Die nationalsozialistische Presse- und Propagandaarbeit unter Volksgruppenführer Andreas Schmidt 1940 bis 1944 und die missbrauchte deutsche Minderheit in Rumänien

Johann Böhm

Einleitung

Nach jahrelangen Recherchen über die Zwischen- und Kriegszeit der deutschen Volksgruppe in Rumänien hat mich der Alltag dieser Deutschen bezüglich der Auseinandersetzung der nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung1Hierzu zählten insbesondere die Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR) unter Fritz Fabritius, die sich ab 1934 Nationale Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien (NEDR) nannte, sowie die Deutsche Volkspartei Rumäniens (DVR) unter Alfred Bonfert und Waldemar Gust. mit der Volksführung und der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien und deren Gleichschaltung nach 1940 in seinen Bann geschlagen, was meinerseits zu mehreren Veröffentlichungen führte. Mit Bedauern musste ich jedoch feststellen, dass nur wenige Jugendliche dieser Deutschen wissen wollten, wie sich Nachbarschaftsbeziehungen, Kontakte zwischen Schülern, Verhältnisse zwischen Kindern und Eltern sowie Veränderungen im geistigen und geistlichen Leben bis 1940 und ganz besonders nach der Einsetzung von Andreas Schmidt durch die SS-Zentrale Berlin zum Volksgruppenführer am 27. September 1940 veränderten und gestalteten. Der Untergang des politischen Liberalismus bei den Deutschen in Rumänien kam mit der Gründung der NSDAP der Deutschen Volksgruppe in Rumänien (NSDAP der DViR) durch Andreas Schmidt am 9. November 19402Vgl. Johann Böhm: Die Deutschen in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1933–1940. Frankfurt/M. 1999, S. 258f. wie das stille Erlöschen einer Flamme, die einst die Mehrheit der deutschen Bevölkerung erfasst hatte. Durch die Niederlagen des Liberalismus in den 30er-Jahren, die Gleichschaltungsakte in allen Verbänden und Vereinen und der politisch-gesellschaftlichen Gruppen ab 1940 brauchte Schmidt mit dem Widerstand ehemaliger liberaler deutscher Parlamentarier nicht mehr zu rechnen. Ein wesentlicher Teil der Deutschen in Rumänien, der in den 30er-Jahren eine skeptische Einstellung zur nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung des Fritz Fabritius pflegte, schlüpfte nun in die Rolle der Mitläufer.

Methoden und Ideologie der Gleichschaltung der deutschen Bevölkerung Rumäniens mit dem Nationalsozialismus

Im Folgenden möchte ich diesen Aspekt des nationalsozialistischen Erfolgs darstellen, der auf Gleichschaltung der deutschen Bevölkerung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zielte; hierbei wurde die NS-Volksgruppenführung durch keinerlei Hemmung und Reflexion in ihrer Gewaltanwendung gebremst. Diese Gewaltsamkeit war Anlass und faktischer Hintergrund von Angst und Anpassung, folglich auch für Schweigen und Hinnehmen, für „Nicht-sehen-Wollen“ und „Nicht-sehen-Können“. Denn Angst macht vielfach blind, begünstigt Selbstentschuldigung und blanken Überlebenswillen, ist Voraussetzung für Mitgehen und unreflektierte Befehlsausübung, für „Selbstgleichschaltung“ gesellschaftlicher Gruppen und einzelner Individuen. Angst entsteht aus Zukunftssorgen, aus Existenznot, aus konkreter Furcht – sie entsteht im Inneren des Menschen, der durch die Angst, die er empfindet, vielfach gelähmt wird und aus dieser Lähmung heraus „erliegt“. Aber Angst wird auch erzeugt, geschürt, sie wird aus politischen Gründen gewollt, denn sie macht aus vielen verschiedenen Menschen eine Herde, sie ebnet Vielfalt und Individualität ein. Darum lehnte die NS-Volksgruppenführung die Vielfalt ab und proklamierte den absoluten Wert der Einheit und der Einheitlichkeit:

Es ist für unsere Volksgruppe eine freudig bejahte deutsche Pflicht gewesen, ihren Beitrag zum Bestand durch den Einsatz des Blutes ihrer Söhne zu leisten.3Auszug aus der Rede Andreas Schmidts beim Gründungsakt der NSDAP der DViR am 9. November 1940. In: Nationalsozialistischer Volkstumskampf. Reden und Aufsätze eines Kampfjahres von Andreas Schmidt, Führer der Deutschen Volksgruppe in Rumänien. Herausgegeben vom Amt für Presse und Propaganda. Hermannstadt [1942].

Ausdruck des Strebens nach Einheitlichkeit mit dem „Dritten Reich“ war der Wille, das Bewusstsein der deutschen Minderheit durch Propaganda gleichzuschalten. Warum gerade die NS-Funktionäre in der Volksgruppenführung, fragte ich mich und gelangte zu der Antwort: Nur sie kamen der vielfach aus Angst resultierenden Einheitserwartung, dem konfliktfeindlichen Harmoniestreben, dem ersehnten Zukunftsoptimismus, dem Streben nach einer Alternative zum bekämpften, unverstandenen und ungeliebten Liberalismus der Deutschen in Rumänien entgegen, indem sie bereit waren, mit gewaltsamen Mitteln diese ersehnten Ziele zu erfüllen:

Es ist uns eine heilige Verpflichtung und unser größter Stolz, zu bekennen, dass in Jahrhunderten des Kampfes unser Dasein, unser Bestand, unsere Sendung allein im mächtigen Strom deutschen Blutes, deutschen Geistes und deutscher Kultur denkbar war. Durch dieses Bekenntnis brechen wir mit einer Tradition, die in unserer Vergangenheit die geschichtliche deutsche Leistung im Südosten auf die Eigenständigkeit und Bodenständigkeit eines sächsischen Volkes in Siebenbürgen oder eines schwäbischen Volkes im Banat zurückführen wollte – denken Sie doch daran, dass in unserer ganzen Literatur der Begriff des „sächsischen Volkes“ einen hohen ethnischen Wert darstellte – und wir biegen vom Wege kultureller Verschweizerung in den Weg großdeutscher Sendung. Für uns gibt es kein Wunder einer achthundertjährigen Bestandserhaltung der sogenannten „Siebenbürger Sachsen“, oder einer zweihundertjährigen Kolonisationsleistung der „Banater Schwaben“’ –, für uns gibt es allein das Einbegriffensein in die zweitausendjährige germanisch-deutsche Kontinuität und Leistung in Europa.4Walter May: Deutsche Kultursendung im Osten. In: Volk im Osten, Dezember 1941, S. 16.

Die NS-Volksgruppenführung verfügte über den Willen und den Rückhalt, die proklamierte deutsche Einheitsgemeinschaft zu schaffen, die Ausdruck eines „monopolisierten Nationalbewusstseins“ war. Alle, die sich diesem Monopolanspruch nicht unterwarfen – Christen, Pazifisten, Demokraten, Liberale, nonkonformistische Intellektuelle oder Künstler – wurden dennoch, und mit Duldung der rumänischen Regierung, dieser Nazi-Clique unterstellt und zugleich einer unwürdigen Behandlung ausgesetzt. Sie litten unter einer unkontrollierten Machtausübung, die Ausdruck entfesselter und ungezügelter Willkür war.

Überraschend war die weitgehende und mühelos anmutende Gleichschaltung der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien sowie deren konfessioneller Schulen und Vereine nach der Einsetzung des Nazi-Bischofs Wilhelm Staedel, aber auch die Formung der öffentlichen Meinung. Die Deutung der Vorgänge als nationale Erhebung entfachte offensichtlich eine Stimmung, eine Art „Schweigespirale“, aus der sich kaum ein Zeitgenosse zu entwinden vermochte. Nur wenige Mitglieder des Landeskonsistoriums wie Magister Edgar Müller (Apotheker in Karansebesch, rum. Caransebeş), Michael Thut (Bauer in Petersdorf, rum. Petrești), Dr. Helmut Wolff (Zahnarzt in Hermannstadt, rum. Sibiu), Dr. Gustav Sontag (Arzt in Bukarest, rum. București), Dr. Konrad Möckel (Stadtpfarrer in Kronstadt, rum. Brașov), Dr. Wilhelm G. Seraphin (Pfarrer in Rosenau, rum. Râșnov), Dr. Karl Gündisch (Rechtsanwalt in Hermannstadt) und Dr. Otto Herzog (Fabrikdirektor in Lugosch, rum. Lugoj) protestierten gegen das Gesamtabkommen zwischen Kirche und NS-Volksgruppenführung vom 3. November 1941, bei dem die Übergabe der Schul- und Erziehungsanstalten sowie des gesamten beweglichen wie unbeweglichen Schulvermögens an die Volksgruppenführung beschlossen wurde. Die oben erwähnten Personen sowie Pfarrer Heinrich Wagner aus Leschkirch (rum. Nocrich), der sich weigerte, die Gemeindeschule und das Schulvermögen an die Volksgruppenführung zu übergeben, wurden ihres Amtes enthoben und einem schonungslosen Druck ausgesetzt.5Vgl. Johann Böhm: Die Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1941–1944. Frankfurt/M. 2003, S. 120. Selbstständige Denker wie Bischof Viktor Glondys und der Politiker Dr. Hans Otto Roth wurden gewaltsam isoliert.6Vgl. Klaus Popa (Hg.): Die Rumäniendeutschen zwischen Demokratie und Diktatur. Der politische Nachlass von Hans Otto Roth 1919–1951. Frankfurt/M. 2003, S. 645f., Nr. 378 und Nr. 391 III.

In der Regel versuchte die NS-Volksgruppenführung, sich als eine legal gebundene „Erfüllung“ nationaler Träume darzustellen, die den offensichtlichen Bevölkerungswillen vollziehen würde. Denken wir an die Richtlinien des neuen Volksgruppenrechts, die im Dekret-Gesetz Nr. 830 vom 20. November 1940 als „Volksgruppen-Gesetz“ mit sechs Artikeln veröffentlicht wurden. Das Dekret-Gesetz sicherte der deutschen Volksgruppe die Anerkennung als juristische Persönlichkeit, die Schul- und Kulturautonomie sowie den verstärkten Ausbau des deutschen Schulwesens.7Vgl. Böhm: Die Deutschen in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1933–1940, S. 258f.

Die Kritiker des Nationalsozialismus, die sich von der NS-Volksgruppenführung gelöst hatten, wurden gegenüber der angeblichen Volksmeinung ausgespielt. Dabei verschwieg die Nazi-Clique um Andreas Schmidt wohlweislich, dass sie alle ihre Energien auf die Formierung ebendieser Volksmeinung konzentrierte. Ihr Ausschließlichkeitsbewusstsein vertraute allerdings nicht allein auf die Stimmungen, sondern drückte sich in Anordnungen und Anweisungen aus, die die Gewichte im Kampf um die öffentliche Meinung entscheidend verschoben und so die Zerstörung der alten Ordnung der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben besiegeln sollten.

Mit einer marktschreierischen Propaganda, die das Misstrauen der rumänischen Regierung erweckte, versuchte Schmidt die Deutschen in Rumänien im Sinne der nationalsozialistischen Politik zu beeinflussen. Ihr Denken, Fühlen und Wollen geriet begreiflicherweise in Unordnung. Ihre frühere normale Geschlossenheit wurde gestört, sie selbst nahmen teilweise einen anderen Charakter an. Höchst bezeichnend war die elementare, hasserfüllte Feindschaft der neuen NS-Volksgruppenführung um Andreas Schmidt gegenüber allem Streben nach Objektivität, die einst als eine Haupttugend der Deutschen in Siebenbürgen und im Banat während der Habsburger Monarchie und nach 1918 in Rumänien angesehen wurde. Selbst vor der Tradition sowie vor der Kultur und dem Seelenleben machten Schmidt und seine Amtswalter nicht halt. Sie steigerten sich in etwas wie eine grundsätzliche „Denk-Abstinenz“ hinein: möglichst wenig denken und sich stattdessen Kräften hingeben, die man lebensvoller empfand als das Denken; ihnen allen war aber das eine gemein – den Deutschen in Rumänien die nationalsozialistische Ideologie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln aufzuzwingen.

Schmidt stützte sich von Anfang an auf die primären Begriffe der nationalsozialistischen Weltanschauung „Volk und Rasse“. Das Volk sei nicht staatsgebunden, darum verkündete er, wie im Reich, den nationalsozialistischen Gedanken der großdeutschen Volksgemeinschaft über alle staatlichen Grenzen hinweg.8Vgl. Punkt 1 des Programms der NSDAP. Diese Ansicht fußte in der Konzeption des nationalsozialistischen Denkens, wonach nicht das „internationale Minderheitenproblem“ wichtig war, sondern die Frage nach der deutschen Volksgruppe. Darum sollte der nationalsozialistische Staat auch über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus der Ordnungsfaktor im Lebensraum des deutschen Volkes sein.

Die ersten Bestrebungen Schmidts zielten darauf ab, die deutsche Volksgruppe innerhalb des selbst noch nicht gefestigten legionären Rumäniens fest zu verankern. Hierbei stützte er sich auf die Karlsburger Beschlüsse (18. November 1918), die durch das Abkommen des „Dritten Reiches“ mit Rumänien vom 30. August 1940 zur Rechtsgrundlage der Deutschen Volksgruppe erklärt worden waren. Als Ergebnis dieser Arbeit konnte dann hinsichtlich der Deutschen Volksgruppe in Rumänien das bereits erwähnte Dekret-Gesetz vom 20. November 1940 eingebracht werden und die Volksgruppe erhielt wieder einen Teil jener Rechte zurück, die die Siebenbürger Sachsen jahrhundertelang als eigene Körperschaft in diesem Raum besessen und erst durch die Auflösung der Nationsuniversität9Oberste politische Verwaltungs- und Gerichtsbehörde der Siebenbürger Sachsen zwischen 1486 und 1876. Ausführlich darüber in: Walter Myss (Hg.): Lexikon der Siebenbürger Sachsen. Thaur bei Innsbruck 1993, S. 364f. im Jahr 1876 Schritt für Schritt verloren hatten.

Diese neu erhaltenen Rechte und die Art und Weise ihrer Anwendung wurden unmittelbar in den Dienst der nationalsozialistischen Doktrin gestellt: Recht ist, was dem Volk nützt. Aber was nützten diese erworbenen Rechte den Deutschen in Rumänien, wenn die betriebene Unterdrückung durch die NS-Volksgruppenführung sie jeder Freiheit beraubte und zur Aufhebung jeglicher Rechtssicherheit führte? Ein ungeistiger Nationalsozialismus wurde in einseitiger Weise entgegen der natürlichen oder der gottgewollten Ordnung propagiert und der „Volksbegriff“ zum letzten und höchsten aller Werte inflationistisch aufgebläht und übersteigert.

Unser Glaube aber ist das heiße Gebet an Gott und die Vorsehung, dass unser Blut und die Erbwerte unseres Volkes auch weiterhin rein erhalten bleiben, damit seine ewigen Werte wie Ehre, Freiheit, Mut, Reinheit der Gesinnung, Charakterstärke, Arbeits- und Lebensfreude bestehen bleiben. Denn in der Fortpflanzung dieser Erbwerte und im Willen zum Kind, zum ewig fließenden Strom deutschen Blutes, bestehet allein die Lebenskraft unseres Volkes.10Rede bei der Jugendkundgebung zur Prinz-Eugen-Feier am 12.10.1941. In: Nationalsozialistischer Volkstumskampf. Reden und Aufsätze eines Kampfjahres von Andreas Schmidt, S. 2.

Dieser unrechtmäßige, verabsolutierte „Volksbegriff“ wurde zu einer wirksamen Waffe, mit dem die NS-Volksgruppenführung einen „Zweifrontenkrieg“ führte: einerseits gegen die einzelmenschliche Individualität, andererseits gegen die Solidarität oppositioneller Gemeinschaften. Der einseitige, triebhaft-ungeistige Nationalsozialismus nahm unerträgliche Formen an und übte eine verheerende und zerstörende Wirkung aus.

Bei einer Analyse der Voraussetzungen, die diese Entwicklungen ermöglicht hatten, gelangt man an den Punkt, an dem die Frage nach den politischen Einsatzstellen des Nationalsozialismus und damit der NS-Volksgruppenführung vertieft werden muss durch einen Blick auf die Kreise, derer sie sich zur Fundierung ihres politischen Machtwillens bediente oder die sie doch so nahe an sich heranziehen konnte, dass der NS-Volksgruppenführung im entscheidenden Augenblick tatsächlich ein Heer von Mitläufern zugefallen war, auch außerhalb der 14.000 Mitglieder und 43.000 Parteianwärter,11Vgl. Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin (i.F.: PA AA), Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vom Beginn des Russland-Feldzuges bis zum 1.7.1942, S. 19–22. und nicht zuletzt waren auch Einzelne unter den deutschen Kultur- und Bildungsträgern dabei, ja, sogar aus dem Bereich der evangelischen und katholischen Kirche. Schaut man sich die literarischen Äußerungen der Zeit an, so lehren sie in der Tat, dass die Kapitulation eines großen Teils der deutschen Bevölkerung Rumäniens 1940 nicht nur ein politisches, sondern ganz wesentlich auch ein soziales und geistiges Ereignis darstellte und vor allem die politischen Erfolge des „Dritten Reiches“ repräsentierte, die aus einer beträchtlichen Vorbereitungs- und Inkubationsperiode hervorgegangen waren. Gewiss haben Opportunismus und Furcht vor der beginnenden Gewaltanwendung der NS-Volksgruppenführung und ihrer Unterorganisationen Einsatz-Staffel (ES), Deutsche Mannschaft (DM), Deutsche Jugend (DJ), NS-Frauenwerk und anderer im Hinblick auf die Ereignisse mitgewirkt; aber Gleichschaltung und Selbstidentifizierung mit der totalitären Volksgruppenführung geschahen in so erstaunlichem Maße und mit solcher Schnelligkeit, dass man nicht umhinkommt, von einer hohen Prädisponiertheit und Anfälligkeit eines Großteils der Deutschen in Rumänien zu sprechen. Dieses Phänomen erscheint umso bedeutsamer, je klarer einem wird, dass die NS-Volksgruppenführung selbst gerade in dieser Hinsicht keineswegs über die „Fachkräfte“ verfügte, die der proklamierte Ausbau einer neuen Weltanschauung und ihre pseudowissenschaftliche Fundierung erfordert hätten.

Mit der Heranziehung der jungen nationalsozialistisch angehauchten Kräfte und ihrem Einbau in die Führung der Volksgruppe brach sich auch die Anschauung Bahn, dass die Deutsche Volksgruppe in Rumänien nicht mehr ein selbstständiges Gebilde, wie es die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen früher war, sondern nur noch ein Teil des nationalsozialistischen Deutschlands darstellte und daher die eigenen Interessen denen des „Dritten Reiches“ unterzuordnen hatte.12Vgl. PA AA, Inl. IIg / 214, Ganz geheim! An den Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle, SS-Obergruppenführer Lorenz, Fuschl, den 16.1.1941, Blatt D 653141–654143.

Die leitenden Personen in der NS-Volksgruppenführung ab 1940 entsprachen vermutlich am ehesten dem Stereotyp des Gestapo-Beamten im Reich. Wie ihr Chef, Andreas Schmidt, waren sie jung, ein beachtlicher Teil war akademisch gebildet und hatte sich früh zur nationalsozialistischen Bewegung bekannt. Und ebenso wie Andreas Schmidt waren viele von ihnen unsichere Persönlichkeiten. Der Nationalsozialismus gab diesen Männern eine berufliche Perspektive und eine Identität, mochte sie auch unecht und brüchig sein. Nach kurzer Zeit war die NSDAP der DViR für sie die einzige Autorität auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Dadurch sank die große Bedeutung der Konfessionen, die diese bis dahin in Siebenbürgen und im Banat gehabt hatten – die Kirchen wurden entpolitisiert und der NS-Volksgruppenführung unterworfen. Die Aufgaben der „Nachbarschaften“, die die Deutschen nach Wohngebieten zusammenfassten, wurden ebenfalls der Partei unterstellt, die damit zur Treuhänderin der gesamten Volksgemeinschaft wurde. Mit ihren über Gebiet, Kreis, Ort, Zellen und Blocks hierarchisch nach dem Führerprinzip gegliederten Organisationen stellte die Partei den nationalsozialistischen Führungsapparat dar, der den politischen Befehl von der obersten Spitze bis zur Basis durchführte. Die Führerschaft wurde nach den für die SS geltenden Grundsätzen ausgewählt und musste auch in rassischer Hinsicht die Auslese der Volksgruppe darstellen.

Dieses System der Täuschungen und die Führungsmethoden der Volksgruppenführung waren sorgfältig ausgeklügelt, wurden ständig neuen Möglichkeiten angepasst und vielfach geändert. Es war jederzeit zu durchschauen. Zweckinformationen, vorbedachte „Anmerkungen“, als „vertraulich“ bezeichnete Aussagen, hingeworfene Nebensächlichkeiten, denen die Volksgruppenführung – tatsächlich oder scheinbar – Bedeutung zumaß: Diese und andere Methoden der Lenkung zu erkennen und zu entlarven war die Aufgabe für den kritischen Beobachter, deren Erfüllung jedoch nur selten der Fall war.

Im Gleichschritt: Die nationalsozialistische Presse- und Propagandaarbeit unter Volksgruppenführer Andreas Schmidt

Mit Hilfe des Amtes für Presse und Propaganda hatte sich Andreas Schmidt ein bisher in der Geschichte der deutschen Minderheit noch nicht bekannt gewesenes Instrument geschaffen. Die Neuerung hatte Schmidt ohne Schwierigkeiten bei der rumänischen Regierung durchsetzen können. Dieses Amt sollte Aufklärung und Propaganda unter der deutschen Bevölkerung über die Politik der NS-Volksgruppenführung wie auch des „Dritten Reiches“ und über die rumänische Politik sowie über den nationalen Aufbau im deutschen Siedlungsraum von Rumänien betreiben. Das Amt bekam durch Anweisungen und Verordnungen und durch das Vertrauen, das der Chef des Amtes, Walter May, bei Schmidt persönlich genoss, ein erheblich größeres Gewicht, als es die anderen Ämter hatten. Infolgedessen wurde die Aufgabe des Amtes für Presse und Propaganda wesentlich erweitert, sodass Walter May alle Bereiche der Publizistik sowie Journalistik bis zum einfachen Artikelschreiber kontrollierte. Literatur, Theater, Film, bildende Kunst und auch die Musik unterstanden ebenfalls May und sollten mit ihren verschiedenen Ausdrucksmitteln auf sublime Weise die deutsche Bevölkerung permanent im Sinne der nationalsozialistischen Politik und des totalen Krieges beeinflussen und so eine grundsätzliche Aufnahmebereitschaft für die in der Tageszeitung verbreitete aktuelle Propaganda schaffen.

Die Literaturpolitik der Volksgruppenführung, die vom Amt für Presse und Propaganda in die Tat umgesetzt wurde, begann mit dem Aufbau von Kontroll- und Aufsichtsinstanzen. Durch Werbeaktionen, die vom Schriftstellerverband veranstaltet wurden, etwa Dichterlesungen,13Vgl. PA AA, Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht (wie Anm. 11), S. 19–22. sowie durch Vergabe von Literaturpreisen wurden diejenigen Schriftsteller gefördert, deren Werke geeignet waren, die Politik der Volksgruppenführung zu unterstützen. Neben der parteiamtlichen Kontrolle prüfte das Amt für Presse und Propaganda die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung der NSDAP der DViR sowie das gesamte Schrifttum, soweit es eine weltanschauliche, politische, kulturelle oder erzieherische Ausrichtung hatte.14Vgl. ebenda. Darunter fielen selbst Romane. Die Jugendliteratur wurde außer vom Amt für Presse und Propaganda auch vom Propagandaamt der Landesjugendführung und dem NS-Lehrerverband geprüft. Die von parteiamtlichen Stellen der Volksführung getragene Literaturpolitik beschränkte sich nicht nur auf Verbote für unliebsame Schriftsteller und deren Ausschaltung aus literarischen Gesellschaften, sondern schuf darüber hinaus durch die Kontrolle von Buchhandel und Büchereien und die Steuerung der Werbung durch die Kulturkammer einen Filter, durch den nur ein bestimmter Teil der publizierten (und nicht verbotenen) Schriften an die Öffentlichkeit gelangte. Damit diese Arbeit durchgeführt werden konnte, waren neben den 24 hauptamtlichen NS-Amtswaltern noch 738 ehrenamtliche tätig.15Vgl. ebenda, S. 19.

In den folgenden Jahren wurde immer deutlicher, wie lebhaft Alfred Hönig, Hauptschriftleiter der Südostdeutschen Tagezeitung – eine Art Völkischer Beobachter Südosteuropas –, und Hans Hartl, stellvertretender Chefredakteur derselben Tageszeitung, an der Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie in diesem Raum beteiligt waren. Um ihren Einfluss bei Volksgruppenführer Andreas Schmidt und beim Chef des Presse- und Propagandaamtes Walter May geltend zu machen, waren sie bereit, den Einfluss anderer zu zerstören.16Vgl. Johann Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945. Frankfurt/M. 2006, S. 77 und S. 90. Sie schreckten dabei nicht zurück, sich auch bei solchen anzubiedern, mit denen sie sonst nichts gemein hatten. Wenn man heute ihre Artikel in der Südostdeutschen Tageszeitung liest, wird man sich ihrer Formulierungskunst bewusst, die täuschen und verdecken wollte und doch freilegte, was die Nazi-Ideologie von ihnen verlangte. Es war eine Afterkunst spitzfindiger Scharlatanerie, heimtückischer Scharfmalerei, zynischer Doppelzüngigkeit von Ehrgeizigen in hohen NS-Posten.

Dass die Herausgeber der Neuen Kronstädter Zeitung im Jahr 1988 noch immer nicht begriffen hatten, welch verheerende Rolle Hans Hartl von 1940 bis zum 23. August 1944 im deutschen Siedlungsraum von Rumänien gespielt hatte, ist für einen halbwegs gebildeten Menschen nur schwer zu verstehen. Zum 75. Geburtstag von Hans Hartl würdigte ein gewisser „B“ dessen fragwürdige Verdienste, indem er folgende geschichtsfälschende Äußerung machte: „Hartl musste aus Rumänien fliehen, weil er – zu hoher Haftstrafe verurteilt – in den Jahren davor durchaus nicht im kommunistischen Sinne und Geiste Journalismus betrieben hatte“.17Neue Kronstädter Zeitung, 15.10.1988, S. 5. Korrekt müsste es heißen: „in menschenverachtendem Sinne und Geiste Journalismus betrieben hatte“. Seine in der Würdigung angeführten Funktionen in der Bundesrepublik Deutschland als Leiter der Abteilung für Gegenwartsforschung am Südost-Institut, als Herausgeber des Wissenschaftlichen Dienstes Südosteuropa, als Gründer der Kulturpolitischen Korrespondenz und als Redakteur der Südosteuropa-Mitteilungen sowie als Präsidiumsmitglied der Südosteuropa-Gesellschaft und als „heimatpolitischer“ Sprecher und stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen hat Hartl dazu benutzt, die historische Entwicklung der Deutschen in Südosteuropa und ganz besonders in Rumänien in der Zwischen- und Kriegszeit sowie seine verhängnisvolle Rolle darin in nationalsozialistischem Sinne zu vertuschen und zu entstellen.

Wahrscheinlich ist zu keiner Zeit von Bürgern eines modernen Staates und von deutschen Volksgruppen in Ostmittel- und Südosteuropa jemals intensiver und beständiger analysiert, diskutiert und geflüstert, spekuliert und gehöhnt, geflucht und verdammt worden als in jenen Jahren, in denen die Nazis das Sagen hatten. Es war eine der Zeiten, in der man im deutschen Siedlungsraum von Rumänien lernte, dass schon allein die Ahnung, getäuscht und belogen zu werden, einen in die innere Emigration zwingen konnte, auch dann, wenn der Zweifel zwar nicht bestätigt, aber ebenso wenig beseitigt wurde – mochte ein Dementi noch so geschmeidig formuliert sein.

Im Zuge der Neuordnung des deutschen Pressewesens der NSDAP der DViR fand vom 7. bis 9. Februar 1941 in Hermannstadt eine Schulung statt, in der Walter May den Schrift- und Pressestellenleitern zu verstehen gab, dass in Zukunft ein reibungsloser Ablauf zwischen Volksgruppenführung und Presse gewährleistet werden müsse.18Vgl. Schulung der Schriftleiter und Pressestellenleiter der Volksgruppe. In: Volk im Osten, H. 3 und 4, Februar 1941, S. 41. Von nun an bestimmte dieses Amt, was den Deutschen in Rumänien nützen oder schaden würde – der „Dienst am Volksganzen“ hatte nach May „hygienische Erfordernisse“ und musste der „Sanierung des Volkskörpers“ Rechnung tragen.

Was die deutsche Presse in Rumänien nach 1940 anbelangte, wurde eine „radikale Bereinigung durchgeführt“, sodass all jene Personen, die mit der Nazi-Politik der NS-Volksgruppenführung nicht einverstanden waren, aus den Redaktionen entfernt wurden. In Bukarest wurde eine Pressestelle der Volksgruppenführung ins Leben gerufen, die als Zentrale für das gesamte Nachrichtenwesen der deutschen Presse in Rumänien diente.

Den Journalisten wurde nicht nur vorgeschrieben, über welche Ereignisse sie berichten durften oder nicht, sondern auch wie sie diese zu kommentieren hatten, häufig auch, wie lang einzelne Artikel sein mussten oder durften und an welcher Stelle oder Seite der Zeitung sie platziert werden sollten. Zu allen für wichtig gehaltenen Fragen wurden den Journalisten (Artikelschreibern) ausformulierte Kommentare zugeteilt, die von den deutschen Zeitungen vollständig abgedruckt werden konnten.

Nach nur zwei Ausgaben betrug die Gesamtauflage der im März 1941 gegründeten Südostdeutschen Tageszeitung 15.000 Exemplare. Die Wochenzeitung Südostdeutsche Landpost hatte eine Auflage von 30.000 und Schaffendes Volk 47.000, während die Monatsschrift Volk im Osten mit einer Auflage von 2.500 Exemplaren erschien. Das monatliche Schulungsheft Der Parteigenosse trug zur weltanschaulichen und politischen Willensbildung bei. In einer kurzen Zeit (1. Juli 1941 bis 1. Juli 1942) wurden an monatlichen Pflichtschulungsabenden 32.000 Mitglieder und Amtswalter der Bewegung für die Arbeit innerhalb der Volksgruppe ausgebildet.19Vgl. PA AA, Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht (wie Anm. 11), S. 21. Sie erhielten die Anweisung, über Berufsangelegenheiten, besonders über Schulungskurse und Lehrgänge, die einer weiteren Indoktrinierung dienten, in der Öffentlichkeit Stillschweigen zu bewahren. Trotzdem konnte die detaillierte Reglementierung der deutschen Presse nicht verborgen bleiben. Die weitgehende Uniformierung der oben angeführten Zeitungen und Monatsschriften führte bald zu einem starken Verlust ihrer Glaubwürdigkeit. Die mit der Presseleitung befassten Personen reagierten darauf jedoch nicht mit einer teilweisen Liberalisierung der Pressepolitik, sondern versuchten im Gegenteil, eine Differenzierung zwischen den einzelnen Zeitungen und Monatsschriften durch noch intensivere Reglementierungen zu erreichen. Immer wieder wurden Sonderaufgaben an die einzelnen Blätter ausgegeben, die genau auf den entsprechenden Leserkreis abgestimmt waren, und schließlich wurden Artikel wie Rollen verteilt, die alle das gleiche Thema jeweils unter einem anderen Aspekt behandelten. Dadurch sollte Eigenständigkeit bei gleichzeitiger politischer und weltanschaulicher Geschlossenheit demonstriert werden.

Das entsprechende Monopol für Nachrichten, welche die Partei, ihre Gliederungen und angeschlossene Verbände betrafen, hatte – wie bereits erwähnt – das Amt für Presse und Propaganda, das die einheitliche Lenkung der deutschen Presse sicherte. Es war bemüht, Personen mit geringem nationalsozialistischem Engagement über deren berufliche oder private Interessen mit den Zielen der Volksgruppenpolitik bekannt zu machen und, wenn möglich, für deren Durchsetzung zu aktivieren. Das Prinzip der Politisierung gemeinhin als unpolitisch verstandener Bereiche der deutschen Presse galt auch für die einzelnen Zeitungen selbst: Feuilleton, Lokal- und Wirtschaftsteil, Sport- und Frauenbeilagen sollten so konzipiert werden, dass sie für den jeweils Interessierten die Eingangspforte zum Verständnis des politischen Werdegangs und Geschehens sein konnten.

Die aktive Propaganda setzte sich bis zum 1. September 1943 vor allem mit anstehenden Problemen wie „Für die deutsche Schule“, „Volksbeitrag“, „Alles für die Front“ oder „Die Waffen-SS ruft Dich“ auseinander. Vom 1. Juli 1942 bis zum 1. September 1943 wurden weitere „30.000 Parteigenossen und Parteianwärter an Hand des Schulungsheftes Der Parteigenosse, dessen Auflage von 2.500 auf 4.100 Exemplare erhöht wurde, politisch geschult“. Außerdem wurden „1.800.000 Exemplare verschiedener Propagandaschriften verteilt“.20PA AA, Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht (wie Anm. 11), S. 17.

Mit so einem ausgeprägten und vielfältigen deutschen Pressewesen war es dem Presse- und Propagandaamt der NSDAP der DViR ein Leichtes, die deutsche Bevölkerung mit der nationalsozialistischen Ideologie zu infizieren. Die Nazi-Partei war keine Partei (Verband) mehr unter anderen, sondern etwas Anderes, Neues. Vor allem fielen die Gegner weg, die die Existenz der Partei infrage gestellt hätten. Walter May war sich dessen bewusst, dass die Presse nicht nur informieren, sondern auch instruieren müsse. Er betonte immer wieder, dass die Presse in der Hand der NS-Volksgruppenführung ein Musikinstrument sein müsse, auf dem sie spielen können müsse, dass sie ein ungeheuer wichtiges und bedeutsames Massenbeeinflussungsinstrument sei, dessen sich die Volksgruppenführung in ihrer verantwortlichen Arbeit bedienen könne. Das zu erreichen betrachtete May als eine seiner Hauptaufgaben:

Jeder einzelne Volksgenosse ist eingereiht in die große Erziehungsschule des Nationalsozialismus. Jeder einzelne wird dazu erzogen, der Ewigkeit seines Volkes zu dienen durch die Stärkung der nationalsozialistischen Gemeinschaft und dem tiefsten Zweck jeder Ordnung: Der Höherpflanzung des Lebens durch Hebung der besten Werte und Weitergabe des besten Blutes.21Walter May: Ein Jahr Partei..In: Südostdeutsche Tageszeitung [i.F.: SdT], 31.10.1941.

Die Presse – berufen zum hingebungsvollen, stets opferbereiten Dienst für die NS-Volksgruppenführung – forderte von jedem, der zu ihrer Gestaltung mit berufen war, strenge Erfüllung auch der kleinsten Pflicht und höchstes Verantwortungsbewusstsein. Es war für jeden mitwirkenden Journalisten und Artikelschreiber erklärlich, dass er aus diesem Bewusstsein heraus in vorderster Linie mit ständigem Einsatz aller Kräfte für das Volksganze mitkämpfen musste. Dies festigte alle Schaffenden der deutschen Presse in Rumänien zu einem soliden Block, aus dem alle „Schlacke“ und alles, was gegen den Nationalsozialismus sprach, durch den harten Hammerschlag der Pflicht entfernt wurde. Die Objektivität war für die NS-Volksgruppenführung eine Gefahr, darum führte sie eine „Objektivität“ ein, die nur einen Wertmesser kannte: das Volk. Bei allem, was geschah, wurde zunächst gefragt: Nützt es den Deutschen in Rumänien oder schadet es ihnen? Schadete es ihnen aus Sicht der Volksgruppenführung, dann musste es verschwinden. Das geschriebene Wort sollte Aktionen auslösen und vorbereiten.Seit der Einsetzung von Andreas Schmidt zum Volksgruppenführer der Deutschen in Rumänien hatte der politische Kampf in der deutschen Presse Formen angenommen, wie sie bis dahin unbekannt waren. Die Bestimmungen des Presse- und Propagandaamtes bezüglich der Schriftmedien, die Verordnungen zur Bekämpfung politischer Gegner und die Verordnungen zum Schutze des deutschen Volkes waren der Reflex dieser Art des politischen Kampfes. Mit der Zusammenfassung des gesamten deutschen Kulturschaffens im Presse- und Propagandaamt war die Kulturpolitik einheitlich auf das Ganze, auf die deutsche Bevölkerung, ausgerichtet. Damit war die Presse als politischer Faktor und als kulturschaffende Einrichtung von der NS-Volksgruppenführung selbst geordnet und geleitet. Als körperschaftliches Einzelamt traf das Presse- und Propagandaamt seine Maßnahmen in Form von Anordnungen und Bekanntmachungen.

Seit der Einsetzung von Andreas Schmidt zum Volksgruppenführer der Deutschen in Rumänien hatte der politische Kampf in der deutschen Presse Formen angenommen, wie sie bis dahin unbekannt waren. Die Bestimmungen des Presse- und Propagandaamtes bezüglich der Schriftmedien, die Verordnungen zur Bekämpfung politischer Gegner und die Verordnungen zum Schutze des deutschen Volkes waren der Reflex dieser Art des politischen Kampfes. Mit der Zusammenfassung des gesamten deutschen Kulturschaffens im Presse- und Propagandaamt war die Kulturpolitik einheitlich auf das Ganze, auf die deutsche Bevölkerung, ausgerichtet. Damit war die Presse als politischer Faktor und als kulturschaffende Einrichtung von der NS-Volksgruppenführung selbst geordnet und geleitet. Als körperschaftliches Einzelamt traf das Presse- und Propagandaamt seine Maßnahmen in Form von Anordnungen und Bekanntmachungen.

Der politische Journalist musste auch im deutschen Siedlungsraum von Rumänien „Vollnationalsozialist“ sein, was als jene fast metaphysische Verbundenheit mit der Idee des Führers zu verstehen ist, die zur virtuosen Beherrschung politischer Stoffe unumgänglich erscheint. Er musste die Forderung der seelischen Verbundenheit mit den tragenden Ideen des Nationalsozialismus erheben, aus der die eigentliche schöpferische Fruchtbarkeit seiner Arbeit entströmte:

Die deutsche Revolution hat eine Umwertung aller Werte gebracht. Sie stellt den Grundsatz, dass „Gemeinnutz vor Eigennutz“ geht, der Auffassung früherer Geschlechter entgegen, dass das „höchste Glück der Erdenkinder die Persönlichkeit“ sei. Sie fordert, dass der einzelne Mensch sich willig und unbedingt der Parole fügt, die ihm von der Führung gegeben wird, während früher der ehrenwerte Mensch die letzten Weisungen von der Stimme seines Gewissens erhielt. Wenn früher jemand sagte, dass er nur seinem Gewissen folgen könne, wenn jemand nach einer Abstimmung mutig seine Sondermeinung zu Protokoll gab, so erregte er die Bewunderung seiner Mitbürger. Der nationalsozialistische Mensch von heute aber versteht ihn nicht. Er sieht in ihm einen Volksschädling, der, statt der Parole zu folgen, eigene Wege zu gehen versucht und dadurch die Ziele, die sich die Führung gesetzt hat, gefährdet. […] Der Nationalsozialismus ist nicht nur eine nationale, sondern auch eine sozialistische Bewegung. Eine sozialistische Bewegung aber ist eine Gemeinschaftsbewegung. Sie muss den Individualismus ausrotten, wenn sie erreichen will, dass der Gemeinnutz wirklich über den Eigennutz gestellt wird.22Dr. Otto Fritz Jickeli: Parole oder Gewissen? In: SdT, 8.4.1942.

Nur wer dieses fanatische Gefühl für die Größe und Schicksalhaftigkeit der damaligen Zeit – wie Jickeli – besaß, konnte seine Aufgabe als politischer Journalist erfüllen. In diesem Sinne sind die Äußerungen von Jickeli, etwa: „So gesehen, ist der Nationalsozialismus gewiss die größte Revolution, die sich jemals in dem deutschen Volk abgespielt hat. […] Unsere Siedlungsgruppe zeigt sich nur dann der neuen Zeit würdig, wenn wir geistig ein kleiner Teil der großen deutschen Revolution werden“,23Dr. Otto Fritz Jickeli: Deutsche Revolution. In: SdT, 10.5.1942. so zu verstehen, dass nicht ein politischer Imperialismus, sondern eine Neuschöpfung der Welt durch den Nationalsozialismus entstehe. Freilich erfordern diese Gedankengänge Jickelis hohe geistige Fähigkeiten, ohne die solche weltanschaulichen Betrachtungen eines politischen Journalisten ihrer wesentlichen Aufgabe nicht entsprechen könnten.

So wie die NS-Volksgruppenführung war auch ihre Presse eine Apparatur, die einem Selbstzweck diente. Nur wenige fähige Köpfe ließen sich von der NSDAP der DViR nach 1940 begeistern, Männer wie Walter May,24Walter May, 1941–1944 Chef des Amtes für Presse und Propaganda der NSDAP der DViR. Dr. Otto Fritz Jickeli,25Dr. Otto Fritz Jickeli, bis 1941 Gauleiter von Siebenbürgen, nach 1941 NS-Spitzenjournalist der NSDAP der DViR. Alfred Hönig,26Alfred Hönig, Hauptschriftleiter der Südostdeutschen Tageszeitung, eine Art Völkischer Beobachter Südosteuropas. Hans Hartl,27Hans Hartl, stellvertretender Chefredakteur der Südostdeutschen Tageszeitung und NS-Spitzenjournalist der NSDAP der DViR. Josef Gaßner,28Josef Gaßner, Hauptschriftleiter der Südostdeutschen Tageszeitung, Ausgabe Banat. Hans Philippi29Hans Philippi, Leiter der Abteilung „Presse“ der Arbeiterschaft der NSDAP der DViR. und Dr. Otto Ließ30Dr. Otto Ließ, Hauptabteilungsleiter der NS-Volksgruppenführung und Stellvertreter von Volksgruppenführer Andreas Schmidt. standen mit Herz und Hirn gleichzeitig fast immer auch außerhalb der Redaktion in irgendeiner Formation aktiv unter der Fahne der NSDAP der DViR. Diese Jahre (1940 bis 1944) formten einen Typus von Journalisten im deutschen Siedlungsraum von Rumänien, der völlig neu und anders sein musste als derjenige vor 1940, einen Journalisten, der sein Können in erster Linie als Berufung auffasste – so wie Alfred Hönig und Hans Hartl –, der Kämpfer für die Verwirklichung der nationalsozialistischen Ideologie war. Dieser Journalistentypus hatte als Person den Journalisten der Vergangenheit überwunden, er war deshalb des Vertrauens der NSDAP der DViR würdig, denn er war in erster Linie Kämpfer der Partei. Der Nationalsozialismus hatte ihm ein neues journalistisches Ethos gegeben: das Ethos des Dienstes an der nationalsozialistischen Politik. Dieses Ethos, das sich in der deutschen Presse niederschlug, sollte der Welt die Gewissheit geben, dass dieser neue Journalist die politischen Gedanken des Führers verstand und dessen Parolen die seinigen seien, sodass er seinen Eindruck auf die Leser weiterwirken ließ. Hier lag seine Aufgabe. Er konnte das in der Weise tun, dass eine gute Schilderung nach Vorstellung der Partei daraus erwuchs. In welche Form er das Geschehen goss, das bestimmte das Presse- und Propagandaamt Walter Mays. Es musste jedenfalls ein Spiegelbild entstehen, das dem Leser die Politik der NS-Volksgruppenführung schmackhaft machte.

Dass die Neuordnung der deutschen Bevölkerung in Rumänien durch die NSDAP der DViR nach 1940 einen Wandel hervorrief, war von Anfang an jedem einsichtigen Deutschen bewusst. Und jene Redakteure, die gewillt waren, ihre sogenannte kulturelle Aufbauarbeit in einem umfassenden nationalsozialistischen Geist fortzusetzen, wurden von der NS-Volksgruppenführung voll und ganz unterstützt.

„Blut und Boden“, diese beiden Worte schließen das gesamte nationalsozialistische Programm in sich ein und waren daher aus der deutschen Presse von Rumänien nach 1940 – und teilweise auch schon in den 30er-Jahren – nicht mehr wegzudenken. Die Blut-und-Boden-Ideologie erhob die Rasse (Blut) zur Legitimation für eine Nation, sich auszudehnen und den Bestand des eigenen Volkes durch die Vernichtung anderer Völker und durch die Erschließung von Lebensraum (Boden) zu garantieren. Sie entstand aus dem Rassismus und dem Nationalismus des späten 19. Jahrhundert und wurde dann im 20. Jahrhundert zu einer der zentralen Dogmen des Nationalsozialismus. Der Siebenbürger Sachse August Georg Kenstler gab in den Jahren 1929 bis 1934 die Zeitschrift Blut und Boden heraus,31Ausführlich darüber bei Johann Böhm: August Georg Kenstler, Herausgeber der Monatsschrift Blut und Boden und aktiver Vorkämpfer der nationalsozialistischen Agrarpolitik. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik 15 (2003) H. 1, S. 19–43. die dem völkischen politischen Lager entstammte und stark an der Verbindung der Landwirtschaft mit Rassefragen orientiert war. Die Zeitschrift, die mit dem Untertitel Monatsschrift für wurzelstarkes Bauerntum, deutsche Wesensart und nationale Freiheit bereits programmatische Züge aufwies, arbeitete eng zusammen mit einigen völkischen Institutionen sowie mit Sachs’, halte Wacht, der Zeitschrift heimattreuer Siebenbürger Sachsen und ihrer Freunde. Von Sachs’, halte Wacht, deren Herausgeber Fritz Fabritius war und als deren Schriftleiter August Georg Kenstler fungierte, erschienen nur zwei Hefte – 1927 und 1928 im Verlag für deutsche Art in Hellerau bei Dresden –, wobei die Redaktion zum Teil in Personalunion vom Herausgeber und dessen Freundeskreis besetzt war.

Noch bevor der NS-Funktionär Richard Walther Darré 1930 in München sein Blut-und-Boden-Buch veröffentlichte – das übrigens von Kenstler lektoriert wurde –, prägte Kenstler bereits den gleichnamigen Mythos, der später in der NS-Programmatik so großes Gewicht erhalten sollte. Doch die „Erbverbundenheit“ von Mensch und Erde war bei Weitem nicht die einzige Motivation.

Der Schaffung von „Erbgesundheitsämtern“ und der Zwangssterilisation „rassisch Minderwertiger“ stand man deutlich positiv gegenüber. Geistige Erneuerung, Führerprinzip, Schaffung einer Herrenschicht, völkische Siedlung im Osten, Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft waren weitere gesellschaftliche Ziele der deutschen Presse in Rumänien. Die strikte Ablehnung des als Knechtschaftsinstrument empfundenen Versailler Vertrages, eine Gegnerschaft zum Marxismus, Bolschewismus, Pazifismus, Sozialismus, Kapitalismus, Judentum, Jesuitismus, zur Freimaurerei und Demokratie – all das waren Themen, mit denen sich die deutsche Presse im nationalsozialistischen Sinne auseinandersetzte.

Die „Reinhaltung der Rasse“ und die Widernatürlichkeit des demokratischen Prinzips beherrschte das deutsche Pressewesen in Rumänien:

Die Menschen gehen nicht an verlorenen Kriegen zu Grunde, sondern durch den Verlust ihrer Widerstandsfähigkeit, die nur dem reinen Blute zu eigen ist. Der Mensch ist ein Lebewesen, wie alle anderen und ist deshalb allen Naturgesetzen unterworfen. […] Die Gegenauslese müsste beseitigt und durch natürliche Auslese ersetzt werden. Da das jedoch unmöglich ist, müssen wir uns auf Beseitigung der ärgsten Schäden beschränken. Die Asylierung von Menschen mit krankhaften Erbanlagen ist zwar wirksam, aber sie kostete das deutsche Volk allein im Jahre 1928 eine Milliarde Reichsmark, die den gesunden Menschen entzogen werden musste. So ist man zur „Sterilisierung“, Unfruchtbarmachung, geschritten, die den Betroffenen keinerlei Schäden oder Einschränkungen aufzwingt und trotzdem die Zeugung lebensunfähiger Kinder verhindert.32Dr. Albert Hermanns: Rasse und Volk. Vortrag. In: SdT, 6.2.1942.

In seinem Vortrag „Rasse und Volk“, der im Rahmen einer Veranstaltung des Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben gehalten wurde, betonte Dr. Albert Hermanns, dass die Geschichte gezeigt habe, dass Völker, die die „Rassengesetze außer acht ließen, verfielen“ und vom Erdboden verschwunden seien, „während die anderen, die die Gesetze des Blutes hochhielten, mächtig und größer wurden“. Darum sei es „Aufgabe der neuen deutschen Schule“ in Rumänien und der NS-Volksgruppenführung, „die Jugend so zu erziehen, dass sie biologisch denkt und handelt“.33Ebenda; vgl. auch Böhm: Die Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1941–1944, S. 126f.

Das „Naturgesetz“ der „Abgeschlossenheit der Rassen“, von der Nazi-Ideologie durch Gleichsetzung menschlicher Rassen mit tierischen Arten „bewiesen“, ließ jede rassische Vermischung als widernatürlich und grotesk erscheinen. Das „Gesetz“ wurde von der deutschen Presse in Rumänien aufgegriffen und in verschiedenen Artikeln und Ansprachen dahingehend interpretiert, dass jede Rasse verschieden stark sei und daher die Rassenmischung immer eine Schwächung der stärkeren Rasse sei; eine Schwächung nicht nur ihrer physischen Leistungsfähigkeit, sondern auch eine geistige und moralische Schwächung. Das Rassenprinzip beanspruche die Erklärbarkeit des Menschen in der Ganzheit seines Seins:

Rasse ist Erde. Alles was erblich ist, hat mit Rasse zu tun und alles, was nicht erblich ist, hat mit Rasse nichts zu tun. […] Wenn man erkennt, wie die Geschichte eines Volkes von den geistigen und seelischen Werten des Volkstums abhängt, so erkennt man die Rasse als geschichtsbildende Kraft. Schon diese Behauptung und Erkenntnis hat als Voraussetzung, dass die Rasseneigenschaften fortleben über Jahrhunderte und Jahrtausende und dass zu diesen Eigenschaften der Rasse auch geistige Fähigkeiten treten, die sich zusammen mit diesen Werten durch dieselben auswirken.34Univ. Prof. Dr. Eugen Fischer: Rasse als geschichtsbildender Faktor. Vortrag an der Temeschburger [korrekt: Temeswarer] Universität. In: SdT, 3.11.1941.

Walter May sorgte dafür, dass die Deutsche Volksgruppe unter der Führung von Andreas Schmidt zu einer autoritären Führerbewegung umfunktioniert wurde, in der die großen Werte und Ideale der freiheitlichen Demokratie keinen Platz mehr fanden: Die Idee der Humanität wurde nicht nur in der Presse, sondern auch in unzähligen Broschüren, Flugschriften und Filmvorführungen als Gefühlsduselei verunglimpft. Die Freiheit der Persönlichkeit wurde bedingungslos dem Willen der Volksgruppenführung untergeordnet. Diese verschworene Kampfgemeinschaft, so wurde die angestrebte „nationalsozialistische Volksgemeinschaft“ von der deutschen Presse in Rumänien – ähnlich wie im Reich – propagiert, sollte durch eine Reihe von Maßnahmen zustande gebracht werden: durch Reinigung der Rasse, vor allem durch Überwindung der Klassengegensätze sowie durch Beseitigung aller trennenden Elemente wie Parteien, Ideologien, Konfessionen, und schließlich durch eine neue, artgemäße Erziehung und Ethik.

Das Amt für Presse und Propagandalegte den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Abschirmung des „deutschen Wesens“ von allen fremden Einflüssen: Alles Internationale war dem „Völkischen“ suspekt und verhasst, darum verfolgte das Amt ein Programm völkischer Autarkie auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens der Deutschen in Rumänien: Reinerhaltung des deutschen Blutes; Konzentrierung auf deutsches Denken unter Ausschaltung fremden Geistesgutes, insbesondere durch Ausmerzung widerdeutschen jüdischen Literaturgeistes; Pflege artgemäßer, das deutsche Wesen verherrlichender Kunst; Abschaffung früherer Vereine, Verbände und Institutionen und ihre Ersetzung durch einen völkischen Neuaufbau sowie die Ersetzung des jüdischen Gottes durch einen „deutschen Gott“.

Diese vom Amt für Presse und Propaganda aufgegriffenen und verfochtenen Ideen waren ein wesentlicher Bestandteil des nationalsozialistischen Denkens der Volksgruppenführung. Der Unterschied zwischen der Volksgruppenführung und den völkischen Formationen der NSDAP der DViR bestand darin, dass sie alles daran setzte, dieses gemeinsame Gedankengut in den aktuellen Tageskampf einzubeziehen. Mit Verachtung blickte sie auf die „theoretisierenden völkischen Sekten“ herab, was in jeder Ausgabe der deutschen Presse in Rumänien nach 1941 zu lesen war. Da für die Volksgruppenführung „völkisches Bewusstsein“ gleichbedeutend mit „deutschem Bewusstsein“ war, „völkische“ Ziele als „deutsche“ Ziele angesehen wurden und die deutsche Presse das gekonnt verbreitete, gelang es Andreas Schmidt und seiner Nazi-Clique unter Betonung der „nationalen“ Ziele der NSDAP der DViR, Anklang bei den Deutschen in Rumänien zu finden. Erstaunlich ist nur, dass diese Niveausenkung, dieser Kulturschwund und diese Verdummungsversuche die Intellektuellen im deutschen Siedlungsgebiet nicht mit Schrecken erfüllten.

Schlussbetrachtung

Was mich nach meiner Ausreise 1969 in die Bundesrepublik Deutschland bewegte, war das Nachdenken über die Zeit von 1933 bis 1945, die etwas Zwingendes, etwas Schicksalhaftes in mir auslöste. Es war das Beispiel der Siebenbürger Sachsen, die sich mit großen Anstrengungen und mit einer bewundernswerten Zähigkeit eine lebenswerte Heimat aufgebaut hatten. Weil sie oft bedroht wurden, umgaben sie sich mit Burgen und Mauern, die auch in ihre Seelen drangen. Die Sachsen wurden hart, hingen an ihren Grenzen, versuchten immer wieder, die Angreifer abzuwehren, die ihre Burgen unerbittlich bestürmten. Selten aber war der Zusammenstoß zweier Systeme – Demokratie und Nationalsozialismus – so folgenreich, kaum ein System so gewaltsam, so zerstörerisch wie der Nationalsozialismus und die moralischen Folgen so tiefgreifend, die Ratlosigkeit vor der eigenen Geschichte der Zwischen- und Kriegszeit so groß wie in den Jahrzehnten nach 1945. Das Leiden während einer Übergangszeit, die bitteren Erfahrungen, die Zerstörung ihres „Hab und Guts“ und der alten Werte sowie der Zweifel an einem erfüllten Leben – all das trug sich bei vielen Siebenbürger Sachsen und auch bei mir nach 1945 zu. Als ich dann, nach meiner Auswanderung in die Bundesrepublik Deutschland 1969, die Erklärungen und Behauptungen ehemaliger hoher Nazi-Funktionäre in der Landsmannschaftsführung der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben in ihren Publikationen las, riefen sie bei mir eine tiefe Empörung hervor. Ich sah mich moralisch verpflichtet, in mehreren Veröffentlichungen gegen die innere Verknöcherung meiner Landsleute zu kämpfen und die Faktoren der politischen Entwicklung so darzustellen, wie sie in Wirklichkeit waren, und nicht, wie man sie gerne gehabt hätte. Dabei wurde ich von ehemaligen Nazis um Fritz Cloos ‒ ehemaliger SD-Mann und rechte Hand von NS-Volksgruppenführer Andreas Schmidt von 1940 bis Ende 1944, dann von 1956 bis 1987 aktiver Securitate-Agent und 1966 Gründer der Arbeitsgemeinschaft für südostdeutsche Volks- und Heimatforschung mit Sitz in Bad Tölz, in der er mit alten NS-Kameraden eine geschichtsrevisionistische Sicht der eigenen NS-Verstrickung pflegte und verbreitete – als Brunnenvergifter und Volksverräter geschmäht. Da ich wusste, was die sogenannten Ehemaligen damit bezweckten, wurde mir bewusst, dass ich nicht für alle betroffenen Landsleute oder gar alle meiner Generation, die von 1933 bis 1945 unter den Nazis leiden mussten, schreiben kann, sondern nur von meinem Gesichtswinkel her, wie etwa über die Verhältnisse, in denen ich groß geworden bin, und die damaligen Informationen, von den Einflüssen der Familie, der Schule und den Lehrern, die ich achtete und verehrte.

Da der heutigen Generation der Siebenbürger Sachsen die nationalsozialistische Zeit zu entfernt ist und ihr das historische Wissen und Denken weitgehend fehlt, habe ich diesen Aufsatz geschrieben. Als Gymnasiast habe ich hautnah die Fakten, um die es geht, in Siebenbürgen miterlebt. Und nur um die Darstellung der zeitgeschichtlichen Ereignisse geht es hier. Die Verdrängung eines Zeitalters wie das von 1933 bis 1945 wird niemandem gelingen, weil es viele unwiderlegbare Beweise gibt.

Auch nach 1945 versuchten ehemalige NS-Journalisten und NS-Funktionäre im Verband der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben und nach 1950 in der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben den Trick der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende durchzusetzen: „Man nehme eine wissenschaftliche Theorie und erkläre sie zur endgültigen und absoluten Wahrheit, auch wenn sie der gängigen wissenschaftlichen Praxis widerspricht.“ Bei einigen Deutschen und Akademikern aus Rumänien fand ihre Theorie Anklang, was die historische Aufarbeitung der Zwischen- und Kriegszeit eine Zeit lang bremste. Es gelang ihnen, die Faktoren der politischen Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken und fälschliche Behauptungen aufzustellen35Ausführlich darüber bei Johann Böhm, Klaus Popa: Vom NS-Volkstum- zum Vertriebenenfunktionär. Die Gründungsmitglieder des Südostdeutschen Kulturwerks München und der Landsmannschaften der Deutschen aus Rumänien, Ungarn und Jugoslawien. Frankfurt/M. 2014. Vgl. auch Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945. und so die Masse der Deutschen aus Rumänien zu täuschen.

Dr. Johann Böhm, geb. 1929 in Botsch/Batoș, Rumänien, ist Historiker, Politologe, Germanist und Rumänist. Nach seiner Auswanderung 1969 setzte er sein in Klausenburg/Cluj-Napoca begonnenes Studium in Bochum und Köln fort. 1984 wurde er in Köln mit der Arbeit Das Nationalsozialistische Deutschland und die Deutsche Volksgruppe in Rumänien 1936–1944 promoviert. 1988 begründete er den Arbeitskreis für Geschichte und Kultur in Ostmittel- und Südosteuropa e.V., dessen Vorsitzender er lange Jahre war. 1989 erfolgte die Gründung der Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, als deren Herausgeber er bis 2016 fungierte. Er ist Träger mehrerer Auszeichnungen, darunter der Hauptpreis der Nikolaus Lenau Kulturstiftung (1998) und die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2006).


[1] Hierzu zählten insbesondere die Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR) unter Fritz Fabritius, die sich ab 1934 Nationale Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien (NEDR) nannte, sowie die Deutsche Volkspartei Rumäniens (DVR) unter Alfred Bonfert und Waldemar Gust.

[2] Vgl. Johann Böhm: Die Deutschen in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1933–1940. Frankfurt/M. 1999, S. 258f.

[3] Auszug aus der Rede Andreas Schmidts beim Gründungsakt der NSDAP der DViR am 9. November 1940. In: Nationalsozialistischer Volkstumskampf. Reden und Aufsätze eines Kampfjahres von Andreas Schmidt, Führer der Deutschen Volksgruppe in Rumänien. Herausgegeben vom Amt für Presse und Propaganda. Hermannstadt [1942].

[4] Walter May: Deutsche Kultursendung im Osten. In: Volk im Osten, Dezember 1941, S. 16.

[5] Vgl. Johann Böhm: Die Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1941–1944. Frankfurt/M. 2003, S. 120.

[6] Vgl. Klaus Popa (Hg.): Die Rumäniendeutschen zwischen Demokratie und Diktatur. Der politische Nachlass von Hans Otto Roth 1919–1951. Frankfurt/M. 2003, S. 645f., Nr. 378 und Nr. 391 III.

[7] Vgl. Böhm: Die Deutschen in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1933–1940, S. 258f.

[8] Vgl. Punkt 1 des Programms der NSDAP.

[9] Oberste politische Verwaltungs- und Gerichtsbehörde der Siebenbürger Sachsen zwischen 1486 und 1876. Ausführlich darüber in: Walter Myss (Hg.): Lexikon der Siebenbürger Sachsen. Thaur bei Innsbruck 1993, S. 364f.

[10] Rede bei der Jugendkundgebung zur Prinz-Eugen-Feier am 12.10.1941. In: Nationalsozialistischer Volkstumskampf. Reden und Aufsätze eines Kampfjahres von Andreas Schmidt, S. 2.

[11] Vgl. Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin (i.F.: PA AA), Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vom Beginn des Russland-Feldzuges bis zum 1.7.1942, S. 19–22.

[12] Vgl. PA AA, Inl. IIg / 214, Ganz geheim! An den Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle, SS-Obergruppenführer Lorenz, Fuschl, den 16.1.1941, Blatt D 653141–654143.

[13] Vgl. PA AA, Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht (wie Anm. 11), S. 19–22.

[14] Vgl. ebenda.

[15] Vgl. ebenda, S. 19.

[16] Vgl. Johann Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945. Frankfurt/M. 2006, S. 77 und S. 90.

[17] Neue Kronstädter Zeitung, 15.10.1988, S. 5.

[18] Vgl. Schulung der Schriftleiter und Pressestellenleiter der Volksgruppe. In: Volk im Osten, H. 3 und 4, Februar 1941, S. 41.

[19] Vgl. PA AA, Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht (wie Anm. 11), S. 21.

[20] PA AA, Inl. II D (R100543), Leistungs- und Lagebericht (wie Anm. 11), S. 17.

[21] Walter May: Ein Jahr Partei..In: Südostdeutsche Tageszeitung [i.F.: SdT], 31.10.1941.

[22] Dr. Otto Fritz Jickeli: Parole oder Gewissen? In: SdT, 8.4.1942.

[23] Dr. Otto Fritz Jickeli: Deutsche Revolution. In: SdT, 10.5.1942.

[24] Walter May, 1941–1944 Chef des Amtes für Presse und Propaganda der NSDAP der DViR.

[25] Dr. Otto Fritz Jickeli, bis 1941 Gauleiter von Siebenbürgen, nach 1941 NS-Spitzenjournalist der NSDAP der DViR.

[26] Alfred Hönig, Hauptschriftleiter der Südostdeutschen Tageszeitung, eine Art Völkischer Beobachter Südosteuropas.

[27] Hans Hartl, stellvertretender Chefredakteur der Südostdeutschen Tageszeitung und NS-Spitzenjournalist der NSDAP der DViR.

[28] Josef Gaßner, Hauptschriftleiter der Südostdeutschen Tageszeitung, Ausgabe Banat.

[29] Hans Philippi, Leiter der Abteilung „Presse“ der Arbeiterschaft der NSDAP der DViR.

[30] Dr. Otto Ließ, Hauptabteilungsleiter der NS-Volksgruppenführung und Stellvertreter von Volksgruppenführer Andreas Schmidt.

[31] Ausführlich darüber bei Johann Böhm: August Georg Kenstler, Herausgeber der Monatsschrift Blut und Boden und aktiver Vorkämpfer der nationalsozialistischen Agrarpolitik. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik 15 (2003) H. 1, S. 19–43.

[32] Dr. Albert Hermanns: Rasse und Volk. Vortrag. In: SdT, 6.2.1942.

[33] Ebenda; vgl. auch Böhm: Die Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien und das „Dritte Reich“ 1941–1944, S. 126f.

[34] Univ. Prof. Dr. Eugen Fischer: Rasse als geschichtsbildender Faktor. Vortrag an der Temeschburger [korrekt: Temeswarer] Universität. In: SdT, 3.11.1941.

[35] Ausführlich darüber bei Johann Böhm, Klaus Popa: Vom NS-Volkstum- zum Vertriebenenfunktionär. Die Gründungsmitglieder des Südostdeutschen Kulturwerks München und der Landsmannschaften der Deutschen aus Rumänien, Ungarn und Jugoslawien. Frankfurt/M. 2014. Vgl. auch Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945.

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