingebrachten Gedanken der kulturellen Phasenverschiebungen zwischen der materiellen und nichtmateriellen Kultur, auf die Theorie des „cultural lag“,7William F. Ogburn: Social Change with Respect to Culture and Original Nature. New York 1966 (zuerst 1922). wobei Srubar vor allem auf die mit der kommunistischen Machtübernahme im östlichen Europa eingetretenen ungleichzeitigen Entwicklungen der „Wirtschafts- und Herrschaftsverhältnisse“ einerseits und die auf die alltägliche „Lebensführung“ bezogenen „normativen Erwartungsstrukturen“ und „Handlungsmuster“ anderseits abhebt.8Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 415. Sein Blick richtet sich insbesondere auf den Übergang von der sozialistischen zur postsozialistischen Gesellschaft, wobei man die Theorie des „cultural lag“, des Überdauerns oder der langsameren Entwicklung bestimmter Aspekte der immateriellen Kultur, natürlich ebenso ergiebig und analytisch aufschlussreich auf den Übergang von der vorsozialistischen zur sozialistischen Gesellschafts- und Herrschaftsordnung anwenden kann. In diesem Falle müsste allerdings der Unterschied zwischen dem Entwicklungsniveau verschiedener sozialistischer Gesellschaften, auf den Srubar im dritten Teil seiner Ausführungen explizit aufmerksam macht,9Ebenda, insb. S. 427. natürlich eingehend berücksichtigt werden, handelte es sich bei der DDR und der Tschechoslowakei und teilweise auch bei Polen und Ungarn doch um bereits mehr oder weniger industrialisierte Gesellschaften, während die anderen Staaten des östlichen und südöstlichen Europa am Anfang ihrer sozialistischen Transformation noch weitgehend agrarwirtschaftlich-ländlich verfasst und strukturiert waren.10Siehe auch: Anton Sterbling: Zur Sozialstruktur südosteuropäischer Gesellschaften und den Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien. In: Berliner Journal für Soziologie 6 (1996) H. 4, S. 489–499. So ist es nicht erstaunlich, dass sich auch längerfristige folgenreiche Kontinuitäten der „Orientierung sozialen Handelns“, die vielfach von der vorsozialistischen bis in die postsozialistische Zeit reichen, ausmachen lassen.11Vgl. Christian Giordano, Nicolas Hayoz (Hgg.): Informality in Eastern Europe. Structures, Political Cultures and Social Practices. Bern u. a. 2013.

Grundzüge westlicher Modernisierung

In seiner Kennzeichnung der „Typik westlicher Modernisierung“ folgt Srubar ausdrücklich einer modernisierungstheoretischen Vorstellung in der Denktradition Max Webers.12Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 416f.; Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen 51976; Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, I. Tübingen 91988; M. Rainer Lepsius: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990. Dabei stellt er die Rationalisierung der Wirtschaft und der politischen Herrschaft wie auch die „Autonomie des Subjekts“ in den Vordergrund.

Die wirtschaftliche Rationalisierung geht in der westlichen Modernisierung auf die industrielle Produktionsweise und die Integrationsmechanismen der Märkte und des Geldes als Grundlage abstrakter „generalisierter Tauschfunktionen“ mittels universaler Austauschmedien13Georg Simmel: Philosophie des Geldes. Berlin 71977; Talcott Parsons: Zur Theorie der sozialen Interaktionsmedien. Opladen 1980. sowie auf die damit verbundene „Produktivität des Kapitals“ und auf entsprechende individuelle Motivationsstrukturen und Leistungsbereitschaften zurück. Damit hängen zugleich eine vertiefte Arbeitsteilung und eine weitreichende und folgenreiche „Disziplinierung und Koordinierung“ des sozialen Handelns zusam­men.

Die Rationalisierung der Herrschaft beruht auf spezifischen Institutionalisierungsformen des öffentlichen Diskurses und der Machtkontrolle, insbesondere in der Gestalt des Parlamentarismus, der Gewaltenteilung und der „bürgerlichen Öffentlichkeit“,14In diesem Zusammenhang ist das Prinzip der Kritik, der Gegenmeinungen und der Vertretungsmöglichkeit alternativer Lösungsvorstellungen von zentraler Bedeutung. Allerdings geht es nicht nur um eine ideelle Entfaltungsmöglichkeit dieses Prinzips, sondern auch um wirksame Vorkehrungen ihrer institutionellen Absicherung in der gesellschaftlichen Praxis. Siehe: Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 71992 (2 Bde); Amitai Etzioni: Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse. Wiesbaden 22009; Anton Sterbling: Zum Prinzip der Kritik im modernen europäischen Denken. In: Anton Sterbling: Wege der Modernisierung und Konturen der Moderne im westlichen und östlichen Europa. Wiesbaden 2015, S. 9–37. sowie auf damit eng zusammenhängenden Vorgängen der „diskursiven Konfliktregelung“. Ebenso greift sie auf Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und insbesondere der Formalisierung der Rechtsbeziehungen unter „Absehung der Person“ und ihrer „sozialen Stellung“ zurück.15Vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Dies schafft allgemeine Rechtssicherheit und Berechenbarkeit des sozialen Handelns, wobei die gleichzeitig gegebenen, spezifischen institutionellen Differenzierungen und insbesondere die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher „Funktionssysteme“ die Zugriffsmöglichkeiten auf das individuelle Handeln beschränken und damit weitgehende Möglichkeiten der Emanzipation und der persönlichen Freiheit, nicht zuletzt in einer vom wirtschaftlichen, politischen und öffentlichen Bereich abgesonderten Privatsphäre, eröffnen und absichern.16Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. 1984.

Die im Prozess der westlichen Modernisierung fortschreitende Individualisierung und die Erweiterung der Autonomie des Subjekts17Ulrich Beck: Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierung und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten. In: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt, Sonderband 2, 1983, S. 35–74; Heinrich Popitz: Autoritätsbedürfnisse. Der Wandel der sozialen Subjektivität. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 39 (1987), S. 633–647; Nicola Ebers: „Individualisierung“. Georg Simmel – Norbert Elias – Ulrich Beck. Würzburg 1995. sind nicht nur an die „fundamentaldemokratischen“ Bedingungen der formalen Gleichheit und persönlichen Freiheit gebunden,18Karl Mannheim: Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus. Bad Homburg u. a. 1967. sondern begründen zugleich leistungsorientierte Motivationsstrukturen wie auch auf den Wettbewerb marktwirtschaftlicher Koordinationsprinzipien ausgerichtete Handlungsneigungen und Leistungsbereitschaften. Darauf gehen in einem weitreichenden Maße die Produktivität, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und das hohe materielle Lebensniveau fortgeschrittener westlicher Gesellschaften zurück, wobei die allgemeine Wohlfahrt zugleich durch sozialstaatliche Vorkehrungen, Maßnahmen und Einrichtungen abgesichert wird.19Anton Sterbling: Bürgerliche Gesellschaft, ihre Leistungen und ihre Feinde. Stuttgart 2020.

Strukturelle Gegebenheiten und Integrationsmechanismen realsozialistischer Gesellschaften

Vorab sei festgehalten, dass Srubar in seinen Darlegungen zu den „Integrationsmechanismen im realen Sozialismus“20Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 418–427. nicht nur wichtige Überlegungen und Argumentationsfiguren der damaligen sozialwissenschaftlichen Diskussionen über kommunistische Herrschaftsstrukturen,21Michail S. Voslensky: Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion. München u. a. 1980. über Neotraditionalismus und Neopatrimonialismus22Samuel N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität. Frankfurt a. M. 1979; Ken Jowitt: Soviet Neotraditionalism: The Political Corruption of a Leninist Regime. In: Soviet Studies 30 (1983), S. 275–297. und über die sozialistische Wirtschaftsweise23János Kornai: Economics of Shortage (2 Bde). Amsterdam 1980. aufgreift, sondern auch Erkenntnisse zu partikularistischen und klientelistischen Handlungsorientierungen und Sozialbeziehungen und davon bestimmten sozialen Identitätsvorstellungen herausarbeitet, die für das Verständnis entsprechender Strukturgegebenheiten in postsozialistischen Gesellschaften Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas sehr wichtig erscheinen.24Klaus Roth (Hg.): Soziale Netzwerke und soziales Vertrauen in den Transformationsländern. Wien u. a. 2007; Klaus Roth, Ioannis Zelepos (Hgg.): Klientelismus in Südosteuropa. Südosteuropa-Jahrbuch 43. Berlin u. a. 2018; Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften. In: Maurizio Bach, Anton Sterbling (Hgg.): Soziale Ungleichheit in der erweiterten Europäischen Union. Beiträge zur Osteuropaforschung 14. Hamburg 2008, S. 39–62.

Im durch das kommunistische Machtmonopol bestimmten realen Sozialismus ist die „Formalisierung“, also die Bindung an formale Rechtsprinzipien, und die „Abstraktheit“ der Integration durch Märkte und Geld oder – in marxistischer Terminologie – ein Stück der damit gegebenen „Entfremdung“ aufgehoben. Ebenso verliert die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionssysteme in einem durchgängig politisch und ideologisch kontrollierten, hierarchisch-monolithischen Institutionensystem25Anton Sterbling: Eliten, Intellektuelle, Institutionenwandel. Untersuchungen zu Rumänien und Südosteuropa. Hamburg 2001, insb. S. 13f. in weitgehendem Maße ihre Relevanz und Wirksamkeit. Die Gleichschaltung der Institutionen und die Verstaatlichung der Wirtschaft haben zur Kehrseite, dass eine öffentliche Kontrolle der politischen Herrschaftsausübung unterbunden wird und zugleich – wie Srubar es formuliert – eine „Privatisierung des Staates“,26Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, vgl. S. 418. des staatlichen Patrimoniums, durch die kommunistischen Parteien erfolgt.

Das Machtmonopol der kommunistischen Parteien wird durch den revolutionären Weg der Herrschaftsübernahme und durch eine entsprechende historische Mission im Sinne einer kollektiv „charismatischen Legitimation“ begründet.27Günther Roth: Politische Herrschaft und persönliche Freiheit. Heidelberger Max Weber-Vorlesungen 1983. Frankfurt a. M. 1987; Stefan Breuer: Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers. Darmstadt 1994; Anton Sterbling: Nationalstaaten und Europa. Problemfacetten komplizierter Wechselbeziehungen. Dresden 2018, insb. S. 113f. Dies ermöglicht permanente, „außerordentliche“ und willkürliche Entscheidungen im Sinne der allein maßgeblichen „Parteiinteressen“ in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Trotz bestehender hierarchisch-bürokratischer Verwaltungsstrukturen erscheinen diese durch den absoluten Vorrang parteiinteressengebundener ideologischer Entscheidungskriterien und nicht zuletzt auch persönlicher Willkür der Inhaber von Machtpositionen nahezu als das Gegenteil einer auf Sachkompetenz, Professionalität und „gesatzten“ formalen Ordnungen beruhenden bürokratisch-rationalen Verwaltung.28Bálint Balla: Kaderverwaltung. Versuch zur Idealtypisierung der ,Bürokratie‘ sowjetisch-volksdemokratischen Typs. Stuttgart 1972; Stephan Hensell: Die Willkür des Staates. Herrschaft und Verwaltung in Osteuropa. Wiesbaden 2009. Die Beliebigkeit von Verfahren und die Unberechenbarkeit politischer und staatlicher Entscheidungsprozesse gehen auf die angesprochene „charismatische“ Herrschaftslegitimation, eine weitgehend fehlende formale Rechtssicherheit und eine vielfach gewaltsame Unterbindung des öffentlichen Diskurses29Anton Sterbling: Stalinismus in den Köpfen. Zur kommunistischen Gewaltherrschaft in Rumänien. In: Anton Sterbling: „Am Anfang war das Gespräch“. Reflexionen und Beiträge zur „Aktionsgruppe Banat“ und andere literatur- und kunstbezogene Arbeiten. Hamburg 2008, S. 125–154. als Möglichkeit der Kontrolle politischer Herrschaft und des Funktionierens staatlicher Institutionen zurück. Die mit vielfältigen Privilegien und Zugriffsmöglichkeiten der „Nomenklatura“30Michail S. Voslensky: Nomenklatura. auf das staatliche Patrimonium verbundene „politische“ Privatisierung des Staates bildet nach Srubar eine „erste Ebene“, an die eine „zweite“, die der „persönlichen“ Privatisierung in Form von Korruption, Patronage usw. anschließt.

Eine wichtige Bedingung der Koppelung beider Ebenen, die nicht nur zu Willkür und Unberechenbarkeit der Herrschaft und der Funktionsweise staatlicher Institutionen, sondern auch zu deren korruptiven Deformationen im Sinne einer „Zweckverschiebung innerhalb der Organisation“31Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, S. 415–432, vgl. S. 418. Srubar greift in diesen Überlegungszusammenhängen auf einen Gedanken Luhmanns zu. Siehe: Niklas Luhmann: Funktionen und Folgen formaler Organisationen. Berlin 1978. beitrug, war die notorische „Mangelwirtschaft“ als nahezu durchgängiges Strukturmerkmal sozialistischer Gesellschaften. Die Wirtschaftsverhältnisse erfuhren in der Mangelwirtschaft gleichsam eine paradoxe Umkehrung, denn die hauptsächlichen wirtschaftlichen Bestrebungen und Aktivitäten waren nicht – wie in der Marktwirtschaft – auf den Wettbewerb um den Absatzerfolg gerichtet, sondern auf den Zugang zu den stets knappen Gütern und insbesondere Konsumgütern und den willkürlich knapp gehaltenen öffentlichen Dienstleistungen (Bewilligungen, Genehmigungen, Zuteilungen usw.). Damit wird, folgt man Srubar,32Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 420f. die „Ressourcenkontrolle“ zum entscheidenden „Kapital“ auf dem Markt „privater Netzwerke“. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Zunächst stellt sich indes die Frage nach den wichtigsten Einzelgründen der permanenten Mangelwirtschaft im Sozialismus,33János Kornai: Economics of Shortage. wobei auch diesbezüglich – wie bei den Ausführungen zur vorhin dargestellten Aufhebung der Rationalisierung politischer Herrschaft durch das kommunistische Machtmonopol im realen Sozialismus – an die Überlegungen im vorausgegangenen Teil, insbesondere zur wirtschaftlichen Rationalisierung westlicher Gesellschaften, angeschlossen werden kann. Durch diese, dem Überlegungsgang Srubars folgende vergleichende Analyse werden die Funktionsdefizite und Deformationen realsozialistischer Wirtschaftssysteme besonders prägnant fassbar und gut erklärbar.

Die Leistungen der Märkte im Sinne eines ständigen, dynamischen Such- und Anpassungsprozesses von Angebot und Nachfrage wurden im Sozialismus durch planwirtschaftliche Koordinationsprinzipien wirtschaftlicher Abläufe substituiert. Dies ging in vielen Bereichen mit einer „Unterdetermination“ der Wirtschaftspläne gegenüber der viel komplexeren Realität wirtschaftlicher Einzel- und Gesamtprozesse einher.34Michael Masuch: Die sowjetische Entscheidungsweise. Ein Beitrag zur Theorie des realen Sozialismus. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 33 (1981), S. 642–667. Fehlender Wettbewerb auf den Gütermärkten und administrativ festgelegte Preise führten zu mangelnden Anreizen für technologische oder arbeitsorganisatorische Innovationen wie auch zu einer geringen Risikobereitschaft, zumal riskante wirtschaftliche Entscheidungen im Erfolgsfall selten angemessen prämiiert, aber im Falle des Misserfolgs oft drastisch politisch bestraft wurden. Eine Folge davon war eine zumeist niedrige Produktivität. Geld hatte – nicht nur wegen den oft willkürlichen administrativen oder politischen Preisfestlegungen – lediglich eine eingeschränkte Steuerungsfunktion gegenüber den im planwirtschaftlichen System fest eingebundenen und auch darüber hinaus wirksamen „Distributionsmechanismen“. Geld stellte – wie Srubar trefflich festhielt – eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung des Zugangs und Erwerbs von knappen Gütern und Leistungen dar, denn neben dem Geld waren dafür stets weitergehende Informationen, soziale Verbindungen, Netzwerkzugehörigkeiten, Schattenwirtschaftsbeziehungen usw. erforderlich. Dabei ergaben und verfestigten sich vielfältig ineinander übergreifende und miteinander verschränkte soziale Netzwerkbeziehungen und informelle Austauschprozesse zwischen einzelnen staatlichen Unternehmen und Branchen, schattenwirtschaftlichen Bereichen und der Sphäre des privaten Konsums. Dadurch wurden Planungsmängel teilweise kompensiert, aber natürlich auch – aufgrund der in einzelnen Positionen jeweils gegebenen Einfluss- und Wirkungschancen und Zugangsmöglichkeiten – private Vorteile verfolgt und nicht selten mit beachtlichem Erfolg erreicht. Hierbei ergab sich ein schwer durchschaubares Gesamtgefüge der Überlagerung und Durchdringung betrieblicher Strukturen durch informelle Netzwerke und der dadurch ermöglichten „Reprivatisierung sozialistischen Eigentums“.

Zum besseren Verständnis sollten dem noch einige Anmerkungen hinzugefügt werden. Das sozialistische Wirtschaftssystem bestand vielfach aus unrentablen und mithin subventionierten Betrieben mit geringer Innovations- und Risikobereitschaft und niedriger Produktivität. Die planwirtschaftlich festgelegten Kennzahlen der Produktion wurden durch „Extensivierung der Arbeit“35Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 421. bei oft geringer Qualifikations- und Leistungsorientierung des Arbeitseinsatzes zu erreichen versucht. Hinzu kamen – nicht zuletzt zur Abfederung von Planungsmängeln und Produktionsrisiken – extensive Lagerhaltungen, Hortungsprozesse und die Bildung „stiller Reserven“ jeder Art. All dies ermöglichte den Beschäftigten eine relativ „freizügige Disposition über bezahlte Arbeit“ und natürlich auch Einzelnen in entsprechenden Zugangs- und Distributionsstellen leichte Zugriffe auf betriebliche Ressourcen.

Mit der Mangelwirtschaft und der angesprochenen ausgeprägten „Informalität“36Christian Giordano, Nicolas Hayoz (Hgg.): Informality in Eastern Europe. gewinnt ein Integrationsmechanismus realsozialistischer Gesellschaften eine besondere strukturelle Relevanz, die bei Srubar sodann in den Mittelpunkt der weiteren Analysen gestellt wird: die sogenannten „Umverteilungsnetzwerke“.37Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 422f. Es handelt sich dabei um längerfristig angelegte, reziproke Beziehungen von zumeist eine weite Skala von Leistungen und Gegenleistungen umfassenden Austauschvorgängen, die sowohl durch direkte wie auch durch indirekte, symmetrische wie auch durch asymmetrische Momente gekennzeichnet sein können und in der Form von Verwandtschaftsbeziehungen, Freundschaften oder „funktionalen Freundschaften“, direkten oder indirekten Bekanntschaften usw. zumindest den Anschein einer ge­wissen „Solidarität“ erwecken. Wichtig erscheint, dass es sich um persönliche Verbundenheits-, Verpflichtungs-, Loyalitäts- und Abhängigkeitsbeziehungen handelt,38Christian Giordano: Privates Vertrauen und informelle Netzwerke: Zur Organisationsstruktur in Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens. Südosteuropa im Blickpunkt. In: Klaus Roth (Hg.): Soziale Netzwerke und soziales Vertrauen in den Transformationsländern. Wien u. a. 2007, S. 21–49. die im realen Sozialismus vor allem darauf angelegt waren, entsprechenden Umverteilungsnetzwerken den Zugang zur Redistribution von Ressourcen des staatlichen Sektors zu sichern.

Bevor auf die spezifischen strukturellen Erscheinungsformen und Folgen der zentralen Bedeutung dieser Umverteilungsnetzwerke einzugehen sein wird, sei mit Srubar39Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 423. noch kurz der Frage nachgegangen, warum die kommunistischen Machthaber diese Gegebenheiten akzeptierten oder nur inkonsequent und mit geringem Erfolg zu unterbinden suchten? Dazu lassen sich zumindest drei Antworten finden: Erstens korrigierten und kompensierten die Umverteilungsnetzwerke bestimmte Steuerungsmängel und Versorgungsdefizite des planwirtschaftlichen Systems. Zweitens diente dies der Ablenkung der Bevölkerungsinteressen von politisch relevanten Unzufriedenheitsaspekten auf Konsumfragen. Und drittens führte es zu einer Mitverstrickung und entsprechenden Erpressbarkeit eines erheblichen Teils der Bevölkerung in die korrumpierten Machenschaften des Herrschaftssystems.40Bálint Balla, Wolfgang Dahmen, Anton Sterbling (Hgg.): Korruption, soziales Vertrauen und politische Verwerfungen – unter besonderer Berücksichtigung südosteuropäischer Gesellschaften. Beiträge zur Osteuropaforschung 18. Hamburg 2012.

Die hervorragende Strukturrelevanz der Umverteilungsnetzwerke ergibt sich – so zeigt Srubar41Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 423f. überzeugend – aus mehreren wichtigen Gründen. „Schlüsselstellungen“ in Umverteilungsnetzwerken und das Ausmaß des damit verbundenen „sozialen Kapitals“ resultieren vor allem aus individuellen Zugangs- und Zugriffschancen im staatlichen „Material- und Warenverteilungssystem“ und entsprechenden Positionen im „bürokratischen Entscheidungssystem“. Dies durchbricht und relativiert weitgehend die Strukturbedeutung formaler Qualifikationen und fachlicher Leistungen. Werden schon dadurch universalistische durch partikularistische soziale Erfolgs- und Anerkennungskriterien ersetzt, so gewinnen partikularistische Orientierungen auch deshalb eine darüber hinausgehende, die kollektive Identität prägende Bedeutung, weil Umverteilungsnetzwerke auf personalisierten Zusammengehörigkeits- und Verpflichtungsbeziehungen beruhende soziale Gebilde darstellen, die auf einer entsprechenden partikularistischen Unterscheidung zwischen „Wir“ und den „Anderen“ beruhen. Also liegen – so könnte man zugespitzt befinden – nicht „objektive“ soziale Lagen, sondern vor allem solche partikularistisch ausgerichtete subjektive Selbstzurechnungen den identitätsbildenden Vergesellschaftungsprozessen zugrunde, so dass gegebene strukturelle Grundlagen der „Statusassoziation“ durch entsprechende Vorgänge der „Statussegregation“42Zu den Strukturprinzipien der „Statusassoziation“ und „Statussegregation“ siehe: Samuel N. Eisenstadt: Revolution und Transformation von Gesellschaften. Eine vergleichende Untersuchung verschiedener Kulturen. Opladen 1982; Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften. durchkreuzt und aufgehoben werden. All dies bedeutete in den realsozialistischen Gesellschaften auch, dass kein allgemeines Vertrauen in staatliche Institutionen oder in den „generalisierten Anderen“, insbesondere in der Gestalt anderer Staatsbürger gegeben war, sondern dass personalisierte, durch partikularistische Kriterien bestimmte Vertrauensbeziehungen vorherrschten, also, dass die sozialistischen Gesellschaften, insbesondere diejenigen Südosteuropas, als „Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens“ zu verstehen sind.43Christian Giordano: Privates Vertrauen und informelle Netzwerke: Zur Organisationsstruktur in Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens; Anton Sterbling: Institutionenwandel in Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens. In: Gert Albert u. a. (Hgg.): Soziale Konstellation und historische Perspektive. Festschrift für M. Rainer Lepsius. Wiesbaden 2008, S. 104–120; Anton Sterbling: Die „Unseren“ und die „Anderen“. Klientelismus in Südosteuropa, unter besonderer Berücksichtigung Rumäniens. In: Klaus Roth, Ioannis Zelepos (Hgg.): Klientelismus in Südosteuropa. Südosteuropa-Jahrbuch 43. Berlin u. a. 2018, S. 49–64.

Umverteilungsnetzwerke sind als mehr oder weniger spontan entstandene, kompensatorische Ergebnisse der Privatisierung des Staates durch die kommunistischen Parteien, der Dysfunktionalität der Planwirtschaft und der permanenten Mangelwirtschaft zu betrachten. Sie hatten im realen Sozialismus sowohl stabilisierende wie auch anomische Tendenzen sowie weit in die postsozialistische Zeit hineinragende sozialstrukturelle und sozialmoralische Auswirkungen.

Realer Sozialismus als „partielle Modernisierung“

Im abschließenden Teil seiner Ausführungen machte Ilja Srubar zutreffend darauf aufmerksam, dass die realsozialistischen Transformationen im östlichen Europa eigentlich zwei Seiten hatten: eine deutlicher Modernisierungsvorgänge und eine andere der „demodernisierenden Wirkungen“.44Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 427f. Bei durchaus ungleichen Ausgangsbedingungen, auf die bereits hingewiesen wurde, erfolgte in allen sozialistischen Gesellschaften eine teilweise stark forcierte Industrialisierung und ein damit einhergehender sektoraler Wandel, der den Anteil der Industriearbeiter und auch den der Angestelltenschaft stark anwachsen und den der landwirtschaftlich Beschäftigten schrumpfen ließ.45Rudolf Andorka: Einführung in die soziologische Gesellschaftsanalyse. Ein Studienbuch zur ungarischen Gesellschaft im europäischen Vergleich. Opladen 2001; Anton Sterbling: Einführung in die Grundlagen der Soziologie. Stuttgart 2020, insb. Kapitel 10. Dies ging mit Bildungsexpansionen, mit Urbanisierungsprozessen sowie mit umfangreichen räumlichen und sozialen Mobilitätsprozessen einher. Und es gab den Sozialstrukturen dieser Gesellschaften, zumindest vordergründig, mehr oder weniger die Gestalt „nivellierter“, stark auf Mittelschichtlagen konzentrierter Gesellschaften.

Auf der anderen Seite sind die angesprochenen Demodernisierungserscheinungen festzustellen, die sich im kommunistischen Machtmonopol und seiner kollektiv charismatischen Legitimation, in seiner damit zusammenhängenden weitgehenden Willkür und Unberechenbarkeit, in der mangelnden öffentlichen Kontrolle der politischen Herrschaft und der staatlichen Institutionen, in den fehlenden diskursiven Konfliktlösungen und mangelhafter Rechtsstaatlichkeit feststellen lassen – ebenso in den Defiziten der Planwirtschaft und der notorischen Mangelwirtschaft aufgrund des weitgehenden Verzichts auf die effizienteren wirtschaftlichen Koordinations- und Steuerungsleistungen der Märkte und des Geldes.

Ein folgenreiches Ergebnis dessen war die weitreichende sozialstrukturelle Relevanz der von Ilja Srubar besonders hervorgehobenen „Umverteilungsnetzwerke“ mit ihren partikularistischen Grundlagen, der Dominanz personalisierter Abhängigkeits-, Loyalitäts-, Austausch- und Vertrauensbeziehungen in einer Umgebung des öffentlichen Misstrauens – und mit der Kehrseite der tendenziellen Entwertung von formalen Qualifikationen und qualifizierten Leistungen, von „erworbenen“ gegenüber „zugeschriebenen“ Sozialmerkmalen.46Talcott Parsons: The Social System. Glencoe 1951.

Auf der individuellen Ebene bedeutete all dies eine stets bedrohte persönliche Freiheit und mehr oder weniger weitgehende Einschränkungen der Emanzipationsmöglichkeiten des Subjekts, ein Leben unter mehr oder weniger prekären materiellen Verhältnissen großer Teile der Bevölkerung, spezifische Abhängigkeiten mit entsprechenden Auswirkungen auf die sozialmoralischen Vorstellungen und individuellen Motivationsstrukturen oder eingeschränkte Eigeninitiativen und Anerkennungsmöglichkeiten persönlicher Leistungen.

Auf die Entwicklungen der realsozialistischen Gesellschaften trifft mithin weitgehend das Theorem der „partiellen Modernisierung“ zu, das in den Worten Dietrich Rüschemeyers lautet:

In vielen Gesellschaften verbinden sich moderne und traditionale Elemente zu komplizierten Strukturen. Oft sind solche Inkonsistenzen der Gesellschaftsstruktur vorübergehende Begleiterscheinungen rapiden sozialen Wandels; nicht selten stabilisieren sie sich jedoch und erhalten sich über Generationen hinweg.47Dietrich Rüschemeyer: Partielle Modernisierung. In: Wolfgang Zapf (Hg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln-Berlin 31971, S. 382–396, vgl. S. 382.

Im Sinne der Theorie des „cultural lag“ haben indes gerade die identitätsbildenden Integrationsmechanismen und die auf die alltägliche „Lebensführung“ bezogenen „normativen Erwartungsstrukturen“ und „Handlungsmuster“ eine gewisse Persistenz und Nachwirkung, auch wenn sich die „Wirtschafts- und Herrschaftsverhältnisse“,48William F. Ogburn: Social Change with Respect to Culture and Original Nature; Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 415. wie nach dem Niedergang der kommunistischen Herrschaft im östlichen Europa, tiefgreifend gewandelt haben.

Zur Strukturanalyse ost-, ostmittel- und südosteuropäischer Gesellschaften – Versuch einer Zusammenschau

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, wie sich die bisher nachgezeichneten Überlegungen mit meinen eigenen Vorstellungen zur Sozialstruktur ost-, ostmittel- und südosteuropäischer Gesellschaften unter kommunistischer Herrschaft verbinden lassen. Ich habe in meinen Untersuchungen wiederholt drei strukturbestimmende Mechanismen der sozialen Ungleichheit in solchen Gesellschaften – nämlich politische Ausschließung, soziokulturelle Schließung und meritokratisch-funktionale Differenzierung – herausgearbeitet.49Anton Sterbling: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften; Anton Sterbling: Zur Sozialstruktur südosteuropäischer Gesellschaften und den Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien; Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften.

Mit dem kommunistischen Machtmonopol und dem politisch kontrollierten und weitgehend monolithisch verfassten Institutionensystem in unmittelbarem Zusammenhang stand die politische Ausschließung50Siehe: Anton Sterbling: Modernisierung und soziologisches Denken, insb. S. 201f. auf der Grundlage weltanschaulicher Bekenntnisse und ideologischer Konformität wie auch – und dies war möglicherweise noch wichtiger – persönlicher Abhängigkeits- und Loyalitätsbeziehungen. Die politische Ausschließung bildete ein überaus wirkungsvolles und gleichsam umfassendes Strukturprinzip vertikal-hierarchischer Gliederung innerhalb des kommunistischen Herrschafts- und sozialistischen Gesellschaftssystems. Durch die politische Ausschließung wurden die Teilhabe an der Entscheidungsmacht und der Zugang zu besonderen Privilegien nach außen hin begrenzt und intern in abgestufter Form reguliert.51Frank Parkin: Strategien sozialer Schließung und Klassenbildung. In: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt. Sonderband 2, 1983, S. 121–135. Da persönliche Loyalität, neben ideologischer Konformität, eine wesentliche Grundlage der Zugangs- und Aufstiegsprozesse im Parteiapparat und im politisch kontrollierten staatlichen Wirtschafts- und Institutionensystem bildete, brachte die politische Schließung zugleich ein kompliziertes und weitverzweigtes Netz von persönlichen klientelistischen Abhängigkeitsbeziehungen hervor. Diese Netzwerke persönlicher Patronage- und Abhängigkeitsbeziehungen haben den Niedergang der kommunistischen Herrschaft zumindest teilweise überdauert.52Anton Sterbling: Aspects of Informality in Southeastern Europe. Es ist wohl leicht erkennbar, dass diese Überlegungen zur politischen Ausschließung mit Srubars Darlegungen zur ersten Ebene der „Privatisierung des Staates“ weitgehend anschlussfähig und kompatibel erscheinen.53Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 418f.

Prozesse der Ausschließung bewirken – nicht zuletzt als soziale Reaktion auf damit einhergehende Diskriminierungen und Deprivationen – ihrerseits soziale Schließungen.54Frank Parkin: Strategien sozialer Schließung und Klassenbildung. In den ost- und südosteuropäischen Gesellschaften erfolgten solche Schließungsprozesse – auch schon in der vorsozialistischen Zeit – vornehmlich auf der Grundlage soziokultureller Gemeinsamkeiten, etwa entlang ethnischer oder religiöser Differenzierungslinien. Ebenso auf der Grundlage gegen die kommunistische Ideologie und den sozialistischen Alltag sich abschirmender traditionaler Wertorientierungen und Lebensformen oder gegen das kommunistische Herrschaftssystem sich abgrenzender künstlerisch-intellektueller „Enklaven“ oder Dissidentenmilieus. Solche Schließungsprozesse betrafen vor allem die „privaten“ und „lebensweltlichen“ Assoziationsformen und kollektiven Selbstzurechnungen. Sie fanden in mehr oder weniger deutlich gegeneinander abgegrenzten sozialen Verkehrskreisen, in selektiven Heiratsmustern, in spezifischen sozialmoralischen Überzeugungen, in sozialer Nähe und Distanz, in der partikularistischen Wertschätzung oder Verachtung anderen sozialen Gruppen gegenüber und ähnlichen, die Lebensführung, die sozialen Umgangsformen und die kollektive Selbst- und Fremdzurechnungen betreffenden Gegebenheiten ihren Ausdruck. Die Strukturrelevanz und nachhaltige Wirksamkeit solcher soziokultureller Schließungsprozesse zeigte sich nicht zuletzt auch nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft.

Diese Überlegungen zur sozialen Schließung sind – wie leicht zu erkennen ist – an Srubars Ausführungen zu den „Umverteilungsnetzwerken“ durchgängig anschlussfähig. Zutreffend zeigt Srubar55Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 422f. aber auch, dass die Grundlagen dieser sozialen Netzwerke nicht nur überkommen sind, sondern zumeist auch eine Reaktion auf die Gegebenheiten der realsozialistischen Plan- und Mangelwirtschaft bildeten. Dieser Aspekt ist in meinem Hinweis auf die Wechselbeziehungen von politischer Ausschließung und sozialer Schließung zwar angedeutet, aber nicht so ausführlich und genau wie bei Srubar ausgearbeitet. In dieser Hinsicht beinhalten seine Ausführungen sehr wichtige zusätzliche Erkenntnisse über die Eigenart realsozialistischer Gesellschaften.

Waren höhere Bildungsabschlüsse schon in der vorsozialistischen Zeit56Hugh Seton-Watson: Osteuropa zwischen den Kriegen 1918–1941. Paderborn 1948. – nicht zuletzt als notwendige Zugangsvoraussetzungen zu privilegierten Positionen des staatlichen Beschäftigungs- und des etatistischen Alimentationssystems – im östlichen Europa von erheblicher Relevanz, so nahm ihre sozialstrukturelle Bedeutung mit der forcierten sozialistischen Industrialisierung und der Bildungsexpansion der 1960er-Jahre erneut erheblich zu, so dass man in der auf Bildungs- und Ausbildungsabschlüssen und entsprechenden Leistungsqualifikationen beruhenden meritokratisch-funktionalen Differenzierung ebenfalls einen wichtigen Erzeugungs- und Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit in den sozialistischen Gesellschaften Ost- und Südosteuropas erkennen kann. Die meritokratisch-funktionale Differenzierung, soweit sie zur Entfaltung kam, kann sicherlich – wie auch Srubar hervorgehoben hat57Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 427f. – als die „moderne“ Seite der Sozialstrukturen ost-, ostmittel- und südosteuropäischer Gesellschaften angesehen werden. Allerdings war der Einfluss dieses Strukturprinzips, nicht zuletzt auf Grund der gleichzeitigen massiven Wirksamkeit der beiden anderen Erzeugungs- und Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit relativ begrenzt, und ist dies – zum Teil aus anderen Gründen – auch heute noch.

Die drei knapp umrissenen ungleichheitserzeugenden Mechanismen sind zunächst „gegensätzliche Prinzipien“58M. Rainer Lepsius: Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland. In: M. Rainer Lepsius: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990, S. 117–152, vgl. S. 118. zwischen denen vielfältige Spannungsverhältnisse zu erkennen sind. Dies betrifft den Gegensatz zwischen ideologischer Konformität und persönlicher Loyalität einerseits und Leistungsqualifikation und formalen Bildungsabschlüssen andererseits – ein Gegensatz, der nicht zuletzt als unterschwelliger Dauerkonflikt zwischen machtorientierten Ideologen und reformwilligen Technokraten in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft ausgetragen wurde und letztlich auch eine wesentliche Ursache des Endes der kommunistischen Alleinherrschaft darstellte. Aber auch der Gegensatz zwischen kommunistischer Ideologie einerseits und religiösen oder traditionalen Wertorientierungen andererseits bestand während des gesamten sozialistischen Zeitraums fort, wie das oft angespannte Verhältnis zwischen Staat und Kirche,59William Totok: Episcopul, Hitler și Securitatea. Procesul stalinist împotriva „spionilor Vaticanului“ din România [Der Bischof, Hitler und die Securitate. Der stalinistische Prozess gegen die „Spione des Vatikans“ in Rumänien]. Iași 2008. zwischen den politisch Herrschenden und den verschiedenen ethnischen oder religiösen Minderheiten oder das repressive Verhältnis Dissidenten-, Künstler- und Intellektuellenkreisen gegenüber deutlich zeigten. Auch ein Gegensatz zwischen meritokratisch-funktionaler Statuszuweisung und soziokultureller Schließung ist, gerade in ethnisch heterogenen Gesellschaften, durchaus auszumachen. Dennoch ist nicht nur ein ausgeprägtes Spannungsverhältnis zwischen diesen Strukturprinzipien festzustellen, sondern es waren auch komplizierte Verschränkungsbeziehungen zwischen ihnen gegeben. Gerade auf diesem komplexen Spannungs- und Verschränkungszusammenhang, den auch Srubar60Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 427f. in seiner Betrachtung der „Umverteilungsnetzwerke“ herausarbeitete, beruht die zwar in manchen Aspekten modifizierte, aber ohne Zweifel nachhaltige Relevanz dieser ungleichheitserzeugenden Strukturmechanismen. Dies lässt sich vor allem im Rahmen von Analysen des Klientelismus und der Korruption, aber auch der Krisen und Schwierigkeiten demokratischer Entwicklungen im östlichen und südöstlichen Europa zeigen.61Bálint Balla, Wolfgang Dahmen, Anton Sterbling (Hgg.): Korruption, soziales Vertrauen und politische Verwerfungen – unter besonderer Berücksichtigung südosteuropäischer Gesellschaften; Bálint Balla, Wolfgang Dahmen, Anton Sterbling (Hgg.): Demokratische Entwicklungen in der Krise? Politische und gesellschaftliche Verwerfungen in Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Beiträge zur Osteuropaforschung 19. Hamburg 2015; Klaus Roth, Ioannis Zelepos (Hgg.): Klientelismus in Südosteuropa.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, dass neben den in modifizierter Weise weiterhin wirksamen Mechanismen der sozialen Schließungen und der meritokratisch-funktionalen Differenzierung auch die soziostrukturellen Auswirkungen der demokratischen, marktwirtschaftlichen und rechtsstaatlichen Modernisierungsprozesse sowie die teilweise massiven transnationalen Migrationsprozesse und ihre Rückwirkungen in den gegenwärtigen Strukturanalysen der Gesellschaften des östlichen Europa zu berücksichtigen sind.62Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften. Dabei gilt es, auch weiterhin eingehend zu beachten, dass zwischen all diesen Erzeugungs- und Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit komplizierte Spannungs- und Verschränkungsbeziehungen bestehen, die es in den soziostrukturellen Feinanalysen systematisch zu erschließen und einzuordnen gilt.

„System“ und „Lebenswelt“ als weitere Analyseperspektive

Die Darlegungen Srubars63Ilja Srubar: War der Sozialismus modern? ließen sich noch in einen anderen, seiner Denkweise eigentlich naheliegenden theoretischen Bezugsrahmen einordnen und mit erheblichem Erkenntnisgewinn lesen – in der Analyseperspektive der Unterscheidung von „System“ und „Lebenswelt“.64Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft; Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne; Ilja Srubar: Phänomenologie und soziologische Theorie. Dazu nur einige Anmerkungen, die sich hauptsächlich auf Srubars Feststellungen zur sozialistischen Wirtschaftsweise und insbesondere die Umverteilungsnetzwerke beziehen lassen.

Folgt man der Vorstellung verschiedener Integrationsgrundlagen der Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt der „Entkoppelung“ und Reintegrationsmöglichkeiten von „System“ und „Lebenswelt“ und unterscheidet man in der empirisch gegebenen sozialen Realität entwickelter Gesellschaften zwischen systemisch koordinierten Handlungsweisen, wie sie beispielsweise in bürokratischen Organisationen moderner Gesellschaften vorherrschen, und lebensweltlichen Handlungszusammenhängen, die das sonstige alltägliche, insbesondere auf intersubjektive Kommunikation und Verstän­digung gestützte soziale Geschehen kennzeichnen, so treten aus kritischer Sicht mehrere und zugleich unterschiedliche Probleme in Erscheinung. Im Kontext moderner Gesellschaften erscheint nicht nur die mehr oder weniger weitgehende „Entkoppelung“ von „System“ und „Lebenswelt“, sondern auch und vor allem die erkennbare Tendenz, dass die von den Prinzipien der Zweckrationalität und Verdinglichung bestimmten systemischen Beziehungen die „Lebenswelten“ durchdringen und teilweise oder vollständig aushöhlen, besonders problematisch.

In den realsozialistischen Gesellschaften und ihren Wirtschaftsystemen sieht diese Problematik, allerdings etwas anders aus. Zwar zielte die kommunistische Herrschaft – insbesondere in ihrer stalinistischen Phase – auf eine intensive, vielfach gewaltgestützte und möglichst lückenlose systemische Durchdringung und Kontrolle aller lebensweltlichen Bereiche, bis in die letzten Winkel des menschlichen Denkens, Empfindens und Handelns.65Anton Sterbling: Stalinismus in den Köpfen. Allerdings scheiterten diese ideologischen Bestrebungen auf Dauer weitgehend nicht nur am lebensweltlichen Widerstand, sondern – wie auch Srubars Analysen der sozialistischen Wirtschaftsweise und insbesondere der Umverteilungsnetzwerke anschaulich zeigen66Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 422f. – wiesen die sozialistischen Betriebe und der gesamte staatliche Wirtschaftssektor vielfältige lebensweltliche Züge und Einlagerungen auf,67Klaus Roth (Hg.): Sozialismus: Realität und Illusionen; Klaus Roth (Hg.): Arbeitswelt – Lebenswelt; Anton Sterbling: „System“ und „Lebenswelten“ im Sozialismus. die sich in solcher Ausprägung und in diesem Ausmaß, in systemisch durchrationalisierten kapitalistischen Betrieben unter marktwirtschaftlichen Wettbewerbsbedingungen kaum finden lassen dürften. In diesem Sinne ließen sich Srubars Darlegungen sicherlich noch eingehender aufschlussreich weiterlesen, insbesondere, wenn man aus heutiger Sicht verstehen will, warum in bestimmten Bevölkerungskreisen durchrationalisierte und verdinglichte Wirtschafts- und Sozialbeziehungen kritisch empfunden werden und eine gewisse Sozialismusnostalgie68Ulf Brunnbauer, Stefan Troebst (Hgg.): Zwischen Amnesie und Nostalgie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa. Köln, Weimar, Wien 2007. fortbesteht.

Anton Sterbling, geb. 1953 in Großsanktnikolaus (Rumänien), Soziologe und Schriftsteller, Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“ (1972-1975), Übersiedlung in die Bundesrepublik 1975. Bis 2019 Hochschullehrer. Verfasser zahlreicher sozialwissenschaftlicher Studien und literarischer Werke. Jüngste Veröffentlichungen: Am Rande Mitteleuropas. Über das Banat und Rumänien, Aachen 2018; Die versunkene Republik. Erzählungen, Ludwigsburg 2021.


[1]         Anton Sterbling: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften. Hamburg 1993, insb. S. 23f.

[2]         Auf dem Deutschen Soziologentag 1990 in Frankfurt a. M. wurde von Prof. Dr. Bálint Balla und von mir eine Arbeitsgruppe, aus der die spätere Sektion „Ost- und Ostmitteleuropa-Soziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hervorging, initiiert. Von Anfang an zu den Mitgliedern des Sprecherrates dieser Arbeitsgruppe und Sektion gehörte der aus Prag stammende Prof. Dr. Ilja Srubar, der später auch zeitweilig Sektionssprecher war. Aus dieser Sektion ist übrigens die heutige Sektion „Europasoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hervorgegangen.

[3]         Ilja Srubar: War der Sozialismus modern? Versuch einer strukturellen Bestimmung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 43 (1991), S. 415–432.

[4]         Anton Sterbling: Eliten, Strukturwandel und Machtfragen in Südosteuropa. In: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung 38 (1989) H. 7/8, S. 395–413; Anton Sterbling: Modernisierung und soziologisches Denken. Analysen und Betrachtungen. Hamburg 1991; Anton Sterbling: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften. Hamburg 1991.

[5]         Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt a. M. 1981; Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt a. M. 1985; Ilja Srubar: Phänomenologie und soziologische Theorie. Aufsätze zur pragmatischen Lebenswelttheorie. Wiesbaden 2007.

[6]         Klaus Roth (Hg.): Sozialismus: Realität und Illusionen. Ethnologische Aspekte der sozialistischen Alltagskultur. Wien 2005; Klaus Roth (Hg.): Arbeitswelt – Lebenswelt. Facetten einer spannungsreichen Beziehung im östlichen Europa. Berlin 2006; Anton Sterbling: „System“ und „Lebenswelten“ im Sozialismus. Das Beispiel des multiethnischen Banats. In: Anton Sterbling: Entwicklungsverläufe, Lebenswelten und Migrationsprozesse. Studien zu ländlichen Fragen Südosteuropas. Aachen 2010, S. 109–133.

[7]         William F. Ogburn: Social Change with Respect to Culture and Original Nature. New York 1966 (zuerst 1922).

[8]         Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 415.

[9]         Ebenda, insb. S. 427.

[10]       Siehe auch: Anton Sterbling: Zur Sozialstruktur südosteuropäischer Gesellschaften und den Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien. In: Berliner Journal für Soziologie 6 (1996) H. 4, S. 489–499.

[11]       Vgl. Christian Giordano, Nicolas Hayoz (Hgg.): Informality in Eastern Europe. Structures, Political Cultures and Social Practices. Bern u. a. 2013.

[12]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 416f.; Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen 51976; Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, I. Tübingen 91988; M. Rainer Lepsius: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990.

[13]       Georg Simmel: Philosophie des Geldes. Berlin 71977; Talcott Parsons: Zur Theorie der sozialen Interaktionsmedien. Opladen 1980.

[14]       In diesem Zusammenhang ist das Prinzip der Kritik, der Gegenmeinungen und der Vertretungsmöglichkeit alternativer Lösungsvorstellungen von zentraler Bedeutung. Allerdings geht es nicht nur um eine ideelle Entfaltungsmöglichkeit dieses Prinzips, sondern auch um wirksame Vorkehrungen ihrer institutionellen Absicherung in der gesellschaftlichen Praxis. Siehe: Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen 71992 (2 Bde); Amitai Etzioni: Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse. Wiesbaden 22009; Anton Sterbling: Zum Prinzip der Kritik im modernen europäischen Denken. In: Anton Sterbling: Wege der Modernisierung und Konturen der Moderne im westlichen und östlichen Europa. Wiesbaden 2015, S. 9–37.

[15]       Vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft.

[16]       Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. 1984.

[17]       Ulrich Beck: Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierung und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten. In: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt, Sonderband 2, 1983, S. 35–74; Heinrich Popitz: Autoritätsbedürfnisse. Der Wandel der sozialen Subjektivität. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 39 (1987), S. 633–647; Nicola Ebers: „Individualisierung“. Georg Simmel – Norbert Elias – Ulrich Beck. Würzburg 1995.

[18]       Karl Mannheim: Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus. Bad Homburg u. a. 1967.

[19]       Anton Sterbling: Bürgerliche Gesellschaft, ihre Leistungen und ihre Feinde. Stuttgart 2020.

[20]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 418–427.

[21]       Michail S. Voslensky: Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion. München u. a. 1980.

[22]       Samuel N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität. Frankfurt a. M. 1979; Ken Jowitt: Soviet Neotraditionalism: The Political Corruption of a Leninist Regime. In: Soviet Studies 30 (1983), S. 275–297.

[23]       János Kornai: Economics of Shortage (2 Bde). Amsterdam 1980.

[24]       Klaus Roth (Hg.): Soziale Netzwerke und soziales Vertrauen in den Transformationsländern. Wien u. a. 2007; Klaus Roth, Ioannis Zelepos (Hgg.): Klientelismus in Südosteuropa. Südosteuropa-Jahrbuch 43. Berlin u. a. 2018; Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften. In: Maurizio Bach, Anton Sterbling (Hgg.): Soziale Ungleichheit in der erweiterten Europäischen Union. Beiträge zur Osteuropaforschung 14. Hamburg 2008, S. 39–62.

[25]       Anton Sterbling: Eliten, Intellektuelle, Institutionenwandel. Untersuchungen zu Rumänien und Südosteuropa. Hamburg 2001, insb. S. 13f.

[26]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, vgl. S. 418.

[27]       Günther Roth: Politische Herrschaft und persönliche Freiheit. Heidelberger Max Weber-Vorlesungen 1983. Frankfurt a. M. 1987; Stefan Breuer: Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers. Darmstadt 1994; Anton Sterbling: Nationalstaaten und Europa. Problemfacetten komplizierter Wechselbeziehungen. Dresden 2018, insb. S. 113f.

[28]       Bálint Balla: Kaderverwaltung. Versuch zur Idealtypisierung der ,Bürokratie‘ sowjetisch-volksdemokratischen Typs. Stuttgart 1972; Stephan Hensell: Die Willkür des Staates. Herrschaft und Verwaltung in Osteuropa. Wiesbaden 2009.

[29]       Anton Sterbling: Stalinismus in den Köpfen. Zur kommunistischen Gewaltherrschaft in Rumänien. In: Anton Sterbling: „Am Anfang war das Gespräch“. Reflexionen und Beiträge zur „Aktionsgruppe Banat“ und andere literatur- und kunstbezogene Arbeiten. Hamburg 2008, S. 125–154.

[30]       Michail S. Voslensky: Nomenklatura.

[31]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, S. 415–432, vgl. S. 418. Srubar greift in diesen Überlegungszusammenhängen auf einen Gedanken Luhmanns zu. Siehe: Niklas Luhmann: Funktionen und Folgen formaler Organisationen. Berlin 1978.

[32]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 420f.

[33]       János Kornai: Economics of Shortage.

[34]       Michael Masuch: Die sowjetische Entscheidungsweise. Ein Beitrag zur Theorie des realen Sozialismus. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 33 (1981), S. 642–667.

[35]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 421.

[36]       Christian Giordano, Nicolas Hayoz (Hgg.): Informality in Eastern Europe.

[37]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 422f.

[38]       Christian Giordano: Privates Vertrauen und informelle Netzwerke: Zur Organisationsstruktur in Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens. Südosteuropa im Blickpunkt. In: Klaus Roth (Hg.): Soziale Netzwerke und soziales Vertrauen in den Transformationsländern. Wien u. a. 2007, S. 21–49.

[39]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 423.

[40]       Bálint Balla, Wolfgang Dahmen, Anton Sterbling (Hgg.): Korruption, soziales Vertrauen und politische Verwerfungen – unter besonderer Berücksichtigung südosteuropäischer Gesellschaften. Beiträge zur Osteuropaforschung 18. Hamburg 2012.

[41]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 423f.

[42]       Zu den Strukturprinzipien der „Statusassoziation“ und „Statussegregation“ siehe: Samuel N. Eisenstadt: Revolution und Transformation von Gesellschaften. Eine vergleichende Untersuchung verschiedener Kulturen. Opladen 1982; Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften.

[43]       Christian Giordano: Privates Vertrauen und informelle Netzwerke: Zur Organisationsstruktur in Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens; Anton Sterbling: Institutionenwandel in Gesellschaften des öffentlichen Misstrauens. In: Gert Albert u. a. (Hgg.): Soziale Konstellation und historische Perspektive. Festschrift für M. Rainer Lepsius. Wiesbaden 2008, S. 104–120; Anton Sterbling: Die „Unseren“ und die „Anderen“. Klientelismus in Südosteuropa, unter besonderer Berücksichtigung Rumäniens. In: Klaus Roth, Ioannis Zelepos (Hgg.): Klientelismus in Südosteuropa. Südosteuropa-Jahrbuch 43. Berlin u. a. 2018, S. 49–64.

[44]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 427f.

[45]       Rudolf Andorka: Einführung in die soziologische Gesellschaftsanalyse. Ein Studienbuch zur ungarischen Gesellschaft im europäischen Vergleich. Opladen 2001; Anton Sterbling: Einführung in die Grundlagen der Soziologie. Stuttgart 2020, insb. Kapitel 10.

[46]       Talcott Parsons: The Social System. Glencoe 1951.

[47]       Dietrich Rüschemeyer: Partielle Modernisierung. In: Wolfgang Zapf (Hg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln-Berlin 31971, S. 382–396, vgl. S. 382.

[48]       William F. Ogburn: Social Change with Respect to Culture and Original Nature; Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 415.

[49]       Anton Sterbling: Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften; Anton Sterbling: Zur Sozialstruktur südosteuropäischer Gesellschaften und den Grenzen klassentheoretischer Analysekategorien; Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften.

[50]       Siehe: Anton Sterbling: Modernisierung und soziologisches Denken, insb. S. 201f.

[51]       Frank Parkin: Strategien sozialer Schließung und Klassenbildung. In: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt. Sonderband 2, 1983, S. 121–135.

[52]       Anton Sterbling: Aspects of Informality in Southeastern Europe.

[53]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 418f.

[54]       Frank Parkin: Strategien sozialer Schließung und Klassenbildung.

[55]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 422f.

[56]       Hugh Seton-Watson: Osteuropa zwischen den Kriegen 1918–1941. Paderborn 1948.

[57]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 427f.

[58]       M. Rainer Lepsius: Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland. In: M. Rainer Lepsius: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990, S. 117–152, vgl. S. 118.

[59]       William Totok: Episcopul, Hitler și Securitatea. Procesul stalinist împotriva „spionilor Vaticanului“ din România [Der Bischof, Hitler und die Securitate. Der stalinistische Prozess gegen die „Spione des Vatikans“ in Rumänien]. Iași 2008.

[60]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 427f.

[61]       Bálint Balla, Wolfgang Dahmen, Anton Sterbling (Hgg.): Korruption, soziales Vertrauen und politische Verwerfungen – unter besonderer Berücksichtigung südosteuropäischer Gesellschaften; Bálint Balla, Wolfgang Dahmen, Anton Sterbling (Hgg.): Demokratische Entwicklungen in der Krise? Politische und gesellschaftliche Verwerfungen in Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Beiträge zur Osteuropaforschung 19. Hamburg 2015; Klaus Roth, Ioannis Zelepos (Hgg.): Klientelismus in Südosteuropa.

[62]       Anton Sterbling: Entstehung sozialer Ungleichheit in ost- und südosteuropäischen Gesellschaften.

[63]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?

[64]       Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft; Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne; Ilja Srubar: Phänomenologie und soziologische Theorie.

[65]       Anton Sterbling: Stalinismus in den Köpfen.

[66]       Ilja Srubar: War der Sozialismus modern?, insb. S. 422f.

[67]       Klaus Roth (Hg.): Sozialismus: Realität und Illusionen; Klaus Roth (Hg.): Arbeitswelt – Lebenswelt; Anton Sterbling: „System“ und „Lebenswelten“ im Sozialismus.

[68]       Ulf Brunnbauer, Stefan Troebst (Hgg.): Zwischen Amnesie und Nostalgie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa. Köln, Weimar, Wien 2007.

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